09.08.2010 · Der islamische Religionsunterricht bleibt ein Dauer- und Reizthema in Hessen. Experten grübeln derzeit, wie ein Lehrplan für die Grundschule aussehen könnte. Eine spezielle islamische Glaubensrichtung ist da bereits viel weiter.
Hessen will den Religionsunterricht für die muslimische Minderheit der Aleviten ausweiten. Das Angebot werde ausgebaut, teilte das Kultusministerium der Nachrichtenagentur dpa mit. Es müssten sich nur weitere Interessenten und Schüler an anderen Orten finden. Ausschlaggebend für die Entscheidung seien gute Erfahrungen eines Pilotversuchs gewesen.
„An den vier Pilotschulen wird der alevitische Religionsunterricht sehr gut aufgenommen“, sagte ein Ministeriumssprecher. Die Eltern seien zufrieden, die Kinder begeistert über ihren eigenen Religionsunterricht.
Hessen hatte in der zweiten Hälfte 2009 mit dem Experiment begonnen. Auch Nordrhein-Westfalen, Bayern, Berlin und Baden-Württemberg bieten alevitischen Religionsunterricht an. Pläne wurden vor einiger Zeit auch in Niedersachsen bekannt.
Liberal-islamische Glaubensrichtung
Während in Deutschland rund 800.000 Aleviten leben, 40.000 davon in Hessen, bildet die liberal-islamische Glaubensrichtung in der Türkei mit fast 20 Millionen Menschen die zweitgrößte islamische Religionsgemeinschaft. Sie wird aber vom Staat als solche nicht offiziell anerkannt. Dagegen gibt es in Hessen kein Problem mit den Aleviten, die keine Moscheen besuchen und den Koran nicht wörtlich auslegen. Männer und Frauen gelten als gleichberechtigt. Die Religion stehe voll auf dem Boden des Grundgesetzes, sagte der Ministeriumssprecher.
Einen eigenen Religionsunterricht für Aleviten bieten in Hessen laut Behörde lediglich zwei Schulen in Gießen, eine weitere im mittelhessischen Lollar und eine vierte in Hanau. Die Teilnahme ist freiwillig, Noten sind aber Pflicht.
„Anfangs waren viele skeptisch“
In der Brüder-Grimm-Schule in Hanau unterrichtet Mete Özcan in deutscher Sprache 13 Grundschüler, die ein Mal in der Woche am Nachmittag von acht Schulen zusammenkommen. Eineinhalb Stunden Unterricht stehen dann auf dem Programm. Özcan, selbst ein Alevit, ist eigentlich Berufsschullehrer für Wirtschaft und Verwaltung in Frankfurt. Für den Unterricht hat er sich fortbilden lassen.
„Anfangs waren viele skeptisch, inzwischen sind alle voll überzeugt“, erzählt er aus dem Unterricht. Die Stunden seien wichtig für die Identitätsfindung der Kinder. Die Jungen und Mädchen lernten mehr über ihre religiösen Wurzeln, unter anderem über spezielle Festtage, Geistliche und Heilige, über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und den respektvollen Umgang miteinander. „Das hilft bei der Integration.“
Respekt und Harmonie geben die Richtung vor: Sie bilden einen Stuhlkreis und müssen in einer „Versöhnungsphase“ zwischenmenschliche Streitigkeiten beilegen. „Wir besprechen das und suchen eine Lösung, um uns wieder zu vertragen“, erklärt ein Mädchen mit bravem Zopf. Dieser Brauch werde aber nicht nur im Hanauer Unterricht gepflegt, hebt Lehrer Özcan hervor. Das sei auch Sitte, wenn Aleviten sich zur religiösen Einkehr treffen. Wer nicht versöhnt sei, könne auch nicht miteinander beten. „Wir lernen viel über unsere Religion. Und ich bin glücklich, wenn sich beim Stuhlkreis alle miteinander vertragen“, sagt die neunjährige Dilan.
„Ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen“
Im geplanten islamischem Religionsunterricht in Hessen sieht Lehrer Özcan Vor- und Nachteile. „Aber so lange die Inhalte von staatlichen Stellen mitbestimmt werden und die Lehrer gut ausgebildete Pädagogen sind, sehe ich keine Gefahr.“
Hessen strebt keinen Modellversuch an, sondern einen sogenannten bekenntnisorientierten Unterricht in deutscher Sprache. Damit würden islamische Schüler mit denen anderer Konfessionen gleichgestellt - auch mit den Aleviten.
Wichtig sei, dass die islamischen Verbände einen Ansprechpartner für das Ministerium festlegten, sagt Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP). Bis Ende des Jahres müsse eine konkrete Rückmeldung vorliegen. Eine Arbeitsgruppe berät inzwischen, „auf was für Inhalte man sich verständigen könnte - trotz aller unterschiedlichen muslimischen Glaubensrichtungen“. Der Blick geht dabei auch nach Niedersachsen. Dort gebe es bereits ein Grundschullehrbuch zum Thema, sagt Henzler. „Ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen“, hebt sie hervor. „Dass das ein Marathonlauf wird, war klar. Aber ich denke, wir haben einen guten Start hingelegt und haben uns auf den Weg gemacht.“
Elf Konfessionen an hessischen Schulen:
An den Schulen in Hessen sind elf Konfessionen mit eigenem Religionsunterricht vertreten. Aus dem islamischen Bereich ist es bislang nur die Gemeinschaft der Aleviten. Eine Übersicht des Kultusministeriums:
1. Katholischer Religionsunterricht
2. Evangelischer Religionsunterricht
3. Jüdischer Religionsunterricht
4. Mennonitischer Religionsunterricht
5. Alevitischer Religionsunterricht
6. Syrisch-orthodoxer Religionsunterricht
7. Orthodoxer Religionsunterricht
8. Freireligiöser Religionsunterricht
9. Altkatholischer Religionsunterricht
10. Unitarischer Religionsunterricht
11. Adventistischer Religionsunterricht
Unsinn
Horst Griepenstroh (knackebusch)
- 09.08.2010, 16:27 Uhr
@Horst Griepenstroh (knackebusch)
Stefan Neudorfer (sttn)
- 12.08.2010, 00:29 Uhr
Wichtig für die Integration
Rolf Horstig (Fischermannsnetz)
- 12.08.2010, 13:41 Uhr