13.03.2009 · In Hessen fordern Ärzte, dass die Krankenkassen die Kosten einer wirksameren Untersuchung auf Schwangerschafts-Diabetes übernehmen.
Von Caren LangerGertenschlank und sexy hat Lara Croft auf den ersten Blick nichts in einer medizinischen Präsentation zum Thema Schwangerschaftsdiabetes verloren. Doch Diabetologe Christian-Dominik Möller, leitender Arzt am Frankfurter Bürgerhospital, nutzt das Beispiel von Schauspielerin Angelina Jolie in ihrer Rolle als durchtrainierte Kämpferin gern, um Ärzten und Patienten zu verdeutlichen: Die Krankheit kann jede Frau treffen. In Deutschland handelt es sich um die häufigste Begleiterkrankung in der Schwangerschaft, die für Mutter und Kind zu ernsten Komplikationen vor und während der Geburt führen kann. Etwa vier bis acht Prozent der Schwangeren leiden darunter.
Hätte Angelina Jolie regelmäßig die Vorsorgeuntersuchungen in Hessen besucht, während sie im vergangenen Jahr mit den Zwillingen Knox Leon und Vivienne Marcheline schwanger war, wäre die Stoffwechselstörung hier wohl mit größerer Wahrscheinlichkeit entdeckt worden als in vielen anderen deutschen Bundesländern. Denn die Schlagzeilen von „immer dicker“ werdenden deutschen Babys, die unlängst in vielen Medien zu lesen waren, treffen auf Hessen nicht zu. „Für Hessen war die Meldung eine Ente“, sagt Björn Misselwitz, Leiter der Geschäftsstelle Qualitätssicherung Hessen, die das Geburtsgewicht hessischer Neugeborener erfasst. Die Zahl der schweren Babies, die mehr als 4000 Gramm wiegen, stieg zwischen 1990 und 2000 zwar an, sank seitdem aber wieder.
Gefahr der Schwangerschaftsdiabetes
Die häufigste Ursache für die Geburt eines zu dicken Babys sei ein Schwangerschaftsdiabetes der Mutter, erläutert Rolf Schlößer, Leiter der Neugeborenen-Klinik des Frankfurter Uniklinikums. Gefährlich sei die Erkrankung, da die Schwangere selbst nicht spüre, dass der Zuckerspiegel in ihrem Blut und dem des Ungeborenen zu hoch sei. Das Baby speichert die überschüssige Glukose jedoch in Fettdepots und kommt sowohl zu groß als auch zu schwer zur Welt, während manche inneren Organe oft noch nicht ausgereift sind. Bei der Entbindung erleiden Mutter und Kind durch dessen Größe häufiger Verletzungen. Später hat das Kind außerdem ein erhöhtes Risiko, übergewichtig zu werden oder an Diabetes und Bluthochdruck zu erkranken.
Um die Risiken für Mutter und Kind zu senken, haben die hessischen Berufsverbände von Frauenärzten und Diabetologen den Grenzwert im Zucker-Belastungstest auf Schwangerschaftsdiabetes niedriger angesetzt als in anderen Bundesländern. Deshalb diagnostizieren Ärzte hier eher eine Erkrankung und beraten Frauen entsprechend. Gleichzeitig fordern sie seit einem erfolgreichen Modellprojekt Anfang des Jahrzehnts und einer entsprechenden Empfehlung der Fachverbände auch Patientinnen ohne besondere Risikofaktoren wie Übergewicht oder familiäre Veranlagung dringend dazu auf, sich auf eigene Kosten testen zu lassen.
Denn zur Zeit übernehmen die Krankenkassen nach den deutschen Mutterschaftsrichtlinien lediglich die Bestimmung des Zuckerwerts im Urin, welche nur in zehn Prozent der Fälle den Schwangerschaftsdiabetes anzeigt. Einzig die Barmer Ersatzkasse zahlt allen Versicherten den etwa 20 Euro teuren Belastungstest, bei dem die Frauen eine Zuckerlösung trinken müssen und danach mehrfach Blut abgenommen bekommen. „Dieser Test muss als Regelleistung in die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgenommen werden“, fordert Klaus König, Landesvorsitzender der hessischen Frauenärzte. „Wird der Schwangerschaftsdiabetes durch einen Zuckertest in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche erkannt, reicht es bei drei Viertel der Frauen, wenn sie ihre Ernährung umstellen und körperlich aktiver werden, um den Insulinspiegel zu steuern und die Risiken zu vermeiden.“
Geburtskomplikationen durch Übergewicht der Mütter
Königs Meinung ist auch Markus Gonser, Leiter der Geburtshilfe an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. Er schließt sogar einen Zusammenhang zwischen den niedrigeren Grenzwerten bei häufigeren Zuckertests und dem wieder sinkenden Gewicht der Neugeborenen nicht aus: Seit die hessischen Ärzte allen Frauen dringend rieten, sich testen zu lassen, seien die hessischen Babys entgegen dem Bundestrend wieder leichter geworden, sagt der Arzt. „1998 haben noch 9,5 Prozent der Kinder mehr als 4000 Gramm gewogen, 2007 waren es 8,7 Prozent. Und das, obwohl das Gewicht der Mütter zugenommen hat.“
Das steigende Gewicht der Gebärenden beobachtet auch Misselwitz mit Sorge. 1990 sei laut Statistik noch etwa jede vierte Schwangere in Hessen zu dick gewesen, 2007 schon jede dritte. Mehr noch als das Geburtsgewicht der Neugeborenen seien durch das Übergewicht der Mütter bedingte Geburtskomplikationen heute ein Problem. So sei bei dicken Müttern das Risiko einer – im Normalfall eher selten auftretenden – Totgeburt etwa 1,6 Mal höher.
Die Zahl der Frühgeburten und der Kaiserschnitte sei bei übergewichtigen Müttern fast doppelt so hoch wie bei Frauen mit normaler Figur. Zudem brächten sie häufiger Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Er appelliert deshalb an die niedergelassenen Ärzte, Frauen schon vor einer Schwangerschaft stärker zu ihrer Ernährung zu beraten, und an Frauen mit Kinderwunsch, im eigenen Interesse ihr Gewicht zu kontrollieren.