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Riesling-Symposium Zu viel Alkohol schadet dem Riesling

14.11.2010 ·  Beim ersten Internationalen Riesling-Symposion auf Schloss Reinhartshausen warnt ein Experte vor Irrwegen im Weinkeller.

Von Oliver Bock, Eltville
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Riesling kann vieles sein. Trocken, halbtrocken, feinherb oder süß. Sehr teuer oder spottbillig. Sehr leicht oder sehr alkoholreich. Ein idealer Begleiter zu vielen Speisen oder ein überzeugender Solist. Ein junger Genuss oder fein gereift nach 100 Jahren Lagerzeit im kühlen Keller. Solch eine Vielfalt weist keine andere anspruchsvolle Rebsorte der Welt auf. Doch Riesling ist zugleich ein Nischenprodukt. Nur 34 000 von weltweit mehr als sieben Millionen Hektar Rebfläche sind mit der Rebsorte bestockt. Zwei Drittel davon stehen in Deutschland. Mit weitem Abstand folgen Elsass, Österreich, Australien und die Vereinigten Staaten. Das deutsche Kernland des Rieslings ist der Rheingau, weil diese Rebsorte zwischen Hochheim und Lorch so dominant ist wie sonst nur noch an der Mosel.

Riesling ist ein einzigartiger, zugleich aber schwieriger und manchen Weinfreund verwirrender Tropfen. Gleichwohl gilt er als das Paradeprodukt der deutschen Winzer, als deren qualitative Speerspitze sich der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) versteht. Der VDP Rheingau hat das Jubiläum zum Anlass genommen, auf Anregung des Eltviller Weinpublizisten Ingo Swoboda erstmals zu einem Internationalen Riesling-Symposion auf Schloss Reinhartshausen zu bitten, um die Chancen und Perspektiven der Rebsorte auszuloten.

Stilistischer Irrweg in den Weinkellern

Rund 200 Gäste, darunter zahlreiche Erzeuger aus dem In- und Ausland, Fachjournalisten, Weinhändler und andere Branchenvertreter waren zu Vorträgen und Proben gekommen. Das dokumentiert die seit etwa einem Jahrzehnt international gewachsene Aufmerksamkeit gegenüber dem Nischenprodukt Riesling. In diesem Siegeszug sieht einer der einflussreichsten amerikanischen Weinkritiker, David Schildknecht, aber auch eine Gefahr: Die Nische für den Riesling werde „überfüllt“ durch den weltweit stark steigenden Anbau. Im amerikanischen Bundesstaat Washington etwa sei die Riesling-Anbaufläche verdreifacht worden, in Kalifornien mehr als verdoppelt.

Die deutschen Winzer, allen Voran den VDP, sieht Schildknecht bei der Erzeugung nicht auf dem richtigen Weg. Er hält die Tendenz, Rieslingweine entweder nur noch ganz trocken oder deutlich süß auszubauen, für einen stilistischen Irrweg in den Weinkellern. Schildknecht wandte sich gegen zu alkoholreiche trockene Spitzenweine mit 14 und mehr Volumenprozent Alkohol und plädierte für eine Spanne bis höchstens 13 Prozent und mehr Restsüße, denn diese stecke der Riesling wie keine andere Rebsorte weg und schmecke dennoch trocken.

Keine „barocken, üppigen Bomben“

Deutsche Rieslinge mit zehn bis 20 Gramm Restzucker entsprechen seiner Ansicht nach nicht nur dem natürlichen Verlauf der Gärung, sondern auch einer langen Tradition. Die wachsende Tendenz zum Verzicht auf den Begriff „Kabinett“ bezeichnete er ebenso als vertane Chance für die deutschen Winzer wie die fehlende klare Definition der Bezeichnung „feinherb“, die allemal besser sei als „das weitgehend verachtete Wort ,halbtrocken‘. Zudem sollten die Winzer zu der Gewohnheit zurückkehren, ihren Weinen eine längere Zeit der Flaschenreife zu gönnen. Auch im Bestreben des VDP, die Zahl der Lagenweine zu verringern, sieht Schildknecht einen Irrweg, denn damit werde die Zahl „der bestmöglichen deutschen Botschafter des Rieslings und des Terroirs“ eingeengt.

In derlei Kritik sieht VDP-Chef Wilhelm Weil in erster Linie positive Anstöße für die interne Diskussion der Winzer. Diese Kritik stehe nicht im Widerspruch zu den Überzeugungen seines Verbands. Allerdings wollten die deutschen Winzer keine „barocken, üppigen Bomben“ erzeugen und seien überzeugt, dass sie dank des Klimawandels auch im weltweiten Vergleich grandiose trockene Spitzenweine vorstellen könnten.

„Die Marktgesetze werden bald greifen“

Riesling ist „die am meisten unterschätzte Rebsorte der Welt“, zitierte der Berliner Weinhändler Georg Mauer die ebenfalls angereiste renommierte britische Weinkritikerin Jancis Robinson. Mauer misst Riesling einen „sinnlichen und ökonomischen Wert“ bei, und er spricht von einem Siegeszug: Riesling habe sich – „ganz und gar positiv besetzt“ – in den Köpfen der Weinwelt etabliert. Gleichwohl sparte Mauer nicht mit Kritik an den Erzeugern, denn diese gingen bei der Vermarktung häufig „ungesteuerte und undurchdachte Wege“.

Gerade bei der Vermarktung sieht Weil Defizite. Die internationale Aufmerksamkeit schlage sich noch nicht ökonomisch in den Weinanbaugebieten nieder, weder bei den Weinbergspreisen noch im Absatz, gab Weil zu. Er sieht Deutschland am Ende einer Neustrukturierung und vor einer großen Phase des Erfolgs für seine Weine. „Die Marktgesetze werden bald greifen“, zeigte sich Weil selbstbewusst und verglich die deutschen Qualitätswinzer mit einem Zug, der voller Energie auf den Gleisen stehe, zur Abfahrt bereit. Er müsse nur noch abfahren.

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