http://www.faz.net/-gzg-79tva

Hessentag in Kassel : Im Norden ganz oben

  • -Aktualisiert am

Himmelsstürmer: der Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe. Er ist eines der Wahrzeichen Kassels. Bild: Wresch, Jonas

Vom 14. bis zum 23.Juni findet der Hessentag in Kassel statt - in einer Stadt, die viel zu bieten hat. Aber der Kasseler treibt die Bescheidenheit bis in die Selbstverleugnung.

          Es gibt einen Witz, der Loriot zugeschrieben wird. Er ist sehr kurz: „Kennen Sie Kassel?“ Der Witz spielt mit der Bedeutungslosigkeit und vermuteten inhaltlichen Leere der Stadt. Immerhin, mag man einwenden, gehe es Kassel damit besser als Bielefeld. Denn wenn schon Witze über die Stadt in Hessen erzählt werden, ist es wenigstens ein Hinweis auf deren Existenz. Wer aber schadenfroh lachend in den Schenkelklopfer einstimmt, rauscht gleichsam seine eigene Unwissenheit beklatschend durch eine Falltür ins Kellergeschoss des bildungsbürgerlichen Rankings.

          Kassel ist freilich nicht Rom oder Konstantinopel, aber historisch, politisch oder kulturgeschichtlich keinesfalls bedeutungslos. Die Region unmittelbar südlich des heutigen Kassels ist das Stammland der Chatten, aus denen durch Lautverschiebung der Name „Hessen“ wurden. Die Stadt war von 1277 an, nach dem Zerfall Thüringens, die Hauptstadt der Landgrafschaft Hessen. Landgraf Philipp der Großmütige war im 16. Jahrhundert einer der politischen Anführer der Reformation in Deutschland, und erst nach seinem Tod wurde die bis dahin von Kassel aus regierte Landgrafschaft unter den Erben in vier Fürstentümer geteilt, von denen Hessen-Cassel die Hälfte des Landes ausmachte. Die Sammlungen der hessischen Landgrafen in Kassel, mit der Antikensammlung oder den Alten Meistern, sind beachtlich und in Deutschland von ähnlichem Rang wie jene in Dresden oder München.

          Kassel hat eine Liste mit Superlativen

          In Kassel entstanden früh eine Sternwarte sowie Werkstätten und Manufakturen für astronomische Messgeräte. Die Kasseler Himmelsbobachter waren die ersten, die ein Messgerät anforderten, das so genau sei, eine Sekunde zu erfassen. Die Entwicklung der Dampfmaschine ist mit dem Namen Kassels verbunden ebenso wie die geniale Technik der Wasserspiele. Die Liste der Superlative, auch in der Technik- und Industriegeschichte, ließe sich ins scheinbar Endlose fortsetzen.

          Darin sollten die Hinweise auf die älteste Staatskapelle Deutschlands, das Fridericianum als dem ersten öffentlichen Museumsbau auf dem europäischen Kontinent, die Rotunde am Fridericianum als Sitz des ersten Versuchsparlaments in Deutschland unter französischer Herrschaft, auf die Brüder Grimm oder auf das Ständehaus, als erstes eigens errichtetes Parlamentsgebäude in Hessen, nicht fehlen.

          Das Chattensyndrom

          Doch je umfassender die Leistungsschau gerät, desto peinlicher stellt sich die Frage, warum dies nicht sogleich mit der Stadt im Norden Hessens assoziiert wird, wie der Maßkrug mit München. Es mag sein, dass es an der Fülle der Details und ihrer langen Ahnenreihe liegt. Vor allem aber, hegt der Beobachter Kassels den Verdacht, liegt es an den Kasselern selbst, die sich immer ein wenig im Wege stehen.

          Die Niederhessen sprechen gern vom Chattensyndrom, das ihre Sesshaftigkeit und das Festhalten am Bewährten erklären soll. Die Chatten widerstanden allen Versuchungen aller Völkerwanderungen. Auch wenn die Nordhessen mehrheitlich eine Partei wählen, die sich seit jeher als fortschrittlich versteht, vollzieht sich dort doch mancher Wandel mit einer gewissen Verzögerung. Das muss nicht schlecht sein. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck zum Beispiel verliert längst nicht mit der einst befürchteten Rasanz an Mitgliedern. Doch die Furcht oder Vorsicht, die aus diesem Beispiel spricht, ist ebenfalls typisch für Kassel und die Region. Der ehrbare Kaufmann kalkuliert eben auf der sicheren Seite, auch auf die Gefahr hin, dass er darüber den Mut verliert. Mit Akribie sucht er nach Risiken und Eventualitäten. Mit einem unglaublichen Instinkt erspürt ein Kasseler vor einer Veränderung alle deren Risiken und möglichen Nachteile, die damit verbunden sein könnten. Er weiß sofort, was nicht geht.

          Weitere Themen

          Der Mann hinter Wikipedia Video-Seite öffnen

          Jimmy Wales : Der Mann hinter Wikipedia

          Der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia könnte Geld wie Heu scheffeln, wenn die Werbeindustrie Anzeigen auf Wikipedia stellen dürfte. Darf sie aber nicht. Warum ist Jimmy Wales nicht am Profit interessiert?

          Tote bei Waldbränden Video-Seite öffnen

          Spanien : Tote bei Waldbränden

          In der Region Galizien verloren bereits einige Menschen ihr Leben. Nach Einschätzung des Präsidenten wurden Brände auch absichtlich gelegt. In der spanischen Stadt Vigo mussten Unterkünfte der Universität evakuiert werden.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.