In Hessen haben nach Darstellung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 3600 Erzieherinnen städtischer Kindertagesstätten und Sozialarbeiter in kommunalen Sozial- und Erziehungsdiensten in einem Warnstreik für bessere Arbeitsbedingungen demonstriert. In Mainz haben mehr als 1000 Beschäftigte aus rheinland-pfälzischen Kindertagesstätten ihren Unmut kundgetan. Zu dem Warnstreik hatte die Gewerkschaft in ganz Deutschland aufgerufen. Der Gesamtelternbeirat der Tageseinrichtungen für Kinder der Stadt Frankfurt zeigte Verständnis für die Anliegen der Erzieherinnen.
Weil der Arbeitsdruck für die Mitarbeiter gestiegen sei, will die Gewerkschaft einen „Gesundheitstarifvertrag“ mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) abschließen. Außerdem will sie für die Erzieherinnen eine bessere Eingruppierung bei der Entlohnung erreichen. Nach Angaben von Verdi blieben gestern allein im Rhein-Main-Gebiet die Türen von rund 80 Kitas geschlossen. In Darmstadt waren der Stadtverwaltung zufolge zehn der 28 städtischen Kitas nicht geöffnet, sechs andere hätten nur eingeschränkt arbeiten können. In Marburg waren alle 16 kommunalen Kitas geschlossen. In Kassel waren etwa zwei Drittel der 33 städtischen Kitas betroffen. In Mainz konnten nach Angaben der Stadt nur fünf städtische Einrichtungen öffnen.
200 Kitas in Hessen geschlossen
Gerhard Abendschein vom hessischen Verdi-Landesverband wertete den Warnstreik als „Erfolg“. Die Zahl der Teilnehmer in Hessen sei höher gewesen als erwartet. Allein in Frankfurt hätten 1100 Mitarbeiter protestiert. In Kassel und Darmstadt seien es jeweils 500 gewesen, in Wiesbaden 300 und in Marburg 120. Insgesamt rund 200 Kitas seien in Hessen geschlossen gewesen. Die Beschäftigten hätten klargemacht, dass sie einen Rechtsanspruch auf individuelle Prüfung der unterschiedlichen Gesundheitsgefährdungen an ihrem Arbeitsplatz wollten, so Abendschein. Verdi bereite sich in diesem Tarifkonflikt auf eine Urabstimmung vor.
Sabine Eickmann, stellvertretende Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Tageseinrichtungen für Kinder der Stadt Frankfurt, sagte, es sei zwar ärgerlich, wenn Eltern sich auf die Betreuung ihrer Kinder nicht verlassen könnten, aber sie habe Verständnis für die Anliegen der Erzieherinnen, „die unter relativ harten Bedingungen und für relativ wenig Lohn“ eine gute Arbeit machten. Die Versorgung mit Personal sei so eng, dass eine Erzieherin für 20 Kinder allein zuständig sein könne, wenn eine andere krankheitsbedingt ausfalle.
2321 Euro brutto für Berufsanfängerinnen
Michael Damian, Büroleiter der Frankfurter Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), sagte, dass Erzieherinnen, die einen Bildungsauftrag hätten, im Vergleich zu Grundschullehrern zu wenig verdienten. Allerdings biete die Stadt Berufsanfängerinnen ein Gehalt von 2321 Euro. Verdi kritisierte dagegen, dass viele Erzieherinnen zu einem Eingangsgehalt von 1922 Euro eingestellt würden.
Zudem seien in Frankfurt für jede Gruppe zwei Erzieherinnen zuständig und gehörten zu einer Gruppe nicht mehr als 20 Kinder, so Damian. Das trage zur Entlastung der Mitarbeiterinnen bei; das sei in anderen Kommunen anders. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) wies darauf hin, dass in Mainz schon 1991 eine Gesundheitsberatungsstelle für städtische Mitarbeiter eingerichtet worden sei; seit 2007 gebe es zudem jährlich einen Gesundheitstag.
Verdi macht die VKA für ein Scheitern der Verhandlungen über den Gesundheitstarifvertrag verantwortlich. Schon im Januar habe man dies angeregt, doch die Arbeitgeber hätten erst am 27. Mai darüber sprechen wollen, sagte Abendschein. Das sei so spät gewesen, dass die Verhandlung als gescheitert bewertet worden sei.
Tarifvertrag zur Gesundheitsförderung
VKA-Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann äußerte, von Verzögerungstaktik könne keine Rede sein. Er warf Verdi vor, die Verhandlungsrunde am 27. Mai nicht abgewartet zu haben. Da in der Auseinandersetzung über die Entlohnung derzeit Friedenspflicht herrsche, habe die Gewerkschaft ein anderes Thema gesucht, um zu einem Streik aufrufen zu können – gemeint ist der Tarifvertrag zur Gesundheitsförderung. Gegen diesen Vorwurf verwahrte sich Abendschein.
Hoffmann sagte, die Verhandlungen über den Tarifvertrag seien nicht gescheitert; sie hätten noch gar nicht begonnen. „Die Städte und Gemeinden als Arbeitgeber verschließen sich dieser Thematik keineswegs“, versicherte Beutel. Die Arbeitgeberverbände hätten lediglich um „ausreichend Zeit für ihre interne Beschlussfassung in den Gremien“ gebeten.

