Es zwitschert und summt auf Schritt und Tritt zwischen hohem Gras, duftenden Kräutern und den Zweigen von Obstbäumen. An Teich und Bach lebt eine Vielzahl von Insekten und Amphibien. Das Naturschutzzentrum Hessen hat seinen Sitz inmitten von Feucht- und Trockenbiotopen. Auf anderthalb Hektar befindet sich vor den Toren der Innenstadt von Wetzlar eine Art Unterrichtsraum im Freien, der nicht nur zum Kennenlernen von Flora und Fauna einlädt.
Auf dem hügeligen Gelände bekommen Besucher Gelegenheit, sich eine Fülle von Anregungen zu holen für den eigenen Beitrag zum Schutz von Natur und Landschaft, sei es im Garten oder vor der Haustür am Stadtrand. Der Lehr- und Erlebnisgarten bildet sozusagen das Herzstück des Naturschutzzentrums Hessen, das vor 35 Jahren gegründet wurde und sich seither zu einem vielseitigen Dienstleistungsbetrieb für die Belange von Natur und Umwelt entwickelt hat. In diesem Zusammenhang entstand vor ein paar Jahren als Kooperationsprojekt des Vereins Naturschutzzentrum Hessen und des Landes die Naturschutz-Akademie Hessen. Unter diesem Namen bieten die Partner, finanziell getragen vom Land, seither gemeinsam Fortbildungen an.
Hervorgegangen ist die Einrichtung aus einem Kreisobstlehrgarten
Der Verein entstand in den siebziger Jahren als Zusammenschluss mehrerer Verbände, um ihre vielschichtigen Aktivitäten für Natur- und Umweltschutz besser koordinieren zu können. Denn es hatte sich herausgestellt, dass Organisationen immer wieder miteinander konkurrierten, was häufig zu Lasten gemeinsamer Anliegen geschah. Heute zählt der Verein 29 Organisationen aus allen Regionen des Bundeslandes zu seinen Mitgliedern, vom Bauernverband über Jagdverbände, Vogelschutzgruppen und Imkervereinigungen bis zum Naturschutzbund, die insgesamt fast eine halbe Million Menschen repräsentieren, die sich in den Dienst des Umwelt- und Naturschutzes stellen. Auch das Land, der Lahn-Dill-Kreis und die Stadt Wetzlar gehören dem Verein an.
Hervorgegangen ist die Einrichtung in der mittelhessischen Stadt aus einem Kreisobstlehrgarten, der schon vor rund hundert Jahren angelegt wurde, um dort Landwirte und Gärtner mit der Hege und Pflege von Apfel-, Birnen- oder Kirschbäumen vertraut zu machen. Später entwickelte sich daraus eine Art Schaugarten, insbesondere für die unterschiedlichen Apfelsorten, die in Hessen gedeihen. Unter den mehr als 60 Bäumen unterschiedlicher Sorten auf dem Gelände befinden sich einige Exemplare aus den Anfängen des Lehrgartens. Die Tradition wird bis heute fortgeführt. Auf der Streuobstwiese des Gartens finden Seminare zum Obstbaumschnitt statt, es gibt Lehrgänge, die Laien wie Obstbauern Tipps geben, welche Sorten für welche Böden besonders geeignet, was für Erträge zu erwarten oder für welche Verarbeitung Boskop oder Trierer Weinapfel prädestiniert sind.
Unterricht in der Natur
Um die Obstwiese gruppieren sich seit der Umgestaltung des Areals rund ein Dutzend Stationen, wo es unter anderem Anregungen gibt für den Anbau fast schon vergessener Küchenkräuter. Gartenbesitzern wird gezeigt, wie ein Komposthaufen angelegt werden sollte oder wie sich mit Hilfe von Natursteinmauern auf dem eigenen Grundstück die Ansiedlung anspruchsloser Pflanzen und Insekten fördern lässt. Wer beim Ausheben von Tümpeln oder der Renaturierung von Bächen Hand anlegen will, kann sich auf dem Gelände des Naturschutzzentrums ebenso anleiten lassen wie für das Gestalten eines Bauerngartens.
Anzutreffen sind im Lehr- und Erlebnisgarten besonders Kinder und Jugendliche. Zum Unterricht in der Natur zählt die Bestimmung der Bodenbeschaffenheit oder der Nachweis von Nährstoffen im Wasser, und es gibt Einblicke in das Leben eines Bienenvolks. Um die Bewirtschaftung eines Gemüsegartens kümmern sich die Schüler allein. Rund 150 Schulklassen sind nach Angaben von Albert Langsdorf, Geschäftsführer des Naturschutzzentrums und Leiter der Akademie, durchschnittlich pro Jahr im Lehr- und Erlebnisgarten zu Gast.
Fast 5000 Teilnehmern pro Jahr
Neben den praxisbezogenen Veranstaltungen wie Anleitungen zum Wiesenschnitt, zur Gartendüngung auf natürlicher Basis oder Kursen zur Bestimmung von alten Apfelsorten soll auch die Theorie nicht zu kurz kommen. Einen Namen gemacht über die Grenzen des Landes hinaus hat sich die Einrichtung beispielsweise mit Fachtagungen für Bedienstete von Kommunalverwaltungen und Politikern. Dabei geht es nach Angaben von Langsdorf häufig um rechtliche Fragen, denn die Liste der Umweltschutzbestimmungen, die bei der Bauplanung in Landesbehörden, Rathäusern oder Landratsämtern zu berücksichtigen sind, verlängerte sich in den vergangenen Jahre immer mehr und ist für viele Bedienstete oft verwirrend, wie Langsdorf weiß. Gleiches gilt für Freischaffende, etwa Architekten oder Gutachter. Auch viele Ehrenamtliche aus Vereinen und Organisationen holen sich in Wetzlar Rat, wenn es um ihre Befugnisse und Pflichten geht. Dabei versteht sich die Einrichtung auch als Vermittler, arrangiert Foren, bei denen sich Vertreter von Verbänden, Vereinen, Verwaltung, Politik und Wissenschaft aufeinander abstimmen, etwa wenn es gilt, Forderungen zur Gesetzgebung zu formulieren. Hervorgetan hat sich das Naturschutzzentrum nicht zuletzt in der Lehrerfortbildung und als Partner für Schulprojekte, so bei der Gestaltung von Schulhöfen oder der Betreuung von Biotopen.
Was vor dreieinhalb Jahrzehnten mit ein paar Dutzend Lehrgängen begann, bekam rasch Schub und füllt mittlerweile ein umfangreiches Programmheft mit mehr als 200 Veranstaltungen und fast 5000 Teilnehmern pro Jahr. Den Aufschwung ermöglichte nicht zuletzt der Bau eines eigenen Tagungsgebäudes. Schon Mitte der achtziger Jahre entwickelte der Vorstand Pläne für ein Seminargebäude auf dem Grundstück, was sich aber vor allem aus finanziellen Gründen zunächst nicht realisieren ließ. Erst nachdem das Land weiteres Geld zugesagt hatte, kam das Vorhaben voran, und Anfang der neunziger Jahre wurde das Haus, das sich architektonisch in das Gelände einfügt, eröffnet. Von vielen Räume aus kann man direkt in den Lehrgarten gehen, Kinder können sich so für den Bau von Nistkästen selbst mit Hölzern und Gräsern versorgen.

