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Zuwanderer und Arbeitsmarkt Es hapert an allem

02.09.2010 ·  Fehlender Aufstiegswille, fehlende Qualifikation – die hohe Arbeitslosigkeit bei Zuwanderern hat viele Gründe. Andererseits hat ein Fünftel der gerade geehrten 260 besten Lehrlinge in IHK-Bezirk Frankfurt ausländische Wurzeln.

Von Manfred Köhler
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Unter den Arbeitslosen Hessens stellen Ausländer ein Viertel. Dabei beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung gerade zwölf Prozent. 47.500 Frauen und Männer mit fremdem Pass sind derzeit arbeitslos gemeldet. Die meisten von ihnen beziehen Arbeitslosengeld II, wofür sich die Bezeichnung Hartz IV eingebürgert hat. Wer will, mag es so formulieren: Sie leben auf Kosten der Gesellschaft. Aber warum ist das so? Die Frankfurter Niederlassung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, hat sich wiederholt damit befasst; die gründlichste Studie dazu wurde bereits 2008 vorgelegt. Andere Zahlen finden sich beim Statistischen Landesamt.

Es hapert danach an allem. Der Anteil ausländischer Kinder an den Hauptschulen Hessens beträgt 31 Prozent, der an den Gymnasien aber nur sieben Prozent. Von den in Hessen lebenden Männern haben unter den Zuwanderern 40 Prozent keine Ausbildung – unter denen mit deutschen Wurzeln aber nur elf Prozent. Generell ist unter den Zuwanderern der Anteil derjenigen, die erwerbstätig sind, niedriger als unter den Deutschstämmigen (siehe Grafik).

In Boom-Jobs unterproportional vertreten

Es finden sich noch allerhand weitere Fakten, die die Schwierigkeiten der Zuwanderer am Arbeitsmarkt belegen. So sind unter den Männern Hessens nur 21 Prozent der Einheimischen im Handel- oder Gastgewerbe beschäftigt, aber 32 Prozent der Zuwanderer – an dieser Stelle schlagen sich die vielen Dönerbuden und Tante-Emma-Läden nieder. Zudem ist der Anteil der Zuwanderer in der Industrie höher. Das bedeutet aber umgekehrt auch: Die Zuwanderer sind bei den anderen Dienstleistungen, also dort, wo die Wirtschaft boomt, wo neue Jobs entstehen, lediglich unterproportional vertreten.

Fachleute schreiben nicht so griffig wie Verfasser von Büchern, die auf ein Millionenpublikum zielen. Aber ihre Schlussfolgerungen sind nicht weniger dramatisch. „Häufig ist es eine Kombination von migrationsspezifischen, qualifikationsspezifischen und sozialen Problemlagen, die die Integration erschweren“, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Die geringe Qualifikation von Ausländern und Personen mit Migrationshintergrund dürfte der wichtigste Grund für die Probleme der Arbeitsmarktintegration sein.“ Die Schlussfolgerung drängt sich angesichts dessen förmlich auf: „Integrationspolitik ist Bildungspolitik.“

IHK sieht wenig Aufstiegswillen

Von hier an wird es kompliziert. Die Schulen stehen jedem offen, und es fehlt nicht an Hilfsangeboten für Kinder, die Schwierigkeiten im Unterricht haben. Doch eine Praktikerin wie Brigitte Scheuerle, für Ausbildung zuständige Geschäftführerin der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, sagt, es fehle in vielen Zuwandererfamilien am Grundverständnis des deutschen Bildungssystems und der Arbeitswelt. So sei es der Kammer in den vergangenen Jahren mühsam gelungen, türkische und griechische Unternehmer dazu zu bewegen, junge Zuwanderer auszubilden – nun aber mangele es an Lehrlingen, weil vielen türkischen und griechischen Familien einfach nicht klar sei, welche Chancen eine Berufsausbildung biete. Gemeinsam mit den Unternehmern organisiere man daher nun Elternsprechtage.

Sie beobachte in Zuwandererfamilien wenig Aufstiegswillen, sagt Scheuerle. Und wenn schon die Eltern arbeitslos seien, fehle es auch an Vorbildern. Zudem werde in einem Fünftel der Familien kein Deutsch gesprochen. „Je weniger Deutsch sie können, desto weniger erfahren sie, welche Chancen sie haben.“ Und desto schwerer wird es für junge Menschen, Arbeit zu finden, wäre hinzuzufügen. Bei einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unter Arbeitgebern kam wenig Überraschendes heraus: Als Einstellungshindernis Nummer eins wurden unzureichende Deutschkenntnisse genannt.

Im Haushalt helfen statt in die Schule

Die Fremdartigkeit gegenüber der Gesellschaft, in der sie leben, kann bei Zuwanderern ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. In einem ARD-Film über einen sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet war am Dienstag Abend zu sehen, wie Zuwanderereltern ihre Kinder einfach nicht zu Schule schicken, wenn sie an diesem Tag im Haushalt gebraucht werden. Scheuerle wünscht sich einen „ganzheitlichen Ansatz“ in der Integrationspolitik. Leider fehle es immer noch am Eingeständnis, dass die Zuwanderer nun einmal hier seien – und blieben.

Besonders vermisst sie, dass über die jungen Ausländer berichtet wird, die es dann doch geschafft haben. „Ich erlebe so viele, die in die Arbeitswelt integriert sind.“ Am Donnerstag etwa ehrte die Kammer die 260 besten Lehrlinge in ihrem Bezirk. Ein Fünftel davon werde wohl ausländische Wurzeln haben, sagt Scheuerle. Von diesen jungen Menschen, die ihren Schicksalsgenossen ein Vorbild sein könnten, war in der Tat in all der Aufregung über Thilo Sarrazin niemals die Rede.

Vier Porträts von Zuwanderern aus Hessen, die es zu etwas gebracht haben, lesen Sie in der Ausgabe der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z. vom Freitag, 3. September 2010.

Quelle: F.A.Z.
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