Auf den Hessentag ist Stadtallendorfs Bürgermeister Manfred Vollmer (CDU) durchweg gut zu sprechen. Das Landesfest, das die mittelhessische Stadt im vergangenen Jahre ausrichtete, habe für die Kommune einen Schub bewirkt, wie dies kaum ein anderes Ereignis ermöglicht hätte. Dass die Ausrichtung des Landesfests die Stadt eine Menge Geld kostete, wird nach seinen Erkenntnissen durch den Ausbau von Infrastruktur und die positiven Auswirkungen auf das Image mehr als wettgemacht. Dabei sei die Skepsis vorher groß gewesen, erinnert sich Vollmer. Denn als Veranstalter des 50.Hessentags war ursprünglich Alsfeld vorgesehen, die Stadt, wo einst das erste Landesfest stattfand. Doch Alsfeld zog sich aus finanziellen Gründen zurück. Was jetzt das nordhessische Vellmar ebenfalls getan hat. Auch in Stadtallendorf, gibt Vollmer zu, gab es Bedenken, zumal die Stadt im Kreis Marburg-Biedenkopf nur die Hälfte der Vorbereitungszeit hatte, als sie für Alsfeld einsprang.
Rund 15 Millionen Euro investierte die rund 22.000 Einwohner zählende Kommune in knapp zwei Jahren. So viel Geld hätte die Stadt, wie der Rathauschef sagt, ohne Zuwendungen für den Hessentag nicht aufbringen können. So wurden beispielsweise das Straßennetz ausgebaut und ein neues Freizeitgelände angelegt. Vom modernisierten und erweiterten Bahnhof profitiert die Stadt mit rund 10000 Ein- und Auspendlern besonders. Mit rund dreieinhalb Millionen Euro befindet sich das Defizit für die Großveranstaltung in etwa im Durchschnitt der Hessentagsstädte der vergangenen zehn Jahre. Zwar schreibt mittlerweile auch Stadtallendorf, mit rund 13000 Arbeitsplätzen wirtschaftliches Zentrum im nördlichen Mittelhessen, rote Zahlen. Dem Fehlbetrag aus dem Hessentag stehe aber ein ungleich höherer Gewinn gegenüber, der sich nicht beziffern lasse, gibt Vollmer zu bedenken und meint damit vor allem den Beitrag zur Integration. In Stadtallendorf leben Menschen aus 70 Nationen, bei einem Ausländeranteil von mehr als 20 Prozent. Der Hessentag und dessen Vorbereitungen mit mehr als 2000 ehrenamtlichen Helfern hätten das Zusammenwachsen gefördert, hat der Bürgermeister festgestellt, was sich unter anderem in einer Reihe von gemeinsamen Veranstaltungen und Initiativen deutscher und ausländischer Mitbürger manifestiere, die aus dem Hessentag hervorgegangen sei. All das veranlasst den Bürgermeister zu der Aussage, er würde auch in finanziell schlechteren Zeiten eine Hessentagsbewerbung für Stadtallendorf abgeben - und er ist überzeugt, Bürger und Politik würden das mittragen.
Um zwei Jahrzehnte vorangebracht hat der Hessentag das mittelhessische Weilburg
Auch Langenselbold, im Jahr vor Stadtallendorf Hessentagsstadt, würde sich abermals um das Landesfest bewerben, glaubt Bürgermeister Jörg Muth (CDU). Er schränkt allerdings ein, dass die rund 13500 Einwohner zählende Stadt im Main-Kinzig-Kreis sich in Anbetracht zunehmender finanzieller Engpässe und eines auf rund 20 Millionen Euro gewachsenen Schuldenbergs ein Hessentags-Defizit von 3,6 Millionen Euro heute nicht mehr leisten könne. In Frage käme also nur ein Landesfest mit weniger Veranstaltungen und geringeren Ausgaben. Ungefähr 28Millionen Euro hat die Stadt im Zusammenhang mit dem Hessentag investiert, so viel Geld bewegt, wie sonst allenfalls in 25 Jahren, wie Muth sagt. Das habe Langenselbold wesentlich vorangebracht. So präsentiere sich die Innenstadt heute attraktiver, wovon Handel und Bürger profitierten. Mit dem Bau von neuen Freizeiteinrichtungen, der Ausweisung von Naherholungsgebieten und Flächenmanagement, das auch die Ausweisung neuer Baugebiet ermöglichte, hat Langenselbold anlässlich des Landesfests viel für die Aufwertung der Infrastruktur getan. Dennoch, die elf Millionen Euro, welche die Stadt dazu selbst beisteuern musste, haben der Kommune nach den Worten des Rathauschefs einen „finanziellen Kraftakt“ abverlangt, wie er heute vermutlich nicht mehr zu bewältigen wäre.
Um zwei Jahrzehnte vorangebracht hat der Hessentag das mittelhessische Weilburg, wie Bürgermeister Hans-Peter Schick (parteilos) formuliert. Mehr als 15Millionen Euro an Fördergeldern hat die knapp 13.500 Einwohner zählende Stadt im Kreis Limburg-Weilburg allein aus Programmen für Stadt- und Dorferneuerung erhalten. Dass die historische Altstadt heute nahezu lückenlos herausgeputzt worden ist, ist nach den Worten von Schick wesentlich den beachtlichen Anschubfinanzierungen zu verdanken, die im Zusammenhang mit dem Hessentag flossen und wovon in Weilburg vor allem private Hausbesitzer profitierten. Lange geplante Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur, wie Freizeiteinrichtungen insbesondere für Jugendliche und Familien, ließen sich mit Zuschüssen innerhalb kurzer Zeit verwirklichen.
Das Fest wurde immer unfangreicher
Profitiert hat die Stadt an der Lahn nach Angaben des Bürgermeisters gerade als Fremdenverkehrsort. Rund 840.000 Gäste zählte Weilburg 2005 zum Hessentag, wie viele davon wiedergekommen sind, darüber gibt es allerdings keine Statistik. Der Rathauschef weiß aber aus Gesprächen mit Hotel- und Gaststättenbesitzern, dass es seit mit dem Hessentag signifikant bergauf gegangen ist. Gleichwohl, auch wenn Schick dem Hessentag als einen der bedeutendsten Erfolge in der jüngeren Stadtgeschichte bezeichnet - unter der gegenwärtigen Situation der Kommunalfinanzen würde sich Weilburg nicht bewerben, sagt er. So weist der aktuelle Etat einen Fehlbetrag von rund zweieinhalb Millionen Euro aus, auf mehr als 20 Millionen ist der Schuldenberg gewachsen. Auch wenn das Defizit des Hessentags mit etwas mehr als zwei Millionen Euro in Weilburg vergleichsweise gering blieb, „heute könnten wir uns das nicht mehr leisten“, konstatiert Schick.
Das sieht auch sein Kollege im nordhessischen Bad Arolsen so. Bürgermeister Jürgen van der Horst (parteilos) gibt zu bedenken, dass der Hessentag in den zurückliegenden Jahren immer umfangreicher geworden sei. Größere Investitionen bedeuteten nicht nur mehr Zuschüsse. Auch die Defizite, auf denen die Kommunen sitzenblieben, seien gestiegen. Ein Landesfest wie zuletzt in Oberursel könnte sich die Stadt mit rund 16500 Einwohnern im Kreis Waldeck-Frankenberg nicht mehr leisten, sagt van der Horst und regt an, Konzepte für den Hessentag zu entwickeln, die sich mehr an den finanziellen Ressourcen von Kleinstädten orientierten. So bezweifelt van der Horst, dass Bad Arolsen wie beim Hessentag 2003 heute noch mit einem Defizit von 1,3 Millionen Euro davonkäme. Ob die Stadt bei gegenwärtigen Besucherzahlen von mehr als einer Million (in Bad Arolsen waren es gut eine Dreiviertelmillion Hessentagsgäste) noch mit Investitionen von rund elf Millionen Euro (wovon etwa fünf von der Stadt zu tragen waren) auskäme, sei fraglich. Bei einem Schuldenstand von rund 18 Millionen Euro, was fast dem Gesamtvolumen des Haushaltsplans gleichkomme, könnte es in Bad Arolsen heute „allenfalls noch einen kleinen Hessentag geben“.
Vertriebenen sollte ein Gefühl der Heimat gegeben werden
Dass das Landesfest vieles in Bewegung setzte, wovon die Stadt noch immer profitiert, zieht van der Horst aber nicht in Zweifel. Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Ortsentwicklung, von der Altstadtsanierung über den Bau neuer Straßen und Plätze bis zu Freizeiteinrichtungen. Zugutegekommen ist der Hessentag offenkundig auch der Entwicklung des Kur- und Fremdenverkehrswesen als bedeutender Wirtschaftszweig der Stadt. Seit 2004, also dem Jahr nach dem Hessentag, sind die Zahlen der Gäste um 29 Prozent, die der Übernachtungen um 19 Prozent gestiegen.
Initiiert hatte den Hessentag 1961 der damalige Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD), der mit dieser Veranstaltung zunächst Einheimische und Zuwanderer zusammenbringen und den vielen Vertriebenen ein Gefühl für ihre neue Heimat geben wollte. In Sachen Zusammengehörigkeitsgefühl hatten freilich auch die Hessen selbst einen Nachholbedarf, war das Bundesland doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Siegermächte aus historisch unterschiedlichen Regionen zusammengefügt worden. Stand in der Anfangszeit die Präsentation von Brauchtum im Vordergrund, hat sich der Hessentag seither gewandelt. Unterhaltung mit internationalen Popgruppen sind heute ebenso wesentliche Elemente des Landesfests wie Präsentationen von Verbänden, Vereinen, Organisationen und der politischen Institutionen des Landes. Beim Hessentag in Baunatal 1999 wurde zum ersten Mal eine Million Besucher gezählt. Den Spitzenplatz belegt Oberursel mit fast 1,4Millionen Besucher zum Hessentag im vergangenen Sommer.