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Umstrittene Broschüre : „Krieg war Anlass, nicht Ursache der Vertreibung“

  • -Aktualisiert am

Neue Heimat: Vertriebene Sudetendeutsche 1945 bei ihrer Ankunft. Bild: Sudetendeutsches Archiv, München

Das hessische Sozialministerium hat eine Sammlung umstrittener Thesen zur Vertreibung von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Umlauf gebracht.

          Das hessische Sozialministerium hat eine Sammlung umstrittener Thesen zur Vertreibung von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Umlauf gebracht. In der Broschüre wird deren Zwangsumsiedlung aus Osteuropa mehrfach mit den „ethnischen Säuberungen“ der Nationalsozialisten in besetzten Gebieten und dem Ziel verglichen, „Volksboden“ zu gewinnen. Als Ursachen für die „größte Vertreibung der Geschichte“ werden auch „der dynamische slawische Nationalismus des 19. Jahrhunderts“ und der Vertrag von Versailles 1919 genannt. „Die Ursachen der Vertreibung auf die Politik Hitlers zu reduzieren, ist eine Geschichtsklitterung“, heißt es. Der Zweite Weltkrieg sei „zwar der Anlass, nicht aber die Ursache“ des schrecklichen Schicksals der Heimatvertriebenen. Der tschechoslowakische Staatschef Edvard Benes habe „durchaus in Analogie zur Ideologie des deutschen Nationalsozialismus“ das Ziel verfolgt, einen national homogenen, „rein slawischen“ Nationalstaat zu erreichen.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Oppositionsfraktionen im Landtag, SPD, Grüne und Linkspartei, fordern die Landesregierung in einem gemeinsamen Antrag auf, zu erklären, wie die Verbreitung der Broschüre durch das Sozialministerium zu rechtfertigen sei. Während SPD und Grüne zunächst Aufklärung erwarten, hat die Linkspartei bereits ein Urteil gefällt. Deren Fraktionschef Willi van Ooyen spricht von Thesen, die „teils im rechtsradikalen Diskurs zu verorten sind“ und hält das Engagement des Ministeriums deshalb für „ungeheuerlich“.

          Allgemeinbildende Schulen seien nicht unter den Empfängern

          Verfasser der 50 Thesen ist der amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred de Zayas, ein international anerkannter Fachmann zum Thema Vertreibung, dessen Ansichten aber auch immer wieder Kritik hervorgerufen haben, weil sie unwissenschaftlich seien und die Opferperspektive der Deutschen zu sehr in den Vordergrund rückten. Jüngst hat er mit der Ansicht Aufmerksamkeit erregt, die große Mehrheit der Deutschen habe bis 1945 vom Holocaust nichts gewusst.

          Von der Broschüre Zayas zur Vertreibung der Deutschen wurden nach Angaben des Sozialministeriums 450 Exemplare über den Bund der Vertriebenen und mit einem Anschreiben dieses Verbandes an eine Vielzahl von Einrichtungen – unter anderem an Einzelpersonen Abendschulen, Hessenkollege und Studienseminare – verschickt. Allgemeinbildende Schulen seien nicht unter den Empfängern, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die Kosten bezifferte sie auf 4900 Euro zuzüglich 200 bis 250 Euro für den Versand.

          An anderer Stelle relativiert Zayas die Verbrechen der Nationalsozialisten

          Hintergrund der Aktion ist nach Angaben der Sprecherin die Tatsache, dass das Sozialministerium für Heimatvertriebene und Spätaussiedler zuständig sei. Das Bundesvertriebenengesetz erteile Bund und Ländern den Auftrag, die Forschung zu und die Auseinandersetzung mit der Thematik Vertreibung zu fördern, unter anderem dadurch, dass Publikationen in Umlauf gebracht würden. Dabei strebe das Ministerium einen breiten Diskurs an, und teile die Auffassungen der Autoren nicht in jedem Fall. Aus Sicht des Ministeriums seien die Thesen von Zayas „kein rechtsradikales Gedankengut“.

          Allerdings stellt Zayas Analogien zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten und dem Vorgehen gegen die Deutschen nach dem Krieg her. Der bis heute von vielen Tschechen erhobene Kollektivschuldvorwurf gegen „die“ Sudentendeutschen sei letztlich nicht überzeugender als der Kollektivschuldvorwurf der Nazis gegen „die“ Juden, meint er. Die Rechtfertigung eines Verbrechens – der Vertreibung – mit einem vorangegangenen – der deutschen Besatzung –, wie in der Tschechoslowakei nach dem Krieg, sei „ein Hauptargument der Nazis“.

          An anderer Stelle relativiert Zayas die Verbrechen der Nationalsozialisten. Die strengen Urteile gegen die von Deutschen im Zweiten Weltkrieg vorgenommenen Vertreibungen seien „umso bemerkenswerter, als diese Vertreibungen nach 1945 selbstverständlich durch die Rückkehr der Opfer wiedergutgemacht wurden“. Demgegenüber wird die Vertreibung von zwölf Millionen Deutschstämmigen (an anderer Stelle ist von 14 bis 15 Millionen die Rede), die ein Kriegsverbrechen, völkerrechtswidrig und „genozidisch“ gewesen sei, systematisch kleingeredet. Zayas kritisiert die „schwere und anhaltende Verharmlosung der Vertreibung“, die aus seiner Sicht eine Menschenrechtsverletzung ist. „Die anhaltende Diskriminierung der Vertriebenen in den Medien, in Schulbüchern und im politischen Dialog bedeutet eine Verletzung menschenrechtlicher Normen.“ Nach Ansicht von Zayas besteht für die Ost- und Sudetendeutschen beziehungsweise für deren Nachfahren Hoffnung auf Rückkehr in die alte Heimat. „Die Vorstellung, vollzogene Vertreibungen seien unumkehrbar, ist weit verbreitet, aber nicht zutreffend“, schreibt er. Die Flüchtlinge und Vertriebenen hätten nicht nur Anspruch auf Rehabilitierung und Wiedergutmachung, sondern „ein Recht auf Rückkehr und Eigentumsrückgabe“. Die Heimatvertriebenen hätten sich 1950 auf den Verzicht auf Gewalt und Vergeltung festgelegt. Das dürfe ihnen aber nicht die Chance auf Wiedergutmachung verbauen. Wenn gewaltlose Opfer weniger Aussicht auf Rehabilitierung hätten als solche, die zur Gewalt griffen, wäre das nach Ansicht des Autors „eine Ermutigung zur Selbstjustiz und als solche eine latente Gefahr für den Frieden“.

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