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Wünschelrutengänger-Test Prüfzeichen für die Goldgräber

29.08.2010 ·  Es gibt Wünschelrutengänger, und es gibt Wissenschaftler. Zu testen, ob die einen wirklich etwas können, bieten die anderen an. Für den Fall des Erfolgs winken Geld und Ruhm. Bestanden hat noch niemand.

Von Mona Jaeger
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Ob hier heute eine Weltsensation stattfindet, hängt auch von der richtigen Position der zehn hellgrünen Handtücher ab. Martin Mahner geht noch einmal die Reihe ab, dieses und jenes verschiebt er um ein paar Millimeter, dann ist er zufrieden. „Der Test kann beginnen.“ Toni Müller steht unterdessen seelenruhig am Ende einer Tischreihe und beobachtet Mahner. Wenn Müller sein Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagert, klimpern die Metalldrähte, die er in den Händen hält. Die Drähte sollen Müller gleich Dinge erkennen lassen, die vor ihm noch niemand erkannt hat. Müller ist Wünschelrutengänger. Einer, der überzeugt ist von seinen Fähigkeiten, und auf sie gern Brief und Siegel hätte: Er ist vom Bodensee in den Seminarraum A 106 im Biozentrum der Würzburger Universität gekommen, um seine Fähigkeiten unter wissenschaftlichen Bedingungen testen zu lassen.

Für Müller gibt es nicht nur mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich uns unsere Schulweisheit träumen lässt, sondern auch noch in der Erde, nämlich Wasseradern. Die hatte er vor einigen Jahren als verantwortlich dafür ausgemacht, dass in seinem Garten die Thujahecke einging. Seitdem ist er mit der Wünschelrute unterwegs. Auch elektrische Spannung will er damit erkennen können, heute will er es beweisen.

Untersuchung von Parawissenschaften

Um seine Fähigkeiten testen zu lassen, ist der Wünschelrutengänger zu seinen größten Kritikern gekommen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften aus dem hessischen Roßdorf veranstaltet einmal im Jahr einen sogenannten Psi-Test. Zu ihm kann sich jeder anmelden, der glaubt, er habe eine paranormale Fähigkeit. Mahner, eines der Gründungsmitglieder der Gesellschaft, entwickelt dann zusammen mit Rainer Wolf, Biologe und ebenfalls Mitglied, einen Test, der den eindeutigen Beweis für die Fähigkeit liefert - wenn sie denn vorhanden ist.

Die Warteliste für die Tests ist lang, mehr als vier Kandidaten werden im Jahr aber nicht geprüft. Den Test bestanden hat noch niemand. Wem es gelingt, will die Gesellschaft 10.000 Euro zahlen. Das wird dann wohl nur ein Bruchteil dessen sein, was ihm Fernsehsender, Magazine und die Forschung bezahlen würden. „Wer hierher kommt, wittert auch den Ruhm“, sagt Mahner.

Toni Müller bestreitet das. Zwar wisse er, was er könne, jedoch sei auch im Esoterikbereich „eine Art Zertifikat“ nicht schlecht, meint er. Der Wünschelrutengänger beantwortet jede Frage gern und mit Ruhe, schließlich brauche er sich nicht vorzubereiten, die Rute sage ihm alles. Die dicken blauen Lüftungsrohre an der Decke des Seminarraums und die Steckdosenverteiler, die aus den Wänden kommen, störten ihn nicht. Die Wünschelrute registriere das zwar alles, werde dadurch aber nicht behindert. Er geht noch einmal vor der Tafel des Seminarraums auf und ab und kalibriert die Rute. Müller lacht viel und ist zuversichtlich, dass der Test „schon gut laufen“ werde.

Innerer BE-Wert durcheinander

Danach sagt er, dass das Wünschelrutengehen nur ein Hobby von ihm sei, und dann beginnt er von der Zeit zu erzählen, als er ein großes Reifenwerk für Lkws leitete, mit dem er auch in Amerika erfolgreich war. Die Wünschelruten lässt er dabei locker in der Hand nach unten hängen. Erst als Wolf herüber ruft, dass alles für den Test vorbereitet sei, nimmt er sie wieder hoch und unterbricht das Gespräch. Es beginnt der Test, von dem beide Seiten zu wissen meinen, wie er ausgehen wird.

Eigentlich hatte vor Müller noch ein anderer Kandidat antreten sollen, der feststellen wollte, ob Eimer mit Wasser gefüllt sind oder nicht. Er rief Mahner am Morgen des Tests aber an und sagte, dass der Teppich im Flur seines Hotels über Nacht schlechte Strahlung abgegeben habe und deswegen sein innerer BE-Wert durcheinander sei. Was ein BE-Wert ist, kann hier niemand erklären.

Müller hat in einem anderen Hotel übernachtet und kann zum Test antreten. Er will jetzt mit der Wünschelrute feststellen, ob auf einem abgeschnittenen Kabel Spannung ist oder nicht. Welches Kabel vorher in die Steckdose gesteckt wird und somit Spannung bekommt, entscheidet der Zufall. Mahner zieht dazu in einem separaten Raum eine Kugel aus einem schwarzen Plastikmülleimer. Ist sie gerade, kommt der Stecker rein, ist sie ungerade, dann nicht. Nachdem er das fünfmal gemacht hat, geht er in den Biologieraum und präpariert die Stecker. Dabei achtet er genau auf die Position der hellgrünen Handtücher über den Steckdosen, die nur das Kabelende unverdeckt lassen.

Bei Stecker eins passiert nichts

Nach einem Klopfzeichen darf Müller mit dem Skeptiker Wolf den Biologieraum wieder betreten und die Reihe abschreiten. Zügig geht Müller, der sich zum Suchen der elektrischen Felder sein schwarzes Jackett ausgezogen hat, die Reihen entlang, bleibt nur wenige Sekunden vor einem der fünf Tische stehen und wartet darauf, wie die Wünschelrute reagiert. Bei Stecker eins passiert nichts, bei Stecker zwei auch nichts. Als Müller sich dem dritten Tisch nähert, beginnen sich die Metalldrähte in seinen Händen aufeinander zuzubewegen. Klirrend überkreuzen sie sich vor seinem Bauch, Müller lächelt.

Die Wünschelrute reagiere, erklärt der Mann, weil „jeder Körper ein Akkumulator“ sei. Müllers Akkumulator ist sehr schnell. „Hier ist Saft drauf.“ Ein paar Schritte weiter: „Hier nicht.“ Wolf läuft auf der anderen Tischseite mit und notiert Nullen und Einsen in sein Protokoll. Außer den Schritten der beiden und Müllers Worten ist nur das Summen des Kühlschranks in der Ecke des großen Raumes zu hören.

Zehn Durchgänge à fünf Stecker muss Müller absolvieren. Soll die Wünschelrute recht haben, muss er 40 Treffer aus 50 möglichen haben. Wenn nur rät, liegt die Wahrscheinlichkeit Recht zu haben bei 25. Mahner sagt: „Es ist doch sehr, sehr unwahrscheinlich, dass jemand eine solche Fähigkeit hat.“ Seine Motivation, Menschen einzuladen, denen er nicht glaubt, sei, sie zu bekehren. „Volksbildung ist ein Gut an sich. Ich will aufklären. Wenn ich einen davon überzeugen kann, dass es Quatsch ist, bin ich schon zufrieden.“

Trotziger Mann mit Drähten in den Händen

Tatsache ist, dass abgesehen von anderen Schwingungen und Strömungen auch Wasseradern noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen sind. Dass muss Wünschelrutengänger Müller bestätigen, auch wenn er ein „leider“ hinten dran hängt. Tatsache ist aber auch, dass täglich Wünschelrutengänger durch deutsche Schlafzimmer gehen und nach Wasseradern suchen. Und ob sie etwas finden oder nicht, hängt wohl auch vom Willen des Kunden ab.

In dem Seminarraum der Universität steht ein etwas trotziger Mann mit Drähten in den Händen. „Euch zeig ich's“, denkt er vielleicht. Ihm gegenüber stehen die Wissenschaftler, die ihm am Ende vielleicht ein „Ätsch“ entgegenschleudern werden. Doch die Forscher geben die sich größte Mühe, den Kandidaten König sein zu lassen. Er dürfe sich so viel Zeit nehmen, wie er wolle, sagt Wolf. Er nickt respektvoll, wenn Müller von dem von ihm entwickelten Abschirmvlies erzählt, das man sich ins Bett legen könne und das die „beste Krebsvorsorge“ sei. Er nimmt den Kandidaten ernst. „Man kann solche Fähigkeiten nicht ausschließen, und deswegen sollte man das testen.“ Würde der Wünschelrutengänger Müller bestehen, der Wissenschaftler Wolf würde 4000 Euro der Prämie aus eigener Tasche zahlen. Doch am Ende ist er doch Wissenschaftler durch und durch und bezweifelt diese Fähigkeiten, auch wenn er es etwas netter formuliert als sein Kollege Mahner.

„Bisher gab es keinerlei Reklamationen“

Mahner hat Mitgefühl mit den bisher 30 Personen, die allesamt an dem Test scheiterten: „Es muss schon ein blödes Gefühl sein, wenn man merkt, dass das, woran man 30 Jahre lang geglaubt hat, nicht stimmt.“ Doch so sähen das die wenigsten Kandidaten, sagt er auch. Seien sie vor dem Test in der Regel sehr freundlich und kooperativ, würden sie anschließend oft böse oder sogar aggressiv. Sie würfen den Wissenschaftlern dann vor, dass der Test unter falschen Bedingungen durchgeführt worden sei oder sie einfach einen schlechten Tag gehabt hätten, erzählt Mahner. Die tatsächlich an ihren Fähigkeiten zweifelten, seien an einer Hand abzuzählen.

Keine Selbstzweifel zuzulassen, hat seine Gründe, auch handfeste. Viele verdienen gut mit ihren vermeintlichen Fähigkeiten. Das Abschirmvlies von Toni Müller kostet 90 Euro. Nach eigener Aussage hat er schon 1000 Stück davon verkauft. „Und bisher gab es keinerlei Reklamationen.“

Nach einer knappen Stunde ist der Wünschelrutentest vorbei. Wolf und Mahner vergleichen ihre Protokolle. Müller hat 24 Treffer. Er lässt ein wenig die Schultern hängen, mehr Enttäuschung zeigt er nicht.

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