Home
http://www.faz.net/-gzm-755y2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Weihnachtsgrüße Feldpost nach 71 Jahren

Ein Schreiben von der Insel Jersey wird in Mühlheim am Main zugestellt. Hinter dem Brief liegt eine ungewöhnliche Odyssee.

© Dieter Rüchel Vergrößern Frohe Weihnachten 1941: Die Feldpost kam am Dienstag endlich an.

Wie lange seine Weihnachtsgrüße unterwegs sein würden, konnte der „Soldat Emil Adam“ nicht ahnen, als er 1941 der „Familie Josef Bergmann“, Nachbarn in seinem Heimatort Dietesheim am Main, heute Teil der hessischen Stadt Mühlheim östlich von Frankfurt, „frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neujahr“ wünschte.

Eberhard Schwarz Folgen:  

Der junge Mann versah damals Dienst auf der britischen Kanalinsel Jersey, die im Jahr zuvor von der Wehrmacht besetzt worden war. Am 16. und 17. Dezember 1941 fanden Adam und zahlreiche weitere Soldaten, die ebenfalls auf Jersey stationiert waren, Zeit, Angehörigen und Bekannten zu Hause ein paar Zeilen zu schreiben. Doch erst am Dienstag - geschlagene 71 Jahre später - fuhr ein gelbes Postauto am Bestimmungsort vor, um die Grüße zuzustellen: Gemeinsam überbrachten Klaus Kaiser, Postbote der Deutschen Post in Mühlheim, und Michael McNally, Leiter der internationalen Abteilung der Post von Jersey, das inzwischen schon ziemlich vergilbte Schreiben dem Enkel des Empfängers, Engelbert Josef Bergmann.

Die Feindespost wurde nicht vernichtet

Der kann sich an den schon vor Jahren gestorbenen Nachbarn noch gut erinnern: Etwas jünger als sein eigener Großvater sei Emil Adam gewesen. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass er im Krieg gewesen ist.“ Keine Briefmarke und kein Stempel zieren den Umschlag. „Feldpost“ hat der Absender darauf handschriftlich vermerkt. Die Grüße stehen auf einer Karte mit englischsprachigem Aufdruck; die Rückseite ziert ein Gemälde mit Segelbooten.

Alte Feldpostbriefe - Deutsche Post und Jersey Post übergeben den ersten von 86 Feldpostbriefen, die 1941 von deutschen Soldaten auf der Insel Jersey geschrieben wurden, an Engelbert Josef Bergmann, den Enkel des eigentlichen Empfängers © Dieter Rüchel Vergrößern Der Enkel: Engelbert Josef Bergmann liest den Gruß

Hinter dem Brief liegt eine ungewöhnliche Odyssee. Eine Gruppe junger Männer beschloss 1941, als Zeichen des Widerstands gegen die deutschen Besatzer Briefe aus dem Feldpostamt zu entwenden, das die Wehrmacht in einem Laden in Saint Helier, der Hauptstadt von Jersey, eingerichtet hatte. „Junge Leute, die ein bisschen Unruhe machen wollten“, sagt McNally.

Schwer zu lesen

86 Briefe gelangten in ihre Hände. Die Feindespost wurde aber nicht etwa vernichtet, sondern sorgfältig aufbewahrt. Einer der damals jungen Männer, der anonym bleiben möchte, stellte sie sieben Jahrzehnte später dem Archiv von Jersey zur Verfügung, das Kopien anfertigte, viele Schreiben übersetzen ließ und sich an die Post von Jersey wandte. Die informierte im September die Deutsche Post. Daraus entstand die Idee, die Adressaten oder deren Nachfahren in Deutschland ausfindig zu machen und die Briefe, wenngleich verspätet, doch noch zuzustellen.

Alte Feldpostbriefe - Deutsche Post und Jersey Post übergeben den ersten von 86 Feldpostbriefen, die 1941 von deutschen Soldaten auf der Insel Jersey geschrieben wurden, an Engelbert Josef Bergmann, den Enkel des eigentlichen Empfängers © Dieter Rüchel Vergrößern Adresse stimmt (fast) noch: der Brief von der Insel Jersey nach Hessen

Manche Handschrift sei schwer zu lesen gewesen, sagte Felix Blaich von der Deutschen Post, der gemeinsam mit einigen Kollegen nachzuforschen begann. Die Adress-Datenbanken der Post leisteten gute Dienste; Telefonbücher wurden gewälzt und viele Leute angerufen. Manche Recherche endete in einer Sackgasse. Einige Schreiben seien auch an Empfänger in Gebieten adressiert gewesen, die heute nicht mehr zu Deutschland gehören, oder an NS-Organisationen, die es nicht mehr gibt. Zehn Briefe habe man bislang zuordnen können. Sie sollen noch vor Weihnachten den Empfängern ausgehändigt werden.

Engelbert Josef Bergmann verriet, was er mit dem Brief von der Kanalinsel Jersey machen will: „Ich denke, dass wir den einrahmen werden.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kaffeehauskette Wenn die App den Kaffee bei Starbucks vorbestellt

Der Kaffeehausbetreiber Starbucks will sein Geschäft stärker digitalisieren. Künftig sollen Kunden den Kaffee via App in der Filiale vorbestellen können. Auch eine Lieferung ins Büro soll möglich sein. Mehr Von Carsten Knop

31.10.2014, 18:52 Uhr | Wirtschaft
Britischer Junge mit Hirntumor jetzt in Prag

Die Odyssee des kleinen, sehr kranken Ashya King geht weiter. Am Montagmittag wurde er in ein Prager Krankenhaus eingeliefert, er kam geradewegs aus Spanien. Die nächste Station auf dem Weg des Kindes und seiner Familie, deren Schicksal in den vergangenen Tagen nicht nur die Briten umtrieb. Mehr

08.09.2014, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Orkun Erteners Lebt Die er rief, die Geister, wird er nicht wieder los

Orkun Ertener ist als Drehbuchautor eine Hausnummer. In seinem Roman Lebt geht es um die Anhänger eines jüdischen Messias, um Gold und um Nazis. Zu viel Stoff fürs erste Mal? Mehr Von Hannes Hintermeier

29.10.2014, 06:54 Uhr | Feuilleton
Aufräumen auf dem Maidan

Kiews zukünftiger Bürgermeister Klitschko will den Unabhängigkeitsplatz sanieren - viele Demonstranten wollen ihre Posten aber nicht räumen. Mehr

01.06.2014, 15:46 Uhr | Aktuell
Eizellspende Der Trend geht zur Perfektion

Wo Eizellen gespendet werden dürfen wie in New York, war den künftigen Eltern bislang vor allem eines wichtig: dass ihnen ihre Kindern ähnlich sehen. Eine neue Studie zeigt, dass heute die Spenderinnen von Eizellen deutlich mehr mitbringen müssen. Mehr Von Joachim Müller-Jung

21.10.2014, 16:13 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.12.2012, 06:08 Uhr

In Grund und Boden

Von Tobias Rösmann

Kommunalpolitiker versuchen durch drastische Erhöhungen der Grundsteuer ihre Haushalte zu sanieren. Mit solider, berechenbarer Finanzpolitik hat das nichts zu tun. Mehr 2 1