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Hessentag bei Nacht „Ich möchte den Boden küssen“

 ·  Im Hessentags-Weindorf verzaubern grüne und violette Lichter die Bäume, die Spiegelung des erleuchteten Riesenrads wabert über dem Fluss, am Ufer sitzen Paare auf ausgebreiteten Jacken: Wetzlar bei Nacht.

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Wenn die Sonne hinter den Hügeln um Wetzlar versinkt, kommt Bewegung in die Besuchermassen auf den Hessentagsstraßen. Einander zuprostend ziehen Jugendliche in Richtung Partyzelte, Vergnügungspark oder Cocktailstand. Eltern steuern den Ausschank im Weindorf an, während ihre Kinder zwischen Lichtinstallationen herum laufen, bis sie müde sind. Andere lassen sich mit Sekt und Weißweinschorle auf den Bierbänken der Schlagerzelte nieder und schunkeln, was das Zeug hält.

Zum Beispiel im Festzelt der Polizei. „Ich möchte den Boden küssen, auf dem ihr lauft!“ ruft dort ein Schlagersänger mit Elvis-Presley-Perücke seinem Publikum zu, bevor er unter tosendem Applaus und trommelndem Stampfen die Bühne verlässt. Dann betritt Olga Orange die Bühne: groß, blond, vollbusig und nie um einen Spruch verlegen. Olga heißt eigentlich Thomas, trägt eine schrille Perücke, Minirock und schillernde Glitzerjacke. Ihre Witze macht sie auf Hessisch. „Mäusje, heut’ Abend bin ich die einz’sche Dame mit Schtil“, ruft sie ins Mikrofon.

Tief unter der Gürtellinie

Eine Frau, deren rosa Brautschleier verrät, dass sie hier ihren Junggesellinnenabschied feiert, spricht Olga als „heißes Radiessche“ an und verkuppelt sie mit einem jungen Mann am Nebentisch: „Nimm se’, die Braut is‘ voll wie ein Kino.“ Erst als sie die beiden schon eng aneinander gedrückt hat, bemerkt sie den unüberwindbaren Größenunterschied: „Nee, ihr passt net zusamme, ist ja wie Standgebläse.“ Von nun an geht‘s bergab. Je tiefer die Witze unter die Gürtellinie rutschen, desto ausgelassener lacht das Publikum. Das Zelt ist voll; vor den Bildschirmen draußen, die Olgas Auftritt übertragen, drängen sich auch schon Menschen. Dort versteht man zwar kein Wort, dafür kann man atmen und sich bewegen. Zum Beispiel Richtung Bierstand. Oder auf die andere Uferseite, wo es weitaus entspannter zugeht.

Im Weindorf verzaubern grüne und violette Lichter die Bäume, die Spiegelung des erleuchteten Riesenrads wabert über dem Fluss, am Ufer sitzen Paare auf ausgebreiteten Jacken. Kinder hüpfen durch ein Labyrinth aus bunten Teelichtern. Hier ist die Musik leise und die Menschen sind es auch. Noch intimer ist es auf den Plätzen der Altstadt. Auf der Aktionsbühne Eisenmarkt singt eine Band aus England ihr letztes, trauriges Lied. Paare jeden Alters wiegen sich dazu im Takt, dann gehen auch sie nach Hause. In der Ferne wummert der Bass einer Zeltparty.

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