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Wasserkuppe Blicke in die Ferne und Reise in die Stille

17.07.2009 ·  Eine Gesellschaft für den Erhalt des Radoms auf der Wasserkuppe versucht, das Mahnmal des Kalten Kriegs touristisch zu vermarkten. Außerdem wird es nach dem Umbau des Sockels zum Vereinsheim für die etwa 900 Drachen- und Gleitschirmflieger, die seit 1975 auf den Wiesenhängen der Wasserkuppe starten und landen.

Von Barbara Hofmann
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Hessens höchster Punkt hat den Wandel vom Militärgelände zum schmucken Ausflugsziel noch nicht vollzogen. Hier gibt es keine Würstchenbuden, keine Andenkenläden, keinen Eisstand. Stattdessen finden sich verwitterte Gebäude, hohe Zäune, Antennen, kurzes Gras und viel Asphalt. Obwohl das Ambiente noch wenig einladend ist, strömen die Besucher seit einigen Wochen zur neuesten Attraktion der Wasserkuppe. Der Grund: Die phantastische Aussicht aus 960 Metern Höhe und die verblüffende Akustik.

Wie ein riesiger grauer Fußball thront das früher militärisch genutzte Radom auf dem Gipfel, eine Landmarke, die in den vergangenen Jahren im Fuldaer Land für viele Diskussionen gesorgt hat. Die Aufregung hat sich gelegt, die Gegner des „Betonsarges“ sind verstummt, die Bewahrer haben sich durchgesetzt. Die Aussichtsplattform, die früher den Militärs zur Feindbeobachtung diente, wurde für 215.000 Euro umgebaut, damit Besucher gefahrlos den Rundumblick im „Land der offenen Fernen“ genießen können. Sechzig Meter lang und drei Meter breit ist der Rundlauf, der in 24 Meter Höhe um die Radarkuppel führt.

Wetterschutz für riesiges Radargerät

Hans-Ulrich Enders und Pia Groß von der Gesellschaft zum Erhalt des Radoms auf der Wasserkuppe (Radom-Flug gGmbH) freuen sich über die positive Resonanz seit der Eröffnung der Plattform. Viele Wanderer nutzen die Gelegenheit, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Geschäftsführer Enders und Beiratsvorsitzende Groß, die sich seit acht Jahren mit ihren Mitstreitern für den Rhöner „Radardom“ engagieren, möchten die Besucher nicht nur mit der Aussicht, sondern auch mit den Innenansichten der knapp 14 Meter hohen Kuppel beeindrucken.

Das Besondere an dem sogenannten Sandwichradom sei die freitragende Glasfaserkonstruktion, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von dem Amerikaner Richard Buckminster Fuller für Radarkuppeln entwickelt worden sei, erklärt die Architektin Groß. Die kugelförmige Kuppelhülle besteht aus 111 sechseckigen Einzelementen. Sie sitzt auf einem Sockel mit 15 Metern Durchmesser. Ursprünglich diente die Kuppel nur als Wetterschutz für das riesige Radargerät, das dort 1993 für die Bundeswehr installiert worden war. 1998 wurden die Soldaten von der Wasserkuppe abgezogen, das Radargerät wurde 2004 abgebaut, zurück blieb die leere Hülle, die zunächst abgerissen werden sollte.

Klangschalen-Therapeutin

Doch die gemeinnützige Gesellschaft, die 2001 von den beiden Flugsportvereinen der Drachen- und der Gleitschirmflieger gegründet wurde, will diese nun mit Leben füllen. Ideen gibt es viele, ein Konzept für die Nutzung des luftigen 150 Quadratmeter großen Raums mit der außergewöhnlichen Akustik existiert ebenfalls. Die Kuppel ist eher ein Ort der leisen Töne, da der Schall vielfach reflektiert wird. Der Fuldaer Musiker und Komponist Frank Tischer plant ein neues Projekt in der Kuppelhülle mit dem Titel „Klang der Stille“. Tischer hat eine eigene Komposition im Radom produziert und ist mit der Akustik vertraut. Er soll in Zukunft für alle musikalischen Veranstaltungen in der Kuppel die künstlerische Leitung übernehmen.

Musik, Licht und Tanz kann sich Groß in dem „erhabenen Raum“ gut vorstellen. Seit der Eröffnungsveranstaltung Ende Juni hat sie schon viele Anfragen bekommen. Firmen aus der Region würden gern in dem ungewöhnlichen Ambiente neue Produkte präsentieren, eine Klangschalen-Therapeutin möchte gestresste Zeitgenossen mit Klängen unter der Kuppel zur Ruhe bringen, Fotografen seien „unglaublich interessiert“, in der Kuppel ihre Kunst auszustellen. „Es ist wichtig, den Ort wachsen zu lassen“, sagt Groß.

Sternschnuppen zählen

Zeit dafür hat sie, denn die Radom-GmbH hat mit der Stadt Gersfeld, der Eigentümerin des Gebäudes, einen langfristigen Nutzungsvertrag geschlossen. Groß findet es wichtig, Schulklassen und Jugendgruppen über die Geschichte des Radoms zu informieren. Schließlich sei es auch ein Mahnmal des Kalten Krieges im ehemaligen Zonenrandgebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Wasserkuppe zum militärischen Sperrgebiet und für die Luftraumüberwachung der ehemaligen Ostblockstaaten genutzt. In den siebziger und achtziger Jahren standen vier Radarkuppeln auf dem Berg. Sie wurden jedoch wegen ihrer veralteten Technik nach und nach abgerissen. Vier Jahre nach dem Mauerfall wurde die jetzige Kuppel errichtet.

Enders hat herausgefunden, dass das Radom auf der Wasserkuppe das einzige weltweit ist, das zivil genutzt wird. Die Einnahmen aus dem Tourismus sollen die Kosten für den Betrieb und die Erhaltung des Gebäudes sichern. Jährlich besuchen rund eine Million Menschen den Berg der Flieger. Das Radom ist jedoch nicht nur eine touristische Attraktion, sondern wird nach dem Umbau des Sockels zum Vereinsheim für die etwa 900 Drachen- und Gleitschirmflieger, die seit 1975 auf den Wiesenhängen der Wasserkuppe starten und landen. Demnächst werden die Bauarbeiten im Sockel beginnen.

Der Gipfel von Hessens höchstem Berg soll auch attraktiver werden, Zäune, Antennenanlagen und die verfallenen Gebäude werden verschwinden. Am 12. August können Besucher der Wasserkuppe Sternschnuppen zählen. Von 19 Uhr an lädt die Radom-Flug GmbH zum ersten Sternschnuppen Open Air Festival auf das Hochplateau vor dem Radom ein.

Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.radom-wasserkuppe.de.

Quelle: F.A.Z.
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