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Digitaler Nachlass : Das Selfie lebt weiter

  • -Aktualisiert am

Auf immer und ewig: Kaum ein Nutzer bedenkt, dass seine Fotos und Nachrichten im Netz nach seinem Tod betreut, gepflegt oder gelöscht werden müssen. Bild: dpa

Wenn ein Mensch stirbt, existieren seine Online-Daten und -Verträge ungewollt fort. Ratsam ist es, zu Lebzeiten Vorsorge zu treffen, sonst haben die Erben die Last.

          Daten kennen kein Ablaufdatum. E-Mail-Konten, Posts und Tweets in sozialen Netzwerken, Kontoverbindungen und Online-Verträge - das alles bleibt nach dem Tod eines Nutzers erhalten. Dazu kommen Daueraufträge für Strom, Telefon oder auch Video-Abos - acht Verträge hat jeder deutsche Verbraucher im Durchschnitt, sagt Barbara Steinhöfel von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Sie verlängern sich automatisch, ohne dass Angehörige davon wissen. Die Hinterbliebenen müssen dann Verpflichtungen aus den Verträgen der Toten übernehmen. Doch das ist nicht das einzige Problem, wie Steinhöfel kürzlich bei einer Veranstaltung zum Thema digitaler Nachlass in Mainz anmerkte. Was etwa passiert mit dem Facebook-Account, den Fotos im Netz, der E-Mail-Adresse und dem Profil bei Xing? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn rechtlich befindet sich der digitale Nachlassverwalter im Zwiespalt zwischen Erbrecht und Fernmeldegeheimnis.

          Grundsätzlich ist es so, dass der gesetzliche Erbe alle Rechte und Pflichten übertragen bekommt, wenn der Verstorbene niemand anderen für den digitalen Nachlass bestimmt hat. Konkret heißt das: Der Erbe muss online bestellte Ware bezahlen und auch für Verträge wie die Stromrechnung gerade stehen, auch wenn er nichts von diesen weiß. Der Erbe entscheidet aber auch darüber, was mit den gespeicherten Daten passiert. Nach dem Gesetz hat er Zugriff auf den Computer und die Speichermedien des Verstorbenen. Ihm gehören die Fotos, die in einer Cloud oder bei einem sozialen Netzwerk gespeichert sind. Ebenso hat er einen rechtlichen Anspruch darauf, die E-Mails des Verstorbenen einzusehen. Er darf über ein Profil verfügen, es also ändern oder löschen, sofern der Anbieter dies erlaubt.

          Bei Facebook einen Nachlassverwalter bestimmen

          Zunächst einmal braucht der Erbe dafür die nötigen Zugangsdaten. Eine Liste mit Benutzernamen und Kennwörtern kann die Arbeit erheblich erleichtern. Steinhöfel empfiehlt allen Internet-Nutzern, eine solche Liste zu führen und sicher aufzubewahren. Wer die Zugangsdaten nicht kennt, hat meist nur dann Zugriff auf Online-Konten, wenn er Erbschein und Sterbeurkunde vorzeigt. Viele Anbieter verlangen grundsätzlich einen Erbschein. Doch auch mit Zugangsdaten und Erbschein ist noch lange nicht sicher, dass E-Mails und Verträge auch gelesen werden dürfen. Anbieter verweigern den Zugriff etwa mit dem Argument, das postmortale Persönlichkeitsrecht oder das Fernmeldegeheimnis würden verletzt, etwa weil man so auch die Mails der Personen lesen kann, mit denen der Verstorbene kommuniziert hat.

          Auch bei der Herausgabe sogenannter digitaler Güter, wie E-Books und Musikdateien, sind viele Unternehmen sehr restriktiv. Nach Steinhöfels Erfahrung schließen die meisten Allgemeinen Geschäftsbedingungen die Vererbbarkeit digitaler Güter aus. Das heißt, die Songs und E-Books gehen nicht in den Besitz des Erben über. Die Verbraucherschützerin ärgert das: „Wir reden hier über erkleckliche Werte, und ich sehe keinen Grund, warum diese nicht vererbbar sein sollten.“ Die Rechtslage dazu sei noch nicht abschließend geklärt. Bei den Internetunternehmen selbst kommt das Thema laut Steinhöfel erst so langsam an. So können etwa Facebook-Nutzer zu Lebzeiten einen Nachlassverwalter ( Legacy Contact) bestimmen, der nach dem Tod Einträge vornehmen, das Profilbild austauschen, Posts und Fotos herunterladen und archivieren kann. Private Nachrichten kann dieser Kontakt nicht lesen.

          Spezielle Anbieter regeln den digitalen Nachlass

          Nach dem Tod eines Angehörigen haben Hinterbliebene die Möglichkeit, dessen Konto in den sogenannten Gedenkzustand zu setzen. Das Konto bleibt dann erhalten, kann aber nicht mehr bearbeitet werden. Ein Problem: Bisher konnte jede beliebige Person den Online-Dienstleister auffordern, ein Konto in den Gedenkzustand zu setzen. Das war dann nicht mehr rückgängig zu machen. Das wurde in einem Fall Eltern in Berlin zum Verhängnis, deren minderjährige Tochter sich das Leben genommen hatte. Die Eltern und Erben hätten gerne auch private Nachrichten auf Facebook gelesen, um mögliche Hinweise zum Suizid ihrer Tochter in Erfahrung zu bringen. Das Konto war aber bereits von jemand anderem in den Gedenkzustand versetzt worden. Die Eltern klagten vor dem Berliner Landgericht und bekamen recht. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig, da dagegen Berufung eingelegt wurde.

          Google-Nutzer haben die Möglichkeit, zu Lebzeiten über einen sogenannten Kontoinaktivitätsmanager festzulegen, dass ihr Konto nach einer gewissen Zeit, in der keine Anmeldung erfolgte, automatisch gelöscht wird. Alternativ können sie bis zu zehn Vertrauenspersonen bestimmen, die das Unternehmen im Todesfall anweisen, Daten zu löschen. Inzwischen haben sich kommerzielle Anbieter darauf spezialisiert, den digitalen Nachlass von Verstorbenen zu regeln. „Diese Möglichkeit würde ich aber nur dann empfehlen, wenn man sonst niemanden hat, der den Nachlass für einen regeln kann“, sagt Steinhöfel. Keinesfalls sollten sich Erben darauf einlassen, Computer oder auch Zugangsdaten herauszugeben. Abgesehen davon, könnten auch solche Unternehmen „sterben“, und dann sei unklar, was mit den Daten passiert.

          Checkliste digitaler Nachlass

          Um Angehörigen Arbeit zu ersparen und vor schmerzhaften Überraschungen zu schützen, sollten Internetnutzer ihren digitalen Nachlass zu Lebzeiten regeln.

          Wichtig ist, alle Accounts bei E-Mail-Anbietern, Online-Banken, Strom- und Telefondienstleistern, sozialen Netzwerken, Online-Händlern, Streaming- oder Cloud-Diensten mit Benutzernamen und Kennwort auf einer Liste festzuhalten - sei es auf Papier, einem verschlüsselten USB-Stick oder auch mit Hilfe einer Passwort-Manager-Software - und diese sicher zu verwahren.

          Um Komplikationen zu vermeiden, sollte man eine Vertrauensperson zum digitalen Nachlassverwalter bestimmen. In einer Vollmacht ist dann festzulegen, dass diese Person für Daten, Computer, Tablets und E-Books verantwortlich ist. Mit dem Nachlassverwalter kann der Nutzer klären, wie er mit den Daten nach dem Tod umgehen soll, etwa welche sensiblen Inhalte oder ganze Konten er bei welchen Anbietern zu löschen hat. Die Vollmacht muss mit Datum versehen, unterschrieben und „über den Tod hinaus“ gültig sein. Um Verträge zu kündigen, reichen Kopien der Sterbeurkunde meistens aus. (cado.)

          Info: Auf der Seite www.machts-gut.de finden Nutzer und Hinterbliebene Tipps zum digitalen Nachlass. Broschüren zum Thema Erben sowie Vordrucke, etwa Vorsorgevollmachten, gibt es auf den Seiten der Verbraucherzentralen.

           

          Quelle: F.A.Z.

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