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Grünen im Wahlkampfmodus : „Mit Größenwahn hat das nichts zu tun“

Marcus Bocklet plant bei der Landtagswahl den großen Wurf. Bild: dpa

Die hessischen Grünen fühlen sich stark genug, bei der im Oktober anstehenden Landtagswahl erstmals ein Direktmandat zu erringen. Der Frankfurter Marcus Bocklet ist einer von zwei Kandidaten der Partei, die sich bei der Erststimmenvergabe gute Chancen ausrechnen können.

          Herr Bocklet. Sie streben bei der Landtagswahl am 28. Oktober das Direktmandat im Wahlkreis 38 Frankfurt für die Grünen an. Sind Sie größenwahnsinnig?

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, das hat mit Größenwahn nichts zu tun. Wir haben von zwei unabhängigen Prognoseinstituten motivierende Berechnungen vorliegen, die mich im Wahlkreis mit 28 Prozent derzeit vor den Konkurrenten von CDU und SPD sehen. Bei einer solchen Konstellation ist es einfach Pflicht, den Erfolg auch im Wahlkreis – sprich mit der Erststimme – anzustreben.

          Sie spielen auf die Vorhersage des Instituts „Wahlprognose.de“ an, das Sie derzeit mit 28 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis vorn sieht; gefolgt vom CDU-Bewerber Bodo Pfaff-Greifenhagen mit 26 und der Sozialdemokratin Arijana Neumann mit 23 Prozent. Aber wie ernst sind solche Einschätzungen zu nehmen?

          Immerhin haben die Leute von „Wahlprognose.de“ das Ergebnis der Wahlen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen mit einer Treffsicherheit von 98 beziehungsweise 97 Prozent vorhergesagt.

          Die Grünen mit einem Direktmandat in den Hessischen Landtag. Das hat’s ja noch nie gegeben.

          Richtig. Es wäre das erste Mal in der hessischen Geschichte, aber vor allem wäre es ein tolles Signal: Mit Werten wie Weltoffenheit und Toleranz und mit dem energischen Kampf gegen die Klimakrise kann man auch in Zeiten des grassierenden Populismus noch Wahlen gewinnen, und: Eine Erststimme für die Grünen ist keine verschenkte Stimme. Seit 30 Jahren hat der Grünen-Wähler verinnerlicht: Die Zweitstimme geht an meine Partei, die Erststimme an einen aussichtsreichen Wahlkreiskandidaten von SPD oder CDU. Das muss sich ändern. Zumindest in meinem Wahlkreis gibt es für Grünen-Anhänger keinen Grund für Stimmensplitting.

          Was spricht, außer den vagen Prognosen, dafür, dass es mit dem Sieg im Wahlkreis klappen könnte?

          Ich stehe mit meiner Person authentisch für die Inhalte, die meine Partei vertritt. Ich bin von Beruf Sozialarbeiter und derzeit sozialpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. Auf Drängen meiner Fraktion wurde in Hessen ein Sozialbudget eingeführt, wir kämpfen für Wohnungsbau, gute Kinderbetreuung, für die Integration von Flüchtlingen und für den sozialen Zusammenhalt.

          Sie setzen aber auch auf das alternative, Grünen-affine Milieu in den Frankfurter Stadtvierteln Nordend und Bornheim, die den Kern Ihres Wahlkreises bilden?

          Richtig. Die Grünen sind dort, gemessen an den Zweitstimmen, schon bei mehreren Wahlen stärkste Partei geworden. Darauf kann ich bei meiner Erststimmenkampagne aufbauen.

          Bei der Wahl vor fünf Jahren schafften Sie immerhin 24 Prozent, lagen damit aber noch deutlich hinter der CDU-Bewerberin Bettina Wiesmann mit 32 Prozent, die mittlerweile im Bundestag sitzt.

          Damals hatten wir das Problem, dass die Bundestagswahl und die Landtagswahl an einem Tag stattfanden und dass der Bundestrend gegen die Grünen lief. Trotzdem habe ich in meinem Wahlkreis bei den Erststimmen zugelegt, obwohl wir auf Landesebene Verluste erlitten. Das stimmt mich optimistisch, denn im Moment geht der Trend für die Grünen ja – anders als vor fünf Jahren – im Bund und im Land nach oben.

          Bauen Sie auch darauf, dass die AfD, dem CDU-Kandidaten Stimmen abluchst?

          Ich baue auf die gute Arbeit meiner Partei im Landtag und auf mich selbst.

          Was darf man vom Direktkandidaten Marcus Bocklet erwarten? Volle Breitseite gegen CDU, SPD, FDP, Linke und die AfD sowieso?

          Ich will mit grünen Themen überzeugen. Natürlich freue ich mich auch auf jede verbale Saalschlacht mit meinen politischen Mitbewerbern, erwarte mir da aber nicht allzu viel. Im Landtag hängt die Opposition aus SPD, Linken und FDP ja in den Seilen. Denen fällt nichts Besseres ein, als immer nur noch ein bisschen mehr von dem zu fordern, was die CDU/Grünen-Regierung vorgibt.

          Was antwortet der Erststimmenkandidat Bocklet, wenn er nach dem Wunschkoalitionspartner der Grünen in Hessen gefragt wird?

          Wir setzen auf den Partner, mit dem es rechnerisch reicht und mit dem sich möglichst viel von unseren grünen Inhalten durchsetzen lässt.

          Neuer Versuch: Wie gut läuft die derzeitige Landtagskoalition mit der CDU aus Sicht der Grünen?

          Die Bilanz der Grünen in diesem Bündnis ist gut. Wenn die Koalitionsverhandlungen wieder so eine gute Basis ergeben, kann ich mir vorstellen, mit der CDU weiterzuregieren.

          Die Liste Ihrer Unterstützer aus den Reihen der eigenen Partei ist beeindruckend. Die beiden Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock treten mit Ihnen im Wahlkampf auf, ebenso die Bundestagsfraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, die Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth, der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, Umweltministerin Priska Hinz...

          ...der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer werden auch dabei sein.

          Nicht ungeschickt: Wenn es mit dem Direktmandat trotz der prominenten Unterstützung nicht klappt, können Sie die Schuld auf die großen Tiere in der Partei abwälzen.

          (Lacht.) Man gewinnt Wahlen gemeinsam, und man verliert sie gemeinsam.

          Welchen Ministerposten übernehmen Sie, wenn Ihnen der große Wurf gelingt?

          Außenminister. Dann wäre ich auch da der erste in Hessen.

          Und wenn nicht?

          Dann werde ich Trainer von Eintracht Frankfurt.

          Ihre Parteifreundin Hildegard Förster-Heldmann strebt das gleiche Kunststück – das Landtagsmandat direkt zu gewinnen – in einer anderen Grünen-Hochburg an: in Darmstadt. Wer von Ihnen hat die besseren Aussichten?

          Die Ausgangslage ist unterschiedlich: Darmstadt ist eine Studentenstadt, die Grünen stellen dort den Oberbürgermeister; andererseits ist das Frankfurter Nordend eine sehr stabile Hochburg meiner Partei. Ich schätze die Chancen für uns beide etwa gleich hoch ein. Ich glaube, Frau Förster-Heldmann und ich werden am Wahlabend gemeinsam mit einem Glas Wein feiern können.

          Zur Person

          Diplom-Sozialarbeiter Marcus Bocklet gehört dem Hessischen Landtag seit Oktober 2005 an. In der Grünen-Fraktion ist der 54 Jahre alte Vater von zwei Kindern Sprecher für Sozial-, Kinder- und Familienpolitik. Zu den Grünen stieß er 1981 während des Konflikts um den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Von 1987 bis 1990 war der leidenschaftliche Fußballer und Eintracht-Frankfurt-Fan Vorstandssprecher der Frankfurter Grünen, von 1993 bis 2006 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. (ler.)

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