18.06.2009 · Das Land ist mit 40 Prozent Hessens größter Waldbesitzer. Die Regierung Koch muss sich entscheiden, ob für diese Flächen künftig deutlich strengere Naturschutzauflagen gelten sollen.
Von Oliver Bock, WiesbadenDie Fakten und Argumente liegen auf dem Tisch, jetzt ist die Politik am Zug. Doch vor der von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) für dieses Jahr angekündigten „politischen Entscheidung“ wird hinter den Kulissen um die Antwort auf die Frage gerungen: Welches Ökosiegel braucht der hessische Staatswald? Eines hat er schon: PEFC. Die vier Buchstaben stehen für ein internationales Waldzertifizierungsprogramm (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes), das vor zehn Jahren von elf Ländern gegründet wurde. Mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung kann seither jeder Waldeigentümer ein Bekenntnis zu den PEFC-Standards der Waldbewirtschaftung ablegen und Stichprobenkontrollen akzeptieren. Es ist nach Ansicht des Hessischen Waldbesitzerverbandes, der die Interessen von 60 000 privaten Forsteigentümern vertritt, ein den deutschen Verhältnissen angemessenes, mit nur 13 Cent je Hektar kostengünstiges, effizientes und unbürokratisches System.
Tatsächlich ist PEFC wohl auch deshalb mit Abstand Marktführer unter den Zertifizierungssystemen. Neben den privaten Waldbesitzern, die 25 Prozent der hessischen Waldfläche von knapp 800 000 Hektar betreuen, setzen viele Kommunen, deren Waldanteil 35 Prozent ausmacht auf PEFC. Und nicht zuletzt auch der Landesbetrieb Hessen-Forst, der mit 40 Prozent größter Forsteigentümer im waldreichen Hessen ist, wo auf 42 Prozent der Landesfläche Bäume stehen.
Die Kritik der Verbände an PEFC: zu wenige Kontrollen
In Hessen sind damit rund zwei Drittel der Waldfläche nach PEFC zertifiziert. Doch den großen Umweltverbänden wie Nabu, BUND und WWF genügt das nicht. Sie plädieren seit Jahren für eine weitergehende Zertifizierung nach den Richtlinien von FSC. Das Kürzel steht für das Forest Stewardship Council, eine gemeinnützige Organisation mit Arbeitsgruppen in 43 Ländern. Sie wurde 1993 als Reaktion auf die Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro gegründet und hat klare Forderungen an die nachhaltige Entwicklung der Wälder formuliert.
Die meisten Umweltverbände favorisieren FSC, weil ihnen dessen Vorgaben strenger, die Maßstäbe an den Naturschutz höher und die Kontrollen strikter erscheinen. Naturschutzexperte Christof Heinrich vom WWF spricht vom „einzigen unabhängigen und glaubwürdigen“ Zertifikat. Die Kritik der Verbände an PEFC: zu wenige Kontrollen, zu viel Einfluss der Waldeigentümer, zu niedrige Naturschutzstandards.
87 Prozent sind nach PEFC zertifiziert
Doch bislang sind in Hessen nur rund 16.000 Hektar nach FSC zertifiziert, aber 763.000 Hektar und damit 87 Prozent der Waldfläche nach PEFC. Dieses Missverhältnis liegt unter anderem an den 342 000 Hektar Staatswald. Wäre Ende Januar eine von der Linken geduldete rot-grüne Landesregierung gewählt worden, der Wechsel wäre schon entschieden. „Die hohe ökologische Qualität unserer Waldwirtschaft werden wir durch eine internationale Zertifizierung nach den Normen des FSC bestätigen lassen“, hieß es in der rot-grünen Koalitionsvereinbarung.
Bei CDU und FDP heißt es hingegen nur, dass Hessen-Forst als Wirtschaftsbetrieb weiterentwickelt, die Belastungen der Forstbetriebe durch Vorschriften abgebaut und die nachhaltige Forstwirtschaft gestärkt werde. Für viele Beobachter überraschend taucht unter den 14 Projekten der von der Landesregierung einberufenen Nachhaltigkeitskonferenz ein Prüfauftrag auf, ob und wie eine FSC-Zertifizierung des Staatswalds möglich sei. Ein Gutachten wurde bei der Hamburger GFA Consulting Group in Auftrag gegeben, das diese Möglichkeit ausdrücklich bestätigt.
70.000 Euro jährlich werde die Zertifizierung kosten
„Guter Wald“ heißt aus FSC-Sicht, dass er sich trotz Bewirtschaftung möglichst nahe am Naturzustand befindet. Angestrebt werden Mischwälder aus heimischen Baumarten mit einer gesunden Altersstruktur sowie die Erhaltung von Totholz als Lebensraum für eine Vielzahl von Insekten und Tieren. Nachpflanzungen im Wald sollen die Ausnahme sein, neue Bäume durch natürliche Verjüngung des Waldes wachsen. Die weiter gehenden Standards von FSC verglichen mit PEFC verlangen von Hessen-Forst allerdings höhere Kosten für die Zertifizierung (23 Cent je Hektar) und die Duldung jährlicher Kontrollen. Statt bisher drei müssen künftig zehn mindestens 80 Jahre alte Habitatbäume je Hektar vor der Säge dauerhaft geschützt werden. Biozide gegen Käfer dürfen erst auf Anordnung der Oberen Forstbehörde gespritzt werden. Besonders hart träfe Hessen-Forst die aus Naturschutzgründen geforderte Stilllegung ertragreicher Waldflächen in einem Volumen, das noch umstritten ist, das aber zwischen 2500 und 11 500 Hektar liegen wird. Zudem müsste Hessen-Forst bei der Baumartenwahl die ertragreiche Nutzung von Douglasien und Fichten zugunsten heimischer Laubbäume einschränken. Die Aufforstung von Flächen nach Stürmen mit Reinbeständen dieser Nadelbäume wäre unmöglich.
Zu den finanziellen Folgen dieser und anderer Auflagen hat Hessen-Forst seinem Eigentümer, dem Land, eine Rechnung aufgemacht: 70.000 Euro jährlich werde die Zertifizierung kosten, 7,8 Millionen Euro der geforderte Umbau des Waldes, eine weitere Million die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln nur nach Sondererlaubnis. Insgesamt veranschlagt Hessen-Forst Kosten in Höhe von jährlich 10,9 Millionen Euro, dazu den Verlust von rund 450 Arbeitsplätzen. Die Gesamtkosten erreichen unter Berücksichtigung der Arbeitsplatzverluste (Kosten 29 Millionen Euro) und der Kohlendioxidbilanz (14 Millionen Euro) mehr als 54 Millionen Euro.
Nach Lautenschläger ist das Ergebnis der Prüfung noch offen
Als nicht gerechtfertigte, in Teilen völlig übertriebene oder falsche Horrorrechnungen und „wilde Zahlenspiele“ kritisieren WWF, Nabu und BUND den Landesbetrieb. Der WWF nimmt sich in einem eigenen Gutachten detailliert die Hessen-Forst-Rechnung vor – und kommt auf jährliche Folgekosten von nur 176.000 Euro.
Die Umweltverbände setzen darauf, dass sich Koch und Umweltministerin Silke Lautenschläger nicht von den Zahlen des Landesbetriebs beeindrucken lassen und im hessischen Wald ein Vorbildprojekt zur Nachhaltigkeit initiieren. Das wäre laut Nabu eine „politisch herausragende“ Entscheidung. Lautenschläger will jedoch zunächst genau wissen, welche Auflagen mit FSC verbunden wären, in welchem Umfang Waldflächen „stillzulegen“ wären und inwieweit Nadelbäume geduldet würden. Die Ministerin strebt einen Kompromiss in der Nachhaltigkeitskonferenz an, falls die strittigen Punkte im Herbst geklärt sind. Das Ergebnis sei offen, so Lautenschläger. Denkbar sei eine Mehrheitsentscheidung – oder auch gar kein Votum.
Ministerpräsident Koch hat eine „politische Entscheidung“ angekündigt
Abgelehnt wird die FSC-Zertifizierung vom Hessischen Städte- und Gemeindebund und vom Waldbesitzerverband, die beide unter anderem eine „Sog- und Signalwirkung“ fürchten. Derzeit werden schon 90 Prozent des Kommunalwalds und 50 Prozent des Privatwalds von Hessen-Forst bewirtschaftet. Wer sich in der Folge einer Landesentscheidung ebenfalls den FSC-Standards unterwerfe, müsse wegen der strengeren ökologischen Vorgaben mit niedrigeren Erträgen rechnen. Den höheren Kosten und Risiken stünden „allenfalls geringfügige Verbesserungen“ verglichen mit dem aktuellen Standard gegenüber, heißt es in einem Papier des Städte- und Gemeindebunds.
Die von Forstleuten dominierte Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hält FSC für nicht geeignet, den Wald besser zu schützen. Vielmehr seien die FSC-Kriterien einerseits zu starr, andererseits zu schwammig und überdies keine Antwort auf die Anforderungen des Klimaschutzes. Skepsis verbreiten auch die Praktiker in den Forstämtern, die in altersschwachen Habitatbäumen eine Gefahr für Waldarbeiter und Spaziergänger sehen. Sie fürchten den bürokratischen Aufwand und erwarten vom FSC-Siegel keinen Cent Mehreinnahmen für ihr Holz. Im Gegenteil: Das Zurückdrängen von Fichte und Douglasie werde die Wirtschaftlichkeit des Staatsforstes mindern. Derzeit machen die Nadelbäume rund 30 Prozent des Einschlags aus, sie bringen aber etwa 60 Prozent der Einnahmen.
Die Marktentwicklung sehen die Umweltverbände ganz anders – und selbst der Waldbesitzerverband gibt zu, dass eine Verdopplung der deutschen FSC-Fläche durch einen entsprechend zertifizierten Landesbetrieb den Markt für dieses Holz stark verändern könnte. Dass Koch eine „politische Entscheidung“ angekündigt hat, ist den Umweltverbänden nur recht. Für sie steht auch Kochs Glaubwürdigkeit auf dem Spiel – und ein vermeintlich nur noch kleiner Schritt für den hessischen Wald wäre ein großer für die hessische Politik.
Ökösiegel sind Marktwirtschaft pur
Ursula Renner (URzsh)
- 19.06.2009, 20:54 Uhr