Home
http://www.faz.net/-gzg-705kd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hessentag in Wetzlar Der Einsatz fürs Landesfest soll sich lohnen

 ·  Am Freitag beginnt in Wetzlar der Hessentag. Zuvor wurden 26 Millionen Euro in die Infrastruktur gesteckt. Das soll nach der Feier zusätzliche Besucher anziehen.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Um eine Premiere handelt es sich nicht, wenn am 1. Juni der Hessentag in Wetzlar eröffnet wird. Aber es ist lange her, dass die mittelhessische Stadt schon einmal Gastgeber war. Seit 1975 hat sich das Landesfest in vielem gewandelt. Das betrifft vor allem Fülle und Inhalte des Programms. Die Zahl der Besucher von damals nimmt sich im Vergleich zu den Prognosen für dieses Jahr bescheiden aus: Waren vor 37 Jahren etwa 370.000 Menschen zum Landesfest nach Wetzlar gekommen, rechnet der Magistrat jetzt mit einer Million Besuchern. Kurzum: Bei der Vorbereitung des zweiten Hessentags in der Stadt mit 52 000 Einwohnern konnten die Organisatoren im Rathaus nur wenig auf Erfahrung setzen, wie Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) sagt.

Anknüpfen kann der Magistrat aber an Zuspruch und Engagement der Wetzlarer für das Landesfest. In Berichten vom Hessentag 1975 ist die Rede davon, dass „überwältigend viele Bürger der Stadt“ sich in Organisation und Programm einbrachten. Auch diesmal wird der Hessentag von einer großen Mehrheit mitgetragen. Die Stadt bekommt mannigfache Unterstützung von ihren Bürgern. Mehr als 2000 ehrenamtliche Helfer haben sich eingebracht, damit der Hessentag ein Erfolg wird. In mehreren Arbeitsgruppen haben sich Mitglieder von Vereinen, Schüler und Lehrer, Geschäftsleute und viele nicht organisierte Freiwillige bei der Planung engagiert, legen beim Aufbau der Hessentagsstraße oder des Ausstellungsgeländes Hand an und stehen während des Fests an Informationsständen oder für die Kinderbetreuung zur Verfügung.

180.000 Übernachtungen

Der Einsatz wird sich für Wetzlar bezahlt machen, glauben die Stadtväter, auch wenn die Kommune für das Landesfest bei einem Gesamtetat von ungefähr zehn Millionen Euro mit einem Defizit von knapp vier Millionen Euro rechnet. Städtische Tourismusmanager und Gastronomen versprechen sich einen Aufschwung im Fremdenverkehr. Zwar ist die Zahl der Übernachtungen zuletzt auf rund 180.000 gestiegen. Gleichwohl werde Wetzlar noch zu wenig als Reise- und Ausflugsziel wahrgenommen, heißt es.

Dabei hat die ehemalige Reichsstadt vieles an Kultur- und Architekturgeschichte zu bieten. Im 13. und 14. Jahrhundert erreichte Wetzlar vor allem durch Handel wirtschaftliche Bedeutung, wurde an Größe in der Region nur von Frankfurt übertroffen. Aus dieser Zeit stammen ein Teil der noch vorhandenen Stadtbefestigung und die historische Lahnbrücke, die neben dem mittelalterlichen Dom das Stadtbild prägen. Die Verlegung des Reichskammergerichts, damals die höchste juristische Instanz, verschaffte Wetzlar vom Ende des 17. Jahrhunderts an weitere Prosperität. Repräsentative Bauten aus dieser Zeit machen neben schmucken Fachwerkhäusern aus verschiedenen Epochen das Flair der Altstadt aus. Vor allem aber lässt sich in Wetzlar auf den Spuren des jungen Goethe wandeln, der als Praktikant am Reichskammergericht tätig war und dessen Aufenthalt in Wetzlar ihm Stoff bot für seinen Werther-Roman. Im ehemaligen Deutschordenshof, der Schauplatz der ersten Begegnung von Goethe mit der von ihm verehrten Charlotte Buff war, richtete die Stadt ein Museum ein, das Besucher aus dem In- und Ausland lockt.

Profitieren will Wetzlar zudem als Einkaufsstadt. Neben Fachgeschäften mit breitgefächertem, speziellem Sortiment in der Altstadt ist es vor allem das vor wenigen Jahren eröffnete Ladenzentrum am Bahnhof, das Wetzlar beträchtlichen Zuwachs an Kunden verschafft hat und in den nächsten Jahren noch mehr Kaufkraft nach Wetzlar bringen soll. Nicht zuletzt werden als Folge des Landesfests Impulse für den Wirtschaftsstandort Wetzlar erwartet. So richtet die Stadt in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbänden erstmals bei einem Hessentag eine „Straße der Bildung, Wissenschaft und Technik“ ein, wo Unternehmen sich und ihre Produkte vorstellen sowie um Arbeitskräfte und Auszubildende werben. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich Wetzlar zu einem der führenden Industriestandorte Hessens entwickelt. Mehr als die Hälfte der etwa 30 000 Arbeitsplätze in und um Wetzlar sind dem verarbeitenden Gewerbe zuzurechnen. Neben der Eisenverarbeitung wie bei den Buderus Werken hat Wetzlar Weltruf vor allem für optische und feinmechanische Produkte. In Wetzlar entwickelte Oskar Barnack im 19. Jahrhundert die erste Kleinbildkamera. Ernst Leitz baute sein Unternehmen zu einem führenden Hersteller für Mikroskope und Kameras aus. Rund 70 Betriebe für Optik und Feinmechanik, die mehr als eine Milliarde Euro Umsatz machen, haben ihren Sitz in oder vor den Toren Wetzlars, womit die mittelhessische Stadt mit Firmen wie Leica neben Jena führender Optik-Standort in Deutschland ist.

Schon jetzt profitiert die Infrastruktur vom Hessentag. Knapp 26 Millionen Euro hat die Stadt investiert. Das ist eine Summe, die auch eine wirtschaftlich vergleichsweise starke Kommune wie Wetzlar sonst nur über einen Zeitraum von anderthalb bis zwei Jahrzehnten hätte aufbringen können, wie der Oberbürgermeister sagt. Ermöglicht wurde dies durch Zuschüsse von fast 17 Millionen Euro, die Land, Bund, Deutsche Bahn und Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) gaben.

Konjunkturprogramm fürs  Handwerk

In neuem, ansprechendem Gewand präsentiert sich das Bahnhofsgelände als Entree der Hessentagsstadt. Sanierung und Modernisierung des Stationsgebäudes und der Gleisanlagen sowie der Umbau des zentralen Busbahnhofs bildeten das mit Kosten in Höhe von 22 Millionen Euro aufwendigste Projekt zur Aufwertung der Stadt anlässlich des Landesfests. Elektrische Anzeigetafeln und ein Informationsstand helfen Fremden, sich zu orientieren. Weil sich der Großteil des Geschehens an der Lahn abspielt, führt die Hessentagsstraße an mehreren Stellen über den Fluss. Als Hauptverbindung zwischen Ausstellungsgelände und Altstadt hat die Stadt für zwei Millionen Euro eine neue Brücke für Fußgänger und Radfahrer bauen lassen. Außerdem gibt es mehrere Behelfsübergänge, die für kurze Wege sorgen.

Besonders herausgeputzt hat sich die ohnehin malerische Altstadt. Überall leuchten Fassaden und Erker in frischen Farben. Schönere Anblicke bieten nach Renovierungen zudem viele Gebäude in der ansonsten eher schmucklosen neuen Innenstadt auf der anderen Seite der Lahn. Die Stadt hatte für private Hausbesitzer ein Förderprogramm für die Instandsetzung von Fassaden aufgelegt. Die bereitgestellten Mittel von 450.000 Euro wurden nach Angaben von Dette komplett in Anspruch genommen, was Investitionen im Gesamtumfang von etwa zweieinhalb Millionen Euro nach sich zog. Der Hessentag wirkt also auch als Konjunkturprogramm fürs heimische Handwerk.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

Jüngste Beiträge

Männer und Herren

Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1