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Veröffentlicht: 29.08.2010, 14:32 Uhr

Wünschelrutengänger-Test Prüfzeichen für die Goldgräber


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Bei Stecker eins passiert nichts

Nach einem Klopfzeichen darf Müller mit dem Skeptiker Wolf den Biologieraum wieder betreten und die Reihe abschreiten. Zügig geht Müller, der sich zum Suchen der elektrischen Felder sein schwarzes Jackett ausgezogen hat, die Reihen entlang, bleibt nur wenige Sekunden vor einem der fünf Tische stehen und wartet darauf, wie die Wünschelrute reagiert. Bei Stecker eins passiert nichts, bei Stecker zwei auch nichts. Als Müller sich dem dritten Tisch nähert, beginnen sich die Metalldrähte in seinen Händen aufeinander zuzubewegen. Klirrend überkreuzen sie sich vor seinem Bauch, Müller lächelt.

Die Wünschelrute reagiere, erklärt der Mann, weil „jeder Körper ein Akkumulator“ sei. Müllers Akkumulator ist sehr schnell. „Hier ist Saft drauf.“ Ein paar Schritte weiter: „Hier nicht.“ Wolf läuft auf der anderen Tischseite mit und notiert Nullen und Einsen in sein Protokoll. Außer den Schritten der beiden und Müllers Worten ist nur das Summen des Kühlschranks in der Ecke des großen Raumes zu hören.

Zehn Durchgänge à fünf Stecker muss Müller absolvieren. Soll die Wünschelrute recht haben, muss er 40 Treffer aus 50 möglichen haben. Wenn nur rät, liegt die Wahrscheinlichkeit Recht zu haben bei 25. Mahner sagt: „Es ist doch sehr, sehr unwahrscheinlich, dass jemand eine solche Fähigkeit hat.“ Seine Motivation, Menschen einzuladen, denen er nicht glaubt, sei, sie zu bekehren. „Volksbildung ist ein Gut an sich. Ich will aufklären. Wenn ich einen davon überzeugen kann, dass es Quatsch ist, bin ich schon zufrieden.“

Trotziger Mann mit Drähten in den Händen

Tatsache ist, dass abgesehen von anderen Schwingungen und Strömungen auch Wasseradern noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen sind. Dass muss Wünschelrutengänger Müller bestätigen, auch wenn er ein „leider“ hinten dran hängt. Tatsache ist aber auch, dass täglich Wünschelrutengänger durch deutsche Schlafzimmer gehen und nach Wasseradern suchen. Und ob sie etwas finden oder nicht, hängt wohl auch vom Willen des Kunden ab.

In dem Seminarraum der Universität steht ein etwas trotziger Mann mit Drähten in den Händen. „Euch zeig ich's“, denkt er vielleicht. Ihm gegenüber stehen die Wissenschaftler, die ihm am Ende vielleicht ein „Ätsch“ entgegenschleudern werden. Doch die Forscher geben die sich größte Mühe, den Kandidaten König sein zu lassen. Er dürfe sich so viel Zeit nehmen, wie er wolle, sagt Wolf. Er nickt respektvoll, wenn Müller von dem von ihm entwickelten Abschirmvlies erzählt, das man sich ins Bett legen könne und das die „beste Krebsvorsorge“ sei. Er nimmt den Kandidaten ernst. „Man kann solche Fähigkeiten nicht ausschließen, und deswegen sollte man das testen.“ Würde der Wünschelrutengänger Müller bestehen, der Wissenschaftler Wolf würde 4000 Euro der Prämie aus eigener Tasche zahlen. Doch am Ende ist er doch Wissenschaftler durch und durch und bezweifelt diese Fähigkeiten, auch wenn er es etwas netter formuliert als sein Kollege Mahner.

„Bisher gab es keinerlei Reklamationen“

Mahner hat Mitgefühl mit den bisher 30 Personen, die allesamt an dem Test scheiterten: „Es muss schon ein blödes Gefühl sein, wenn man merkt, dass das, woran man 30 Jahre lang geglaubt hat, nicht stimmt.“ Doch so sähen das die wenigsten Kandidaten, sagt er auch. Seien sie vor dem Test in der Regel sehr freundlich und kooperativ, würden sie anschließend oft böse oder sogar aggressiv. Sie würfen den Wissenschaftlern dann vor, dass der Test unter falschen Bedingungen durchgeführt worden sei oder sie einfach einen schlechten Tag gehabt hätten, erzählt Mahner. Die tatsächlich an ihren Fähigkeiten zweifelten, seien an einer Hand abzuzählen.

Keine Selbstzweifel zuzulassen, hat seine Gründe, auch handfeste. Viele verdienen gut mit ihren vermeintlichen Fähigkeiten. Das Abschirmvlies von Toni Müller kostet 90 Euro. Nach eigener Aussage hat er schon 1000 Stück davon verkauft. „Und bisher gab es keinerlei Reklamationen.“

Nach einer knappen Stunde ist der Wünschelrutentest vorbei. Wolf und Mahner vergleichen ihre Protokolle. Müller hat 24 Treffer. Er lässt ein wenig die Schultern hängen, mehr Enttäuschung zeigt er nicht.

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