03.04.2010 · Weil die Zahl der Grippeinfektionen weiter zurückgeht, hat die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann Anfang dieser Woche die Winterwelle der Influenza-Pandemie für beendet erklärt. Dennoch wollen Mediziner keine Entwarnung geben.
Von Ingrid Karb, FrankfurtWeil die Zahl der Grippeinfektionen weiter zurückgeht, hat die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) Anfang dieser Woche die Winterwelle der Influenza-Pandemie für beendet erklärt. Entwarnung möchte der stellvertretende Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, dennoch nicht geben. Das neue Virus des Typs A/H1N1, das die sogenannte Schweinegrippe auslöst, sei zwar nicht mehr so aktiv wie im November und Dezember vergangenen Jahres, doch es sei keinesfalls verschwunden. Gottschalk ist sich sicher: „Die nächste Grippewelle kommt spätestens im Herbst.“
Im hessischen Gesundheitsministerium wird damit gerechnet, dass selbst im Frühjahr und Sommer Infektionen auftreten werden. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält weiter an der höchsten Pandemiestufe fest, der zufolge es eine anhaltende Übertragung von Mensch zu Mensch in mindestens zwei Regionen gibt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin, das wöchentlich über das Auftreten der neuen Influenza berichtet, liegt die Zahl der Atemwegserkrankungen in Hessen zur Zeit unter dem Durchschnittswert. Doch allein in der vergangenen Woche sind dem Institut zufolge in Deutschland weitere vier mit dem Virus infizierte Menschen gestorben.
15.000 Schweinegrippefälle in ganz Hessen
In Frankfurt waren es laut Gottschalk seit Ausbruch der neuen Grippe vier Patienten, die alle ein schweres Grundleiden hatten. Gefährlich kann die Krankheit vor allem für Schwangere und Patienten mit HIV, Herzfehlern oder Lungenkrankheiten, für Übergewichtige oder Diabetiker werden. Doch es sind auch schon zuvor Gesunde an der Schweinegrippe gestorben. 20 Menschen in Hessen überlebten die Krankheit nach Angaben des Gesundheitsministeriums nicht, 250 waren es laut Robert-Koch-Institut in ganz Deutschland. Anders als bei der herkömmlichen Grippe waren viele Menschen im berufsfähigen Alter darunter.
2200 bestätigte Fälle von Schweinegrippe hat es nach Angaben von Gottschalk in Frankfurt gegeben, 15.000 listet das Ministerium für ganz Hessen auf. Da es jedoch seit November keine Meldepflicht mehr gibt und die Grippe in vielen Fällen so leicht verlaufen ist, dass die Erkrankten nicht zum Arzt gingen, liegt die Dunkelziffer wesentlich höher. Gottschalk schätzt, dass sich 110 000 Frankfurter mit dem neuen Virus infiziert hätten. Alles in allem sei Deutschland „zum Glück glimpflich weggekommen“, meint Gottschalk. Anders als in Amerika habe das neue Virus in den meisten Fällen nur eine leichte Erkrankung verursacht, die Sterblichkeitsquote sei geringer gewesen als dort.
Geringe Nachfrage nach Impfung
Erste Meldungen über die neue Grippe kamen im April vergangenen Jahres aus Mexiko, wo es zahlreiche Tote gab. Schnell breitete sich der Erreger weltweit aus. Vor allem auf Reisen nach Mexiko und Nordamerika, Großbritannien und später auch Mallorca hatten sich die ersten Deutschen infiziert. Schon Mitte November erreichte die Grippewelle ihren ersten Höhepunkt, blieben im Rhein-Main-Gebiet ganze Schulen wegen hoher Erkrankungszahlen geschlossen. Am 13. November hatte Frankfurt eine Pandemiewarnung herausgegeben.
Anfang Oktober begann die Impfaktion gegen das Virus. Zunächst sollten Risikopatienten und Angehörige gefährdeter Berufsgruppen wie Rettungssanitäter oder Krankenhauspersonal immunisiert werden. Da die Nachfrage jedoch gering war, gab das hessische Ministerium innerhalb weniger Tage den Impfstoff für alle frei. Meldungen über angeblich schwere Nebenwirkungen des Impfstoffs Pandemrix und Todesfälle nach einer Impfung verunsicherten die Menschen.
Impfung verlief meistens normal
Jedoch sieht das Paul-Ehrlich-Institut in Langen, das die Sicherheit von Impfstoffen überprüft, die Befürchtungen nicht als gerechtfertigt an. Die 48 Patienten, die nach der Impfung starben, hatten allesamt schwere Vorerkrankungen, wie eine Sprecherin sagte. Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Grippeimpfung sei in keinem Fall bestätigt worden.
Allerdings sind einem Bericht des Langener Instituts zufolge mehr allgemeine und lokale Impfreaktionen als bei einer herkömmlichen Grippeimpfung verzeichnet worden. So hätten die Patienten über Kopfschmerzen und Fieber, aber auch über Ausschläge an der Einstichstelle geklagt. Im Vergleich zu anderen Impfungen seien aber keine stärkeren allergischen Reaktionen verzeichnet worden, und auch einen anaphylaktischen Schock zum Beispiel infolge einer Hühnereiweißallergie habe es nie gegeben, sagte die Sprecherin.
Vor Reisen besser impfen lassen
Diese Einschätzungen sieht Gottschalk für Frankfurt bestätigt. Nur in zwei Fällen seien nach den mehr als 10.000 Impfungen unter Kontrolle des Gesundheitsamts, also in der dortigen Ambulanz, in Krankenhäusern und von Betriebsärzten, Nebenwirkungen aufgetreten. Die Patienten hätten Fieber bekommen.
Das Paul-Ehrlich-Institut geht davon aus, dass gut sieben Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Genaue Zahlen für Hessen liegen noch nicht vor. Die Kassenärztliche Vereinigung berichtet, dass in den hessischen Arztpraxen 350.000 Mal geimpft wurde. Hinzu kommen die Impfungen durch die Gesundheitsämter. Nach Angaben einer Sprecherin des Ministeriums hat das Land Hessen 2,5 Millionen Impfdosen geordert, von denen 1,3 Millionen geliefert wurden. An die Impfstellen wurden bisher rund 700.000 Impfdosen ausgeliefert. Es sei also für eine neue Grippewelle genügend Impfstoff vorhanden. Nach Angaben des Robert-Koch- und des Paul-Ehrlich-Instituts ist es zudem möglich, dass im Herbst ein Sammelimpfstoff gegen Grippe auf den Markt kommt, der auch gegen das neue Virus wirkt.
Zur Zeit kann es jedoch schwierig sein, sich impfen zu lassen. So berichtet der Leiter des Gesundheitsamts in Wiesbaden, Holger Meireis, dass die Nachfrage zu gering sei, um den Service aufrechtzuerhalten. Erschwerend käme hinzu, dass Pandemrix nur in Großpackungen vorrätig sei, die binnen 24 Stunden nach Anbruch aufgebraucht werden müssten. In Frankfurt sei eine Impfung weiter möglich, berichtet Gottschalk. Er rät, sich vor Reisen auf die Südhalbkugel, also auch zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, zu schützen, da dort jetzt mit dem Winter die Grippesaison beginne.