22.03.2009 · In Hessen wird über einen islamischen Religionsunterricht noch debattiert. In Niedersachsen gibt es das Fach im Rahmen eines Schulversuchs an 29 Grundschulen. Eine von ihnen ist die „Grundschule Salzmannstraße“ in Hannover. Ein Besuch.
Von Stefan Toepfer, HannoverSchon merkwürdig, was Gott manchmal von einem Menschen verlangt. Özgür und agla haben ihre Zweifel, ob Gott Abraham im Traum wirklich gesagt hat, er solle seinen Sohn opfern. „Gott würde so was nicht sagen“, meint die Viertklässlerin agla. Und ihr Mitschüler Özgür ist überzeugt: „Ich hätte das an Abrahams Stelle nicht gemacht.“ Onur widerspricht: „Wenn Gott es sagt, muss man das tun.“
Munter reden die elf Schüler in der Klasse von Tünay Özrecber über die Abrahams-Geschichte, die im Islam genauso wichtig ist wie im Judentum und Christentum. Die Erzählung geht gut aus: Gott sieht, dass Abraham ihm gehorchend vertraut, und schickt ein Tier, das er anstelle seines Sohnes opfern kann. Die Lehrerin erzählt die ganze Geschichte und erläutert den Stellenwert des islamischen Opferfestes, bei dem diese uralte Überlieferung im Mittelpunkt steht.
Kinder beschäftigen sich intensiv mit ihrer Religion
Gizem lässt nicht locker. „Wie wusste Abraham, dass Gott zu ihm sprach?“, will sie von ihrer Lehrerin wissen. Keine leichte Frage. Tünay Özrecber überlegt kurz: „Abraham kannte Gott schon.“ Im Herzen habe er gewusst, dass Gott zu ihm im Traum gesprochen habe.
Über Fragen wie die von Gizem ist Tünay Özrecber froh. Denn sie zeigen, dass sich die Kinder intensiv mit ihrer Religion beschäftigen. Und das will die 28 Jahre alte Lehrerin an der „Grundschule Salzmannstraße“ in Hannover. Der Raum, in dem sich Özgür, agla, Onur, Gizem und die anderen sieben Viertklässler treffen, ist für den islamischen Religionsunterricht reserviert. Es gibt ein Plakat mit den 99 Namen Allahs, woanders steht ein selbstgebasteltes Modell von Mekka, an einer Wand hängen Koranverse und Regeln zu deren Auslegung. Zwei lauten: „Versuche, nicht alles wörtlich zu nehmen, sondern hinter den Zeilen zu lesen.“ „Versucht zu verstehen, was Allah euch sagen wollte.“
Nicht alle Schüler sind von vornherein damit vertraut. Einer habe einmal gefragt, wann es endlich „richtigen“ Religionsunterricht gebe, in dem der Koran rezitiert werde, erzählt Özrecber. Das kannte er als religiöse Unterweisung aus seiner Moscheegemeinde. Mit der Zeit habe er aber eingesehen, dass es auch darauf ankomme, den Koran zu verstehen, sagt die Lehrerin.
Tünay Özrecber, eine gleichermaßen überzeugte wie aufgeschlossene Muslima, unterrichtet Religion seit 2003, seit es das Fach als Schulversuch in Niedersachsen gibt. 21 Stunden hat sie in der Grundschule Salzmannstraße und in der Albert-Schweitzer-Schule in Hannovers Stadtteil Linden. Inhaltlich vorbereitet worden war der Religionsunterricht in Niedersachsen von einem „Runden Tisch“ mit Vertretern vieler muslimischer Gruppen und des Kultusministeriums. Zu den „verbindlichen Themen“, die in den Schulen behandelt werden, gehören beispielsweise „Gott (Allah)“, „Gottes Schöpfung“, „Der Koran“, „Der Prophet Mohammed“, „Miteinander leben“ und „Begegnung mit anderen Religionen“. Özrecber arbeitet derzeit daran mit, den Lehrplan zu reformieren, der 2010 fertig sein soll.
25 Studenten im Aufbaustudiengang
Eine solche Arbeit ist unerlässlich. „Es gibt noch keine etablierte islamische Religionspädagogik im deutschsprachigen Raum“, sagt Bülent Ucar, Professor für das Fach an der Universität in Osnabrück und damit einer der Pioniere in Deutschland. Wichtig sei zweierlei: die Traditionen der Herkunftsländer von Muslimen und die christliche Religionspädagogik. „Beides darf nicht kopiert, aber auch nicht vernachlässigt werden.“
Allzu groß ist Ucars Aufbaustudiengang noch nicht: 25 Studenten hat er derzeit. Zu ihnen wird bald auch Tünay Özrecber gehören, sie will sich weiterqualifizieren. Bisher hat sie Fortbildungen absolviert, um Religion unterrichten zu können. Die Herausforderung war besonders am Anfang groß. „Es war, als würde das Fach aus dem Nichts erschaffen.“ Marion Frontzek, Leiterin der Grundschule Salzmannstraße, erwartet, dass die muslimischen Religionslehrer besser ausgebildet werden, bevor sie anfangen zu unterrichten. Özrecber war an Frontzeks Grundschule zuvor Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht. Sie ist in Deutschland geboren, hat nach der Grundschulzeit aber in der Türkei gelebt und in Izmir Germanistik studiert. Fortgesetzt hat sie ihre Studien später in Hildesheim.
Als sie und die Schulleiterin gefragt wurden, ob sie an dem Versuch teilnehmen wollten, sagten beide schnell zu, weil ihnen das Fach wichtig ist. Auch, dass es in deutscher Sprache erteilt wird. Ein positives Ergebnis sieht die Schulleiterin darin, „dass muslimische Eltern nun selbstverständlicher in die Schule kommen“, weil sie sich in ihrem Glauben akzeptiert fühlten.
Eltern in Niedersachsen sind zufrieden
„Außerdem bin ich für Eltern eine Vertrauensperson, etwa wenn es um Klassenfahrten geht“, sagt Özrecber. Manche Eltern fragten zwar kritisch nach, was und wie sie unterrichte, harte Konflikte habe es bisher aber nicht gegeben. Nach einer wissenschaftlichen Auswertung sind drei Viertel der Eltern zufrieden mit dem Unterricht in Niedersachsen, der integrativ wirke und nicht „separationistisch“.
„Dass die Eltern nun mehr im Boot sind“, sieht auch Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) als einen Pluspunkt an. Außerdem würden die Schüler in ihrer religiösen und kulturellen Identität gestärkt, was sie befähige, sich stärker „auf andere Identitäten“ einzulassen. Insgesamt nehmen in Niedersachsen derzeit 1600 Schüler in 29 Grundschulen am islamischen Religionsunterricht teil.
Von den 185 Kindern an der Grundschule Salzmannstraße sind 56 Muslime. Sie bilden damit die größte religiöse Gruppe, wie Frontzek sagt, denn nur zehn Prozent der Schüler seien christlich getauft. Sie und die vielen konfessionslosen Kinder besuchten einen evangelischen Religionsunterricht.
Die Landesregierung will den Schulversuch so lange fortführen, bis es einen regulären islamischen Religionsunterricht gibt. Zwar ist der runde Tisch schon ein wichtiger Fortschritt, aber ein einheitlicher Partner des Staates, wie dies die Kirchen für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht sind, ist er noch nicht.
Das heißt etwa, dass Tünay Özrecber ihren Schülern keine Noten gibt, sondern nur eine Teilnahmebestätigung. Als ein größeres Manko empfinden es Frontzek und Özrecber, dass es an den weiterführenden Schulen noch keinen islamischen Religionsunterricht gibt. Zwar gebe es das Fach „Werte und Normen“, in dem auch über Kulturen und Religionen gesprochen werde, so Özrecber. „Aber es ist eben kein bekenntnisorientierter Unterricht. Vielleicht gibt es ja in zehn bis 15 Jahren, wenn genügend Lehrer da sind, einen flächendeckenden islamischen Religionsunterricht, auch an weiterführenden Schulen.“ Sinnvoll wäre es. Schließlich kann die Auseinandersetzung mit einem religiös verwurzelten, guten Lehrer fruchtbar sein – gerade für Heranwachsende mit ihrer Kritik an Religion.