13.08.2010 · Das Holocaust Memorial Center wird neuer Besitzer der TU-Ausstellung „Synagogen in Deutschland – Eine Virtuelle Rekonstruktion“
Von Rainer Hein, DarmstadtDie am Fachbereich Architektur der Technischen Universität Darmstadt (TU) entwickelte Ausstellung „Synagogen in Deutschland – Eine Virtuelle Rekonstruktion“ wird künftig in den Vereinigten Staaten zu sehen sein. Wie die TU mitteilte, übernimmt das Holocaust Memorial Center in Farmington Hills bei Detroit die Schau, die Synagogen aus 15 Städten, die während der NS-Zeit in Deutschland zerstört wurden, virtuell sichtbar macht. Vorgesehen ist, die Ausstellung zunächst in Detroit zu zeigen, anschließend über drei Jahre auf eine Rundreise durch verschiedene amerikanische Museen zu schicken, bevor sie im Holocaust Center einen festen Platz bekommt.
Die Rekonstruktion historischer, aber nicht mehr existenter Gebäude mit Hilfe moderner Computertechnik ist eines der Tätigkeitsfelder des Fachgebiets Informations- und Kommunikationstechnologie der TU. Sein Leiter Manfred Koob begann damit Mitte der achtziger Jahre und visualisierte als erstes Projekt die Klosteranlage Cluny in Burgund. Seit 1995 wurden am Fachbereich Architektur auch Synagogen am Computer rekonstruiert. Die Initiative dafür ging von Studenten aus, die 1994, dem Jahr, in dem der Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge verübt wurde, ein Seminar „Visualisierung des Zerstörten“ vorschlugen. Damit wollten sie, so Koob, „ein Zeichen des Mahnens und Erinnerns setzen und den kulturellen Verlust aufzeigen“.
Vier Themenschwerpunkte
Vor zehn Jahren wurde die daraus entstandene Ausstellung erstmals in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn gezeigt. Anschließend wurde sie überarbeitet und erweitert und 2004 mit Hilfe des Instituts für Auslandsbeziehungen für einige Zeit in Tel Aviv aufgebaut. Die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank und die Deutsche Bank Americas Foundation unterstützten dies finanziell.
„Synagogen in Deutschland – Eine Virtuelle Rekonstruktion“ gliedert sich in vier Themenschwerpunkte. Unter dem Stichwort „Wahrnehmung“ stellt sie zunächst dar, wie sich die soziale Lage der deutschen Juden zwischen 1933 und 1938 systematisch verschlechterte. Anschließend werden unter der Überschrift „Eskalation“ Fotos von einigen der mehr als 1000 in der Pogromnacht 1938 zerstörten jüdischen Gotteshäuser gezeigt und ihre Standorte benannt. Nach einer kurzen Information zur Geschichte jüdischer Sakralbauten betritt der Besucher den Hauptteil, die dreidimensionale, großformatige virtuelle Nachbildung von Synagogen aus Bad Kissingen, Berlin, Darmstadt, Dortmund, Dresden, Frankfurt, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Langen, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg und Plauen. Den Abschluss bildet ein Arbeitsraum mit Schreibtisch, Computern, Rechnern, Texttafeln, Büchern und „Schwarzen Brettern“, der vor Augen führt, mit welchen Instrumenten die einst so prachtvollen Bauten wieder zu neuem Leben erweckt wurden.
„Digital ist alles noch da“
Zur museumspädagogischen Reflexion muss man inzwischen auch die Geschichte der Ausstellung selbst zählen. Sie ist für Koob in doppelter Hinsicht überraschend. Einerseits hatte er in Bonn, wo 70 000 Besucher gezählt wurden, nicht mit einer solchen Resonanz gerechnet. Andererseits musste er in den Jahren danach registrieren, dass ein Verbleib in Deutschland trotz vieler Bemühungen nicht zu realisieren war. Zwar habe es nach Bonn Anfragen von zwölf Institutionen – Museen, Städten und Stiftungen – gegeben. „Aber keiner war in der Lage oder willens, das nötige Geld aufzubringen.“ Nach der Ausstellung in Tel Aviv hätten die Ausstellungsstücke bis heute gelagert werden müssen. Wie Koob berichtet, versuchte er wiederholt, „das Thema in Deutschland auf Dauer unterzubringen“. Aber seine Idee, die Schau jeweils drei Monate lang durch alle 16 Bundesländer reisen zu lassen, habe kein Echo gefunden. Anfragen bei Großunternehmen und ministeriellen Stellen mit der Bitte um finanzielle Förderung seien abgelehnt worden – in einem Fall mit der Begründung, das Thema sei „verbraucht“.
Über die mit dem Holocaust Memorial Center gefundene Lösung sei er nun sehr erfreut, sagte Koob: „Das sichert unsere Arbeit auf Dauer.“ Außerdem rechne er mit einem großen Interesse in Amerika, insbesondere bei jener Generation von Juden, deren Eltern und Großeltern den Holocaust durch die Flucht über den Atlantik überlebt hätten. Wie berührend der Blick auf die dreidimensionale Darstellung einer Synagoge für Menschen sein könne, die darin einst gebetet hätten, habe er schon in der Bonner Kunsthalle erlebt. Mit Blick auf Deutschland sagte Koob, die gleiche Ausstellung noch einmal physisch herzustellen sei grundsätzlich keine Schwierigkeit: „Digital ist alles noch da.“