24.05.2011 · Der Salzabbau an der Werra hat eine lange Geschichte. Insbesondere über die damit verbundenen Umweltaspekte wurde immer wieder diskutiert – bis heute.
Von Claus Peter Müller, KasselWo heute die Mitte Europas liegt, war vor 250 Millionen Jahren einmal ein Meer. Unter der sengenden Sonne verdunstete das Wasser. Salze und Kalium-Verbindungen sanken zu Boden. Über Millionen Jahre lagerten sich darauf organische Stoffe ab und die Erde veränderte ihre Oberfläche. In Relation zu den epochalen Veränderungen der Erdgeschichte sind die Erkenntnisse Liebigs aus der Mitte des 19. Jahrhunderts über das Pflanzenwachstum geradezu hochaktuell. Zu den lebenswichtigen Mineralien gehören jene Kaliumsalze, die die Erde vor einer Viertelmilliarde Jahre in ihrem Inneren verschlossen hat. Der wissenschaftlichen Erkenntnis folgte der Bergbau. Zunächst wurden nördlich des Harzes die Kalischächte abgeteuft, von 1893 an auch im Werra-Revier innerhalb des Städtedreiecks Eisenach, Bad Hersfeld und Fulda. Der Hunger, der die Menschen immer wieder in die Not getrieben hatte, erschien dank des Naturdüngers Kali endlich stillbar, und Deutschland hatte das Weltkalimonopol.
Doch die Kaliförderung und -gewinnung belastete die Flüsse mit salzhaltigen Abwässern. Vor allem die Textilindustrie, die an Schadstoffen nicht sparte, beklagte, dass die Salze im Fluss ihre Fertigungsprozesse störten. Unter Führung des Regierungspräsidiums Kassel wurde schon 1912 die Verdampfung der salzhaltigen Abwässer diskutiert und ein Jahr später der Bau einer Leitung aus dem Werra-Revier an die Nordsee, um die salzhaltigen Abwässer direkt ins Meer zu leiten.
Kein Handel mit der DDR
Doch weder das eine, noch das andere wurde Wirklichkeit. Man verständigte sich auf einen Grenzwert für die Salzeinleitung an der Werra, der so bemessen war, dass die Stadt Bremen ihr Trinkwasser ohne jede Beeinträchtigung durch Salze aus der Weser gewinnen konnte. Der Wert wurde schließlich 1941 mit 2500 Milligramm Salz am Pegel Gerstungen mitten im Werra-Revier fixiert, doch er wurde nicht eingehalten. Während die Kaliindustrie im Westen ihre Einleitung stets so bemaß, dass der Wert hätte eingehalten werden können, hielten sich die Werke in Thüringen nicht an die Vorgabe.
Nachdem die Trinkwasserversorgung wegen des offenkundig unsachgemäßen Umgangs mit Kaliabwässern im Raum Eisenach in Gefahr geraten war, leitete die DDR alle Abwässer in die Werra ein, die die Salzfracht gen Westen zum Klassenfeind trug. Von den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an stieg die Salzfracht auf bis zu 40.000 Milligramm je Liter Flusswasser. 1977 erwog das volkseigene Kalikombinat in der DDR noch einmal den Bau einer Abwasserleitung zum Meer, verlangte aber im Gegenzug von der Bundesrepublik die Rechte an kostbaren Patenten der westdeutschen K+S. Der Handel kam nicht zustande.
Der Fluss ist zwar immer noch mit Salz belastet, aber Leben kehrte erkennbar in ihn aus seinen Zuflüssen zurück
Der staatlichen Wiedervereinigung folgte in den neunziger Jahren die Vereinigung der deutsch-deutschen Kaliindustrie unter dem Dach der Kasseler K+S. Das Unternehmen investierte in das Abwassermanagement an der Werra, und der Grenzwert von 1941 wurde erstmals in der Geschichte des Kalibergbaus konstant eingehalten. Ein Teil der Salze, die nicht verwertbar sind, wird aufgehaldet, während flüssige Rückstände im Plattendolomit versenkt oder dosiert in die Werra eingeleitet werden. Der Plattendolomit dient zudem als Pufferspeicher, da die Salzwassereinleitung der stark schwankenden Wassermenge in der Werra angepasst werden muss.
Der Fluss ist zwar immer noch mit Salz belastet, aber Leben kehrte erkennbar in ihn aus seinen Zuflüssen zurück. Jene, die die früheren Zustände noch kannten, waren erleichtert, und K+S genoss in der Region den Ruf eines verantwortungsbewusst handelnden Unternehmens.
Widerspruch gegen 63 Kilometer lange Pipeline
Als aber K+S Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts entschied, im Werra-Revier ein Kraftwerk errichten zu lassen, das mit Abfall als Primärenergie betrieben werden sollte, regte sich Widerstand. Einer der Initiatoren war ausgerechnet die Thüringer PDS, die als SED die Verantwortung für die ungehemmte Versalzung der Werra getragen hatte. In der Mobilisierung der Massen gegen Wasser- und Abwasserbeiträge in Thüringen erprobt, gelang es der PDS auch im Werra-Revier den Volkszorn zu schüren. K+S stand am Pranger. Noch hatte sich die Aufregung um das Heizkraftwerk nicht gelegt, thematisierte die PDS die Salzfracht der Werra. Politiker anderer Parteien, Sozialdemokraten aus Thüringen oder Christdemokraten aus Hessen, wollten ihr im Protest nicht nachstehen.
Den Anlass zum Widerwort gegen die Salzeinleitung hatte der 2006 vorgestellte Plan geliefert, eine 63 Kilometer lange Pipeline von Neuhof bei Fulda ins Werra-Revier zu bauen, um salzhaltiges Regenwasser von einer mächtigen Abraumhalde südwestlich Fuldas dem Wassermanagement an der Werra zuzuführen. Bislang war das Regenwasser im Plattendolomit im Untergrund unter Neuhof versenkt worden, doch die Speicherkapazität des Gesteins war erschöpft. Nun sollte das Regenwasser die salzfreie Fulda nicht belasten, sondern innerhalb der Kaligewinnung an der Werra genutzt werden, um es unter Einhaltung des zulässigen Grenzwertes in die Werra einzuleiten.
Runder Tisch zu Salzbelastung
Die Salzfracht der Werra sollte also nicht steigen. Zudem waren die 400.000 bis 700.000 Kubikmeter Regenwasser im Jahr eine kleine Menge im Vergleich zu den 14 Millionen Kubikmeter Abwasser, die damals jährlich an der Werra anfielen. Schließlich sollte trotz der Zuleitung aus Neuhof das Salzwasseraufkommen an der Werra durch technische Änderungen bis 2011 auf 12 Millionen Tonnen Kubikmeter sinken. Die Werra sollte also tatsächlich entlastet werden. Doch K+S drang mit dieser Botschaft nicht durch.
Stattdessen begann eine Diskussion um die gesamte Salzbelastung von Werra und Weser. Das Land Hessen lud die Anrainer von Werra und Weser – Parlamentarier aus den Ländern entlang der Flüsse, Vertreter von Kommunen und Umweltverbänden, Wissenschaftler, Gewerkschafter und Vertreter von K+S – an einen Runden Tisch, der in Kassel tagte.
K+S will 360 Millionen Euro investieren
Im Februar 2010 kamen die Versammelten zu dem Schluss, dass es die beste Lösung sei, eine Fernleitung zur Nordsee zu bauen, um überschüssige Salze, die K+S aus dem versunkenen Meer löst, und die weder versenkt werden sollen, noch aufgehaldet werden können, in das heutige Meer einzuleiten. Der Vorschlag stieß auf Zustimmung in allen Parteien und bei Umweltschützern.
K+S hat unterdessen zugesichert, bis zum Jahr 2015 in neue Verfahren am Standort Werra 360 Millionen Euro zu investieren. Zum Beispiel sollen Salzlaugen bis zehn Grad minus gekühlt werden. Bei dieser Temperatur kristallisieren bestimmte Wertstoffe aus, die damit gewonnen und nicht mehr als Teil des Salzwassers entsorgt werden müssen. Die Versenkung salzhaltiger Abwässer im Untergrund soll bis 2015 beendet werden, nicht aber die Bewirtschaftung des Plattendolomits als Speicherraum. Als Konsequenz wird sich die in die Werra eingeleitete Salzwassermenge gegenüber 2006 von 14 auf 7 Millionen Kubikmeter halbieren. 1970 waren es noch 41 Millionen Kubikmeter im Jahr.
Keiner will die Einleitung
Indes bereitet K+S auch die Unterlagen vor, um den Bau zweier Pipelineprojekte im Wert von bis zu 500 Millionen Euro bis 2020 zu beantragen. Eine Leitung könnte bis zur Nordsee führen, die andere bis an die nördliche Spitze Hessens. Sollte die Lauge in einer Pipeline parallel der Werra und der Oberweser bis Bad Karlshafen im Kreis Kassel geführt werden, blieben die Flüsse bis dorthin salzfrei. In Karlshafen führt die Weser unterdessen so viel Wasser, dass die bis 2015 reduzierte Salzfracht den Salzgehalt im Fluss nur auf 390 Milligramm je Liter steigen ließe. Der Grenzwert für die biologische Süßwasserschwelle beträgt 400 Milligramm je Liter. Aber weder das Land Niedersachsen, noch der Landkreis Kassel wollen die Einleitung in ihrem Territorium.
Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) befürwortet den Transport der Salzfracht mit Kesselwagen vom darbenden Güterbahnhof Bebra ans Meer, aber es ist unklar, wo das Wasser eingeleitet werden soll. Auch dort dürfte sich Widerstand regen. Selbst die kurze Pipeline von Neuhof an die Werra ist noch nicht gebaut. K+S hofft auf eine Entscheidung der Behörden im nächsten Jahr. Bis die Leitung gebaut sein wird, fahren täglich bis zu 60 Lastwagen und ein bis zwei Güterzüge pro Woche mit versalzenem Regenwasser über etwa 100 Kilometer Straße oder Schiene von Neuhof an die Werra. Nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie sollen alle Gewässer in der EU bis 2015 in einem „guten ökologischen Zustand“ sein oder zumindest über ein „gutes ökologisches Potential“ verfügen. Eine Verlängerung der Salzeinleitung um jeweils sechs Jahre wäre zwei Mal bis 2027 möglich. Es gibt aber auch dauerhafte Ausnahmen wie etwa in Niedersachsen, wo die Fließgewässer im Harz noch immer unter den Folgen des längst eingestellten Bergbaus leiden.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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