11.07.2010 · Allein an den 180 hessischen Krankenhäusern fehlen fast 600 Mediziner. Die Landesärztekammer macht für diesen Umstand die zunehmende Arbeits-Unzufriedenheit verantwortlich. Jetzt sollen Ärzte aus dem Ausland angeworben werden.
Von Ingrid KarbZu den Studenten mit sehr guten Berufsaussichten gehören derzeit die der medizinischen Fakultäten. Der Stellenmarkt für ausgebildete Ärzte ist groß. Gesucht werden vor allem Fachärzte an Krankenhäusern und Hausärzte. Allein an den 180 hessischen Krankenhäusern fehlen nach Angaben der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) fast 600 Mediziner. 7,5 Prozent der Arztstellen sind dort unbesetzt.
Von dem Mangel sind etwa drei Viertel der Kliniken betroffen, auf dem Land ebenso wie in den Ballungsräumen, wie HKG-Sprecher Hans Ditzel berichtet. Und 93 Prozent der Krankenhäuser klagten, dass es schwierig sei, Stellen zu besetzen. Gesucht würden vor allem Anästhesisten, Chirurgen, Gynäkologen, Internisten, Neurologen und Neurochirurgen.
Ausland lockt mit lukrativen Angeboten
Für den Ärztemangel gibt es zahlreiche Gründe. So befinden sich derzeit weniger Mediziner in Deutschland in Ausbildung, als benötigt werden. Noch Anfang der neunziger Jahre hatten die Berufsverbände eine Ärzteschwemme befürchtet. Der damalige Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Frank Montgomery, rechnete mit bis zu 60 000 arbeitslosen Ärzten im Jahr 2000. Daraufhin wurde die Zahl der Studienplätze reduziert. Diese Entwicklung lässt sich nicht so schnell wieder umkehren. Selbst wenn sofort mehr Studienplätze geschaffen würden, käme der Nachwuchs frühestens in etwa acht Jahren auf den Arbeitsmarkt.
Wegen geänderter Arbeitszeitbestimmungen und einer zunehmenden Spezialisierung gibt es an den Krankenhäusern inzwischen mehr Stellen. Zudem arbeiten auch Ärzte in Teilzeit. An der Altersstruktur zeichnet sich ab, dass in nächster Zeit weitere praktizierende Ärzte in den Ruhestand gehen werden. Doch viele Mediziner wandern ab. Sie behandeln keine Patienten, sondern sind zum Beispiel bei Krankenkassen oder in der Pharmaindustrie tätig. Andere werden mit lukrativen Angeboten ins Ausland gelockt.
Zunehmende Arbeits-Unzufriedenheit
Die Landesärztekammer macht für diesen Umstand die zunehmende Arbeits-Unzufriedenheit verantwortlich. Zwar strebten die meisten Mediziner nach dem Studium zunächst eine Karriere im Krankenhaus an, sagt Kammersprecherin Katja Möhrle. Die Arbeit im Team und die Forschung reizten die Absolventen. Doch schon wenige Jahre später zeigten sich die Berufsanfänger frustriert. Kritisiert wurden in einer Umfrage der Kammer die Arbeitsbelastung, die aufgrund der unbesetzten Stellen weiter steigt, die übermäßige Verwaltungsarbeit und die Unvereinbarkeit mit dem Familienleben.
Ärger über die Arbeitsbedingungen war auch Anlass für die jüngsten Streiks an kommunalen Kliniken. Mit Aktionen im Mai und Juni machten zum Beispiel Ärzte des städtischen Krankenhauses in Frankfurt-Höchst auf ihre hohe Belastung aufmerksam. Mit Bereitschafts- und Wochenenddiensten kommen sie schnell über 60 Wochenstunden. Dabei missfällt den Ärzten, dass die zusätzliche Arbeit weder finanziell noch durch Freizeitausgleich anerkannt wird. In der Tarifauseinandersetzung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände ging es deshalb vor allem um die Bezahlung dieser Dienste. Einige Ärzte zieht es wegen der besseren Arbeitsbedingungen ins Ausland. Bei einer Umfrage der Ruhr-Universität in Bochum gaben 70 Prozent der Medizinstudenten an, sie könnten sich einen Wechsel vorstellen. Den Schritt vollziehen jedoch nur wenige. Die hessische Kammer führt seit kurzem eine Statistik dazu. 2008 meldeten sich von den 30 000 Ärzten in Hessen etwa 350 ab, weil sie ins Ausland gingen. Davon waren gut 200 Ausländer. Unter den Deutschen war die Schweiz das beliebteste Ziel.
Kaum ein Arzt will für den Beruf auf eine Familie verzichten
Nach Einschätzung der Experten wird der steigende Anteil der Frauen im Arztberuf die Lage weiter verschärfen. Schon jetzt sind mehr als die Hälfte der Absolventen weiblich. Die wenigsten Ärzte, auch männliche, wollen noch zugunsten ihres Berufs auf eine Familie verzichten. Die Landesärztekammer hat deshalb Anfang des Jahres alle 180 hessischen Kliniken angeschrieben. Da die Arbeitszeiten von Ärzten nicht von öffentlichen Betreuungsangeboten abgedeckt werden, sollten die Krankenhäuser eigene Krippen, Kitas und Horte aufbauen.
Auch die HKG empfiehlt den Kliniken, mit flexibleren Arbeitszeiten und eigener Kinderbetreuung verstärkt um weiblichen Nachwuchs zu werben. Zudem sollten die Ärzte von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Und auch die Hessen wollen nun Ärzte aus dem Ausland anwerben. Dies ist in den neuen Bundesländern und Bayern schon der Fall. Die HKG hat dabei Österreich im Blick. Laut Ditzel gibt es dort einen Ärzte-Überschuss und keine Sprachschwierigkeiten. Doch auf einer Jobbörse in Wien stellten die Hessen fest, dass es nicht einfach werden wird: Auch Litauen zeigte Interesse an den österreichischen Ärzten.
Eine Lesezeichen
Karl Neuwald (KarlFAZ)
- 11.07.2010, 15:24 Uhr
kleine Korrekturen,
harald schneider (asklepion)
- 11.07.2010, 23:43 Uhr
Na, da bleibt uns zukünftigen Alten und Kranken ja nur die Hoffnung,
Benedict Weichert (B-Weichert)
- 12.07.2010, 02:04 Uhr