14.07.2008 · Das am Edersee gelegene Städtchen Waldeck leidet unter rückläufigen Besucherzahlen. Der Bürgermeister macht die hohen Benzinpreise verantwortlich. Um wieder mehr Touristen anzulocken, werden in Waldeck nun Benzingutscheine über einen Euro ausgegeben.
Als nach der Suez-Krise 1956 das Benzin teuer wurde, hatte man in Frankreich und Italien eine Idee. Vor allem deutsche Touristen sollten durch Benzingutscheine in den Süden gelockt werden. Der Liter Sprit kostete damals umgerechnet gut 30 Cent. In Zeiten, in denen die Tankfüllung fünfmal so viel kostet wie vor 50 Jahren, lebt die alte Initiative wieder auf: Das Städtchen Waldeck will mit Benzingutscheinen dafür sorgen, dass wieder mehr Urlauber an den Edersee kommen.
„Die Idee kam mir letzte Woche, als ich mit Inline-Skates um den See fuhr“, sagt Jörg Feldmann. „Da fiel mir auf, wie wenig Autos man plötzlich sieht.“ Der parteilose Bürgermeister von Waldeck fragte in Bistros und Hotels nach und bekam immer die gleiche Antwort: Weniger Tagestouristen - wegen der hohen Spritpreise. Und wer komme, gebe weniger aus. „Das ist für eine Region wie unsere, vorsichtig gesagt, ein Problem. Da mussten wir einfach was tun.“
Bürgermeister: Nicht einen Korb bekommen
Und man handelte schnell. Innerhalb einer Woche wurden Plakate und Gutscheine entworfen, Tankstellen und Händler gewonnen. „Die Resonanz in der Branche war enorm. Ich habe nicht einen Korb bekommen“, sagt Feldmann. Hotels und Restaurants, Cafés und Läden - selbst ein Golfplatz macht mit. Wer dort Geld lässt, kann einen Teil wieder als Gutschein zurückbekommen. Akzeptiert wird der Bon an den vier Tankstellen in Waldeck.
„Wir leiden unter dem deutlichen Rückgang bei den Tagestouristen. Deshalb haben wir sofort die Gutscheine bestellt“, sagt Ingrid Fladung. Ihre Familie begrüßt im „Haus am See“ an Wochenenden stets mehrere hundert Gäste. „Die meisten sind Tagestouristen. Aber seit das Benzin so teuer ist, sind bestimmt 20 Prozent ausgeblieben.“ Selbst der sonnige Juni war in dem Hotel nicht so gut gebucht wie sonst. „Und wer doch kommt, holt die Benzinkosten woanders wieder raus. Dann bringt man sich lieber den Kaffee in der Thermoskanne mit, statt ins Café zu gehen.“
Ähnliche Erfahrungen hat Stefan Groll mit seiner Sommerrodelbahn gemacht. „Die Gästezahlen sind ja noch einigermaßen stabil, so bei 50.000 im Jahr. Aber das Geld sitzt längst nicht mehr so locker.“ Nur einer, aber einer der wichtigsten Gründe seien die Benzinkosten: „Viele trinken eine Cola weniger, wenn sie vorher 15 oder 20 Euro mehr für das Tanken ausgegeben haben.“
Gift für ein Geschäft, das von Tagestouristen lebt: „80 Prozent unserer Gäste wohnen mindestens 50 Kilometer weit weg. Deshalb haben wir die Idee mit den Tankgutscheinen dankbar aufgegriffen.“ Wie die Gäste in deren Genuss kommen können, werde jetzt geklärt: „Wahrscheinlich werden wir es so machen, dass jeder mit mindestens 50 Kilometer Anreise ein paar der Ein-Euro-Bons bekommt.“
„Das muss sich erst noch rumsprechen“
Zum Start der Aktion am Montagmorgen hingen in vielen Restaurants, Hotels und Läden Waldecks die Werbeschilder für die Benzingutscheine. Auch in der Tankstelle von Hubert Reitzig. „Man muss das unterstützen“, sagt der Pächter, „unsere Region braucht das“. Schließlich lebe das Land um den Edersee von den Touristen. „Und dass die ausbleiben, merkt man enorm. Selbst bei gutem Wetter tanken bei uns heute ein Fünftel Kunden weniger als früher.“ Bis Mittag hatte allerdings noch kein Kunde die silber-gelben Zettelchen mit der Aufschrift „Urlaub tanken“ einlösen wollen. Reitzig ist dennoch optimistisch: „Das muss sich erst noch rumsprechen. Aber das kommt.“
Das glaubt auch Feldmann: „Wir haben erst einmal 650 Gutscheine gedruckt und die sind alle weggegangen. Und weil unsere Urlauber aus dem Ruhrgebiet, Frankfurt und Hannover kommen, werden die das sicher gern annehmen“, sagt der Bürgermeister. „Das erste Interesse überrascht mich selbst.“ Den eigenen Urlaub hat er zumindest erst einmal verschoben.