28.06.2010 · Katholische Eltern werden in diesen Tagen dazu „ermuntert“, das „Recht auf Religionsunterricht“ wahrzunehmen. Die Kirche will an der konfessionellen Trennung des Religionsunterrichts festhalten.
Von Stefan Toepfer, FrankfurtIn diesen Tagen bekommen katholische Eltern in Frankfurt, deren Kinder katholische Kindergärten besuchen und bald in die Schule kommen, Post von ihrer Kirche. Der Brief „ermuntert“ die Eltern, das „Recht auf Religionsunterricht“, der Orientierung vermittele und „zur Entwicklung der Persönlichkeit Ihres Kindes“ beitrage, wahrzunehmen.
Die Frankfurter Stadtkirche verschickt diesen Brief zum ersten Mal. Er solle zur „Bewusstseinsbildung“ für den Wert jenes Unterrichts beitragen, wie Matthias Werner sagt. Er leitet das Religionspädagogische Amt des Bistums Limburg in Frankfurt und ist katholischerseits für den Religionsunterricht in der Stadt zuständig. In der Diözese gibt es weitere dieser Büros, auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) unterhält solche Stellen.
Lieber Ethik als katholisch
Eltern zu sensibilisieren ist das eine. Das Bistum und die EKHN sind jüngst auch an Religionslehrer herangetreten und haben in zwei großen Veranstaltungen in Nassau und Frankfurt die Wichtigkeit eines nach Konfessionen getrennt erteilten Unterrichts herausgestellt. Auch in dem Brief der Frankfurter katholischen Kirche fehlt der Hinweis darauf nicht, dass der Religionsunterricht als konfessioneller Unterricht stattfinde.
Diesen Unterricht zu gewährleisten ist allerdings nicht immer leicht – zum Beispiel in Schulen mit wenigen christlichen Schülern in Frankfurter Vierteln mit hohem Zuwandereranteil. So gibt es in der Günderrodeschule im Gallus, einer Grundschule, nur einen katholischen Religionsunterricht und Ethik. Die sehr wenigen evangelischen Schüler gehen eher in Ethik als in den katholischen Unterricht.
Mangel an Lehrern
Andernorts in Hessen, etwa in der Stadtschule Alsfeld, auch einer Grundschule, bilden die christlichen Schüler eine Mehrheit. Die Schülerschaft besteht zu 66 Prozent aus evangelischen und zu elf Prozent aus katholischen Schülern. Die anderen Kinder besuchen auch den Religionsunterricht, einen Türkischunterricht, oder sie haben frei und werden betreut. Bisher gab es in der dritten und vierten Klasse einen getrennten Religionsunterricht. Doch damit ist bald Schluss: Nach den Ferien gibt es keinen katholischen Religionslehrer mehr, so dass dann auch die Dritt- und Viertklässler gemeinsame Religionsstunden haben, wie Schulleiter Peter Schwärzel sagt.
Ein Mangel an Lehrern kann also auch dazu führen, dass Religionsunterricht überkonfessionell erteilt wird – oder gar nicht mehr. Wie etwa an der Frankfurter Schwanthalerschule, einer Hauptschule. Dort wiederum sind die meisten Schüler Muslime, für alle ist das Fach Ethik Pflicht. Dass Eltern christlicher Schüler auf einem Religionsunterricht bestanden hätten, hat Schulleiter Reinhold Dallendörfer noch nicht erlebt.
Bis zu 86 Prozent Unterrichtsausfall
Mit Blick auf Ethikunterricht sieht der hessische Landeselternbeirat vor allem in den Grundschulen Nachholbedarf, solange es keinen islamischen Religionsunterricht gibt. Die Frankfurter Günderrodeschule ist ein Beispiel dafür, wie es gehen kann. Der Landeselternberiat hat sich deswegen an Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) gewandt. Da der islamische Religionsunterricht nicht so bald eingerichtet werden könne, sei das Fach Ethik in der Grundschule geboten, meint die Beiratsvorsitzende Kerstin Geis. „Werte-Erziehung ist eine wichtige Aufgabe der Schule.“
Dass christliche Schüler konfessionell unterrichtet werden, ist am ehesten in Gymnasien gewährleistet. „Ein gemeinsamer Unterricht war bei uns noch kein Thema“, sagt etwa Claus Wirth, Leiter des Goethe-Gymnasiums in Frankfurt. An Gymnasien fallen auch am wenigsten katholische Religionsstunden aus. In Frankfurt sind das Werner zufolge 20 Prozent, verglichen mit bis zu 50 Prozent an Haupt- und Realschulen, bis zu 40 Prozent an Grundschulen und bis zu 86 an Berufsschulen. An Förderschulen gibt es kaum katholischen Unterricht. Für die Förderschulen sieht das Kultusministerium wenig Chancen für eine Änderung – ansonsten arbeite es mit den Kirchen an einer besseren Abdeckung.
„Differenzpädagogik“
Ingrid König, die Leiterin der Berthold-Otto-Schule im Frankfurter Stadtteil Griesheim, hätte gerne einen „Religionsunterricht für alle“. Das spezifisch Konfessionelle sei eher die Angelegenheit der Kirchengemeinden und Familien. In ihrer Grundschule gibt es in der vierten Klasse zusätzlich Ethikunterricht. Sie sagt, sowohl über einen gemeinsamen Religionunterricht für alle christlichen Kinder als auch einen für ganze Klassen solle die Schulgemeinde diskutieren und entscheiden können. Wer solche Ideen hat, den weist das Kultusministerium allerdings auf entsprechende Vorgaben hin, die einzuhalten seien. König würde jedenfalls auch einen Unterricht im Klassenverband, also für christliche und die vielen muslimischen Schüler an ihrer Schule, „Religionsunterricht“ nennen.
Auch sie hatte an der Lehrerveranstaltung des Bistums Limburg und der EKHN in Frankfurt teilgenommen. Deren Titel „Besser gemeinsam? – Zur Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts“ hatte bei ihr Hoffnungen auf neue Möglichkeiten geweckt – sie war damit nicht die Einzige. Aber den Kirchen ist der getrennt erteilte Unterricht wichtig. „Differenzpädagogik“ nennen sie ihr Konzept.
Keine „strikte Segregation“
„Es hat keinen Sinn, in der Schule so zu tun, als seien alle eins“, sagt Jens Feld, Leiter des Referats Schule und Religionsunterricht der EKHN. „Es geht uns darum, dass Schüler lernen, Unterschiede wahrzunehmen und friedlich mit ihnen umgehen zu können.“
Sein Kollege vom Bistum Limburg, Bildungsdezernent Eckhard Nordhofen, sagt: „Das ist realistischer, als zu glauben, dass die Schule Differenzen beseitigen könne.“ Dabei gehe es nicht um eine „strikte Segregation“ von katholischen und evangelischen Schülern; es gebe in der Schule viele Möglichkeiten für Kooperationen.
69 Anträge für überkonfessionellen Unterricht
Nordhofen und Feld verweisen überdies auf den Schutz des Religionsunterrichts durch die Verfassung. Auch der Elternbrief der Frankfurter katholischen Kirche hebt hervor: „Der Staat hat die Verpflichtung übernommen, ihn einzurichten und seine Erteilung sicherzustellen.“
Daran hält auch die Landesregierung fest. Wenn eine Schule einen überkonfessionellen Unterricht einführen will, kann sie das nach einem Erlass des Kultusministeriums über das jeweilige Staatliche Schulamt bei den Religionspädagogischen Ämtern der Kirchen beantragen. In dem zu Ende gehenden Schuljahr gab es beispielsweise nach Auskunft des Religionspädagogischen Amts Wiesbaden der EKHN 69 solche Anträge, von denen die Kirchen 47 voll, zwölf eingeschränkt und zehn nicht genehmigt haben. Das Amt ist zuständig für rund 260 Schulen in Wiesbaden und den Landkreisen Hochtaunus, Main-Taunus und Rheingau-Taunus.
Für kirchliche Schulen ist Religionsunterricht konstitutiv
Manfred Holtze vom Amt der EKHN für Frankfurt sagt, dass nach Zustimmung der Kirchen im nächsten Schuljahr in 16 Prozent der Frankfurter Schulen Religionsunterricht in gemischt-konfessionellen Gruppen erteilt werde. Die meisten Anträge kommen aus Grundschulen. Wie er sagt, ist die Zahl der Anträge andernorts bis zu 50 Prozent höher, etwa in Offenbach und dem Kreis Offenbach oder im Kreis Groß-Gerau, für die er auch zuständig ist.
Die vielen Anträge aus Grundschulen führt Nordhofen vor allem darauf zurück, dass dort fast ideologisch auf Unterricht im Klassenverband geachtet werde. An den Berufsschulen gebe es fast nur überkonfessionellen Unterricht, was vor allem am Lehrermangel liege, so der Dezernent. Dort unterrichteten fast nur von den Kirchen entsandte Lehrer. „Aber wir sind froh, wenn in diesen Schulen überhaupt Religionsunterricht erteilt wird.“ Einen generellen Mangel an Religionslehrern sieht Nordhofen nicht - er kritisiert, dass die vorhandenen Lehrkräfte nicht angemessen in diesem Fach eingesetzt würden.
Für kirchliche Schulen ist Religionsunterricht konstitutiv. So auch an der Edith-Stein-Schule in Darmstadt, einem katholischen Gymnasium. Schulleiter Manfred Göbel urteilt, dass Eltern, deren Kinder diese Schule besuchten, für den Religionsunterricht „sensibler“ seien als im Allgemeinen. Religionsunterricht werde konfessionell erteilt. Das sei eine Frage der Identität. Zugleich gebe es ökumenische Kooperationen, auch bei Gottesdiensten - „im Bewusstsein, dass uns von den Glaubensinhalten her mehr verbindet als trennt“.