29.01.2010 · Hessens Schulen werden noch eine Weile ohne Bildungsstandards auskommen müssen. Erst zum Schuljahresbeginn 2011/2012 sollen die Vorgaben in Kraft treten. Dem Vernehmen nach gibt es Differenzen in den Arbeitsgruppen, die die Kerncurricula für die Schulformen und Stufen erarbeiten.
Von Matthias TrautschDie hessischen Schulen werden noch eine Weile ohne Bildungsstandards auskommen müssen. Die Vorgaben, die an die Stelle der bisherigen Lehrpläne treten sollen, werden erst zum Schuljahresbeginn 2011/2012 in Kraft treten. Entwürfe sollen im Mai im Internet zu sehen sein, zu Beginn des nächsten Schuljahrs sollen die offiziellen und gesetzlichen Beteiligungsverfahren beginnen. Dies geht aus einem Schreiben des Kultusministeriums an die Schulleiter hervor, das der Rhein-Main-Zeitung vorliegt. Eigentlich war geplant, die Bildungsstandards, die, um inhaltliche Festlegungen ergänzt, ein „Kerncurriculum“ bilden sollen, schon im August dieses Jahres einzuführen.
Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) begründet die Verzögerung um ein Jahr in dem Brief nicht explizit, sondern spricht davon, dass „für alle an Schule Beteiligten die notwendige Zeit bleiben muss, sich mit der Thematik intensiv zu befassen und sich darauf vorzubereiten“. Auf Anfrage ergänzte das Kultusministerium gestern, Henzler wolle die Entwürfe der Bildungsstandards „in einem offenen Dialogverfahren ausgiebig diskutieren, um bei der verbindlichen Einführung der Bildungsstandards und Kerncurricula bereits einen breiten Konsens erzielt zu haben“.
Unzufriedenheit mit den Entwürfen
Allerdings hatten sich die Schulen schon darauf eingestellt, vom Sommer an auf Basis der Bildungsstandards arbeiten zu können. Dem Vernehmen nach soll denn auch nicht die von Henzler angeführte Rücksichtnahme auf die Schulen der Grund für die Verzögerung sein, sondern die Unzufriedenheit des Ministeriums mit den Entwürfen, die unter Federführung des Instituts für Qualitätsentwicklung in Arbeitsgruppen mit Lehrern entstanden sind. Nach Angaben von Teilnehmern hatte das dem Ministerium unterstellte Institut darauf gedrängt, die Vorgaben sehr abstrakt zu halten. „Zum Schluss heißt es dann nur noch, der Schüler muss lesen und schreiben können“, kritisiert ein Lehrer. Gewisse Verbindlichkeiten seien aber nötig: Es dürfe nicht den einzelnen Schulen überlassen bleiben, ob sie etwa das Thema Holocaust behandelten. Auch die Wortwahl sei umstritten. Während Fachleute auf genaue Formulierungen Wert legten, habe das Institut auf Allgemeinverständlichkeit bestanden. So habe das Periodensystem „Tafel des Wissens“ heißen sollen.
Insbesondere die Gymnasien hatten auf die Einführung der Standards gesetzt, denn die alten Curricula orientieren sich noch an der früheren Abiturzeit von neun Jahren. „Die Lehrpläne sind für G8 zu dicht“, sagt etwa Norbert Rehner, Direktor der Frankfurter Wöhlerschule. „Die ganze Zeit hieß es aber, eine Überarbeitung rentiere sich nicht, weil die Bildungsstandards kämen.“ Werner Kexel, Frankfurter Sprecher des Verbands der Oberstudiendirektoren und Leiter des Liebig-Gymnasiums, kritisiert ebenfalls, dass das Kultusministerium den selbst vorgegebenen Zeitplan nicht einhält. Allerdings sei eine Verzögerung besser als „eine weitere überhastete Reform“.
Philologenverband: Bildungsstandards überflüssig
Der hessische Philologenverband sieht sich durch die augenscheinlichen Probleme bei der Erarbeitung der Bildungsstandards in seiner generellen Ablehnung der verkürzten Gymnasialzeit bestätigt. Offenbar sei es nicht möglich, den für die Hochschulreife nötigen Stoff in acht Jahren zu vermitteln, sagt der Landesvorsitzende Knud Dittmann. Wirklich ärgern könne er sich über die Verzögerung aber nicht: Der Philologenverband halte die Bildungsstandards für überflüssig. Bildung lasse sich nicht anhand rein formal festgelegter Kompetenzen definieren.
Vom Input zum Output
Grundlage des Unterrichts an deutschen Schulen sind traditionell Lehrpläne. In ihnen gibt der Staat vor, welche Inhalte und Gegenstände in den einzelnen Jahrgängen und Schulformen zu behandeln sind. Bildungsforscher nennen dies eine „Input-Orientierung“. Dem gegenüber stehen sogenannte Bildungsstandards, die einen „Output“ festlegen. Gemeint ist damit, dass nicht mehr konkrete Lehrgegenstände vorgeschrieben werden, sondern die im Unterricht zu erwerbenden Fähigkeiten. An diesen „Kompetenzen“ bemisst sich der schulische Erfolg. So zählt nicht mehr, ob ein Realschüler ein bestimmtes literarisches Werk gelesen hat, sondern ob er in der Lage ist, weitgehend selbständig Texte über Themen seines Interesses und seiner Erfahrungswelt zu lesen und zu verstehen. Unter dem Eindruck der dürftigen Pisa-Ergebnisse beschloss die Kultusministerkonferenz Ende 2003, bundesweit geltende Bildungsstandards einzuführen. Inzwischen sind diese in wichtigen Fächern für die Grundschule, für den Hauptschulabschluss und für den Mittleren Schulabschluss erarbeitet. Allerdings sind die nationalen Standards aufgrund der föderalen Bildungshoheit nur als Rahmen zu verstehen, in dem die Bundesländer eigene Entwürfe entwickeln. Dabei gehen sie unterschiedlich vor: Baden-Württemberg, wo schon seit 2004 Bildungsstandards für alle Schulen und Fächer gelten, hat sich ebenso wie Bayern recht weit von den Vorgaben entfernt, während sich zum Beispiel Nordrhein-Westfalen stark an den nationalen Standards orientiert. (trau.)