19.02.2008 · Zu lange Tage, zu viel Stoff, zu viele Hausaufgaben: das waren und sind die gängigsten Klagen über die verkürzte Gymnasialzeit von acht Jahren. Dennoch will die Mehrzahl der hessischen Gymnasien an „G 8“ festhalten.
Und nun? Dreieinhalb Wochen nach der Landtagswahl ist Konsens, dass Eltern- und Lehrerprotest gegen die hessische Schulpolitik und Noch-Kultusministerin Karin Wolff ein Hauptgrund für den Absturz der CDU in der Wählergunst war. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre („G 8“) stand und steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, in Hessen wie in anderen Bundesländern jetzt auch. Zu lange Tage, zu viel Stoff, der in kürzerer Zeit als früher behandelt werden muss, oft zu viele Hausaufgaben: das waren und sind die gängigsten Klagen.
Es gibt wohl nicht wenige Eltern – vor allem jene, deren Söhne und Töchter den Besuch eines Gymnasiums noch vor sich haben –, die wünschten, es lasse sich die Uhr zurückdrehen und „G 8“ werde einfach zurückgenommen. Das aber ist unwahrscheinlich, schon weil die Verkürzung in 14 von 16 Ländern eingeführt ist – und weil die Mehrzahl der Gymnasien sie beibehalten will.
„Ständiges Hin und Her“ schade Schulen und Schülern
In Hessen haben vor der Landtagswahl am 27. Januar Elterninitiativen gegen die mit „G 8“ verbundenen Belastungen demonstriert, etliche Prominente haben in den vergangenen Tagen und Wochen ihre familiären Befindlichkeiten auf den Boulevard getragen. Zu viel Schule, keine Kindheit mehr, so lässt sich zusammenfassen, was in immer wieder neuen Varianten geäußert wird. Die Zufriedenen schweigen ohnehin. Doch auch aus den Worten der Unzufriedenen lässt sich, bei aller Übereinstimmung, keine Generallinie ablesen, keine jedenfalls, die eine leicht zu befolgende Handlungsanweisung enthielte. Denn bei näherem Hinsehen sind die Gründe für Ärger, Sorgen und Nöte von Eltern so vielfältig wie das Schulwesen.
In manchen Einrichtungen fehlt es an einer Kantine oder anderen Räumen, in denen Schüler an einem anstrengenden Tag auch einmal anständige Pausen verbringen können. In anderen fehlt der Wille der Schulleitung oder, öfter wahrscheinlich, des Kollegiums, den Schultag so zu rhythmisieren, dass er für alle erträglicher, aber damit eben auch länger wird. In wieder anderen Schulen fehlt es vielleicht an einer fähigen Organisation. Mitunter kommt auch alles zusammen; bitter, wenn die eigenen Kinder darunter dann leiden, kein Trost, wenn es anderswo besser läuft.
Fragt man in den Schulen nach, ist die Forderung, „G 8“ solle zurückgenommen werden, selten zu hören. „Die bundesweite Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit darf nicht erneut in Frage gestellt worden“, sagt der Vorsitzende der Landesdirektorenkonferenz Hessen, Volker Räuber. „Ständiges Hin und Her“ schade Schulen und Schülern, das „wichtige Projekt“ dürfe der momentan unklaren politischen Situation in Hessen „nicht zum Opfer fallen“.
Lehrpläne werden überarbeitet
Die parteiübergreifende Arbeitsgemeinschaft „Bildungsfaktor Abitur“, in der vom CDU-Mitglied bis zum Grünen-Sympathisanten die Leiter von Schulen mit gymnasialem Bildungsgang aus ganz Hessen vertreten sind, hat in der vergangenen Woche diesen Appell an die noch zu findende neue Landesregierung verabschiedet: „G 8“ solle flächendeckend erhalten bleiben, an Gymnasien und den gymnasialen Zweigen von Gesamtschulen sollten auch nicht alternativ „G 9“-Züge eingerichtet werden. Letzteres ist eine Idee der SPD, die aber auch von anderen schon ins Spiel gebracht worden war. Eine weitere Forderung der Vereinigung ist, dass eine Überarbeitung der Lehrpläne möglichst rasch in deren Ersetzung durch Bildungsstandards münden solle.
Reinhard Bauß, Direktor des Gymnasiums Gernsheim und Sprecher von „Bildungsfaktor Abitur“, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass schon die Lehrpläne für das neunjährige Gymnasium überladen gewesen seien. „Wir stopfen in die Schüler Stoff hinein, der mehr oder weniger unverdaut verschwindet“, so Bauß. Und tatsächlich haben die Abiturienten, über deren mangelnde Fähigkeiten die Universitäten auch in Hessen klagen, ja nicht „G 8“, sondern, sondern noch „G 9“ absolviert. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass es keinen Grund gibt anzunehmen, eine Schulmisere hänge an einem Jahr mehr oder weniger.
Wichtiger ist wohl, wie Veränderungen vorbereitet und mit welcher Intensität, aber auch mit viel Rückendeckung, mit welcher Haltung insgesamt sie denen nahegebracht werden, die sie in den Alltag übersetzen sollen. Ein Beispiel für das, was noch besser zu machen wäre, ist die anstehende Überarbeitung der Lehrpläne. Manche sagen zwar, diese hätten in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Gewicht als im Schulalltag, etwa Hans-Rolf Eifert, der Leiter des Staatlichen Schulamts Frankfurt: „Ich behaupte, dass nur 20 Prozent der Lehrer überhaupt in Lehrpläne gucken. Der Rest unterrichtet nach seiner eigenen Bildungsgeschichte.“ Wahr oder nicht, Tatsache ist, dass eine Verschlankung oder, wie das auch schon genannt worden ist, eine Entrümpelung der Curricula nun in nahezu allen Bundesländern mit „G 8“ ansteht.
„Es besteht die Gefahr, dass das ein Flickwerk wird“
Lehrkräfte sollten „verstärkt darauf achten, dass freiwillige Lernplaninhalte nicht vorrangig vor verbindlichen unterrichtet werden“, hatte Karin Wolff Ende vergangenen Jahres gefordert, kurz danach hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) Wolffs Antrag angenommen, Erfahrungen zu sammeln, die in den Ländern mit der Schulzeitverkürzung gemacht wurden und dann im Schulausschuss der Konferenz auszuwerten. Daraus, so hieß es, sollten dann Änderungsvorschläge erwachsen.
Unterdessen haben die Schulen am Montag vergangener Woche Post aus dem Kultusministerium in Wiesbaden erhalten; datiert vor der Wahl, aber erst danach zugestellt. Die Fachkonferenzen der Gymnasien und Gymnasialzweige, heißt es in dem Brief, sollen jetzt Vorschläge machen, welche Lehrplaninhalte künftig nur noch freiwillig, welche verbindlich sein sollen. Grundsätzlich richtig nennt Volker Räuber diese Vorgehensweise, mahnt allerdings an, dass aus der zu erwartenden Vielzahl von Ideen, Überlegungen und Vorschlägen „deutliche Konsequenzen gezogen und unmittelbar Entscheidungen getroffen werden“ - und das gelte „besonders mit Blick auf das nahende Schuljahresende“.
Bis zum 12. März sollen die Vorschläge bei den Staatlichen Schulämtern eingereicht, zum 1. August sollen die neudefinierten Lehrpläne verbindlich sein. Das wäre freilich schon dann ein sehr ehrgeiziger Zeitplan gewesen, wenn die Landesregierung bestätigt worden wäre. In der derzeitigen Situation ist er wohl gar nicht einzuhalten. Wie bilden die Staatlichen Schulämter aus den Vorschlägen in der Fläche eine Essenz, wer kümmert sich im Ministerium darum, wie werden Einwände behandelt? „Es besteht die Gefahr, dass das ein Flickwerk wird“, sagt ein Schulleiter in Frankfurt, schon vor Monaten hätte diese Überarbeitung in die Wege geleitet werden müssen. Nun ist wohl mit neuen Lehrplänen frühestens 2009 zu rechnen, alles andere wäre, wenn kein Wunder, dann doch verwunderlich.
F.A.Z.-Serie zu Leben von Gymnasiasten im Zeitalter von „G 8“
Nicht verwunderlich ist es, dass angesichts der vielen Änderungen im Schulwesen, die noch lange nicht abgeschlossen sind, viele Familien Schwierigkeiten haben, mit dem System ihren Frieden zu schließen. Oder ist alles vielleicht doch weniger dramatisch, als mancher Protest es nahelegt? Schlaglichter auf das Leben von Gymnasiasten im Zeitalter von „G 8“ wird die F.A.Z. den nächsten Tagen werfen.
Vergleichbarkeit der Schulaabschlüsse
Lars Uhlson (Uhlson)
- 20.02.2008, 18:52 Uhr