23.07.2009 · Das Industriegasunternehmen Messer in Sulzbach arbeitet derzeit an einer Kampagne, die eine Begrüßung ohne Händeschütteln salonfähig machen soll. Der Anlass ist die weltweit grassierende Schweinegrippe.
Von Christina Hucklenbroich, FrankfurtDas Industriegasunternehmen Messer in Sulzbach arbeitet derzeit an einer Kampagne, die eine Begrüßung ohne Händeschütteln salonfähig machen soll. Der Anlass ist die weltweit grassierende Schweinegrippe: Die Firma hofft, dass bei einem Gruß aus der Distanz weniger Krankheitserreger von Mensch zu Mensch übertragen werden. „Die Probephase hat aber bisher nur lustige Situationen ergeben“, sagt Diana Buss, die nicht nur Sprecherin der Messer-Gruppe ist, sondern auch Mitglied des unternehmenseigenen „Pandemie-Abwehrteams“.
Das Team war schon vor sechs Jahren aus Anlass der Sars-Epidemie gegründet worden. Jetzt koordiniert es die Schutzmaßnahmen gegen die Schweinegrippe. Schon im Mai, wenige Wochen nach den ersten Schweinegrippefällen, hatten Buss und ihre Kollegen auf jeder Etage des Firmengebäudes Arztseife und Desinfektionstücher verteilen lassen. Außerdem erhalten alle Angestellten seitdem regelmäßig E-Mails, in denen aktuelle Informationen über das Virus zusammengefasst sind.
„Wenn jemand von einer Reise zurückkehrt, wird Fieber gemessen“
„Dienstreisen in Risikogebiete müssen sich unsere Mitarbeiter inzwischen bei der Geschäftsleitung genehmigen lassen“, sagt Buss. Zu den Ländern, die Messer riskant erscheinen, zählen Spanien und die Vereinigten Staaten. „Wenn jemand von einer Reise zurückkehrt, wird Fieber gemessen“, sagt Buss. Sei die Temperatur erhöht, so werde der Mitarbeiter gebeten, nach Hause zu gehen und sich an seinen Hausarzt zu wenden.
Immer mehr Unternehmen entwickeln wie die Messer-Gruppe Strategien, um sich gegen die rasant fortschreitende Schweinegrippe zu wappnen. Das Robert-Koch-Institut in Berlin erwartet, dass sich die Krankheit auch in Deutschland massiv verbreiten wird. Schon jetzt ist die Zahl der bestätigten Fälle bundesweit auf mehr als 1800 gestiegen.
Dienstreisen werden eingeschränkt
Auch in der Rhein-Main-Region schränken Unternehmen deshalb Dienstreisen ein, verschärfen Hygienevorschriften und entwickeln Notfallpläne. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unterstützt diese Maßnahmen. „Jede Firma sollte unser Handbuch für betriebliche Pandemieplanung berücksichtigen“, sagt Beate Coellen vom Bundesamt. Betriebe sollen diesem Leitfaden zufolge Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und eventuell auch Grippemedikamente einkaufen. Mitarbeiter sollten rechtzeitig aus dem Ausland zurückgeholt werden.
Allerdings gibt es auch Unternehmen, die nicht ohne weiteres alle Ratschläge umsetzen können – etwa Fluggesellschaften wie die Lufthansa, der es kaum möglich wäre, dienstliche Reisen einzuschränken. „Es gibt bisher lediglich allgemeine Hygieneregeln“, sagt Michael Lamberty von der Lufthansa in Frankfurt. „Man weiß ja, dass das Händewaschen ein probates Mittel ist.“
Fluggäste sollen nicht irritiert werden
Auch auf eine spezielle Ausrüstung wie etwa Atemschutzmasken möchte die Lufthansa lieber verzichten. „Wenn das Kabinenpersonal sich mit Atemschutzmasken zeigt, könnte das die Fluggäste irritieren“, sagt Lamberty. „Psychologisch betrachtet, könnte das das falsche Signal sein. Wenn Gäste allerdings einen Mundschutz tragen möchten, ist das etwas anderes.“ Außerdem sei die Wahrscheinlichkeit, sich an Bord anzustecken, äußerst gering. Das liege an der Luftströmung längs der Kabinenwand und an der effizienten Luftfilterung. Für den Ernstfall lagert die Fluggesellschaft allerdings schon seit mehreren Jahren große Mengen des Grippemedikaments Tamiflu ein. Das Mittel war ursprünglich wegen der Vogelgrippe angeschafft worden. Die Menge werde für die Mitarbeiter ausreichend sein, sagt Lamberty.
Den Impfstoff, der im Herbst erhältlich sein soll, können sich Unternehmen nicht reservieren lassen; für seine Verteilung gibt es strenge Regeln. In Deutschland will man den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO folgen und chronisch Kranke, Schwangere und Gesundheitspersonal zuerst impfen.
Merck: Argentinien derzeit tabu
Auf solche Risikogruppen nehmen einige Unternehmen schon jetzt Rücksicht: „In unseren Niederlassungen in Argentinien und Mexiko lassen wir schwangere Mitarbeiterinnen nicht mehr zur Arbeit gehen“, sagt Gangolf Schrimpf vom Chemiekonzern Merck in Darmstadt. Auch Dienstreisen nach Argentinien seien nicht mehr erlaubt.
Durch die verschiedenen Schutzmaßnahmen der Unternehmen soll auch der wirtschaftliche Schaden durch krankheitsbedingte Fehlzeiten so klein wie möglich gehalten werden. „Es gehört zu unseren Werten, die Mitarbeiter zu schützen“, sagt Buss von der Messer-Gruppe. „Unsere Aufgabe ist es aber auch, das Unternehmen profitabel zu halten.“ Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät in seinem Pandemieleitfaden dazu, auch für Personalausfälle einen Krisenplan bereitzuhalten. Erfahrungsgemäß seien die Ausfälle nämlich höher als der eigentliche Krankenstand, denn Mitarbeiter blieben möglicherweise auch zu Hause, um erkrankte Angehörige zu versorgen oder der Ansteckungsgefahr zu entgehen.
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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