26.02.2010 · Nach dem Willen der Regierungsfraktionen CDU und FDP dürfen Haupt- und Realschulen ihre Bildungsgänge künftig unter dem Dach einer sogenannten Mittelstufenschule zusammenfassen.
Von Ralf Euler, WiesbadenFür Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ist es eine Entscheidung, „die auch politisch nicht nur leicht fällt“, für Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) „ein großer Schritt hin zu einer modernen Schullandschaft“. Aus Sicht der Opposition hingegen bietet die am Freitag von Koch und Henzler in Wiesbaden vorgestellte Reform der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) lediglich „kosmetische Korrekturen“. Der nötige „große Wurf“ in der Bildungspolitik, die Abkehr vom gegliederten Schulsystem, sei das nicht, beklagten Sprecher von SPD, Grünen und Linkspartei.
Nach dem Willen der Regierungsfraktionen CDU und FDP dürfen Haupt- und Realschulen ihre Bildungsgänge künftig unter dem Dach einer sogenannten Mittelstufenschule zusammenfassen. Dabei sollen die Abschlüsse von Haupt- und Realschule allerdings erhalten bleiben; der gymnasiale Bildungsgang bleibt unverändert an Gymnasien, an integrierten und kooperativen Gesamtschulen erhalten. Koch sprach von dem Prinzip „ein Eingang, zwei Ausgänge“. Das Angebot richtet sich zunächst an verbundene Haupt- und Realschulen, die nach Vorlage eines inhaltlichen Konzepts die Umwandlung in eine Mittelstufenschule vom Schuljahr 2011/2012 an beantragen können.
Ganztagsangebot an allen Mittelstufenschulen
Alle Mittelstufenschulen sollen über ein Ganztagsangebot verfügen. Neu ist das gemeinsame Lernen aller Schüler in einer Aufbaustufe von der fünften bis zur siebten Klasse. Sowohl der Hauptschul- als auch der Realschulabschluss setzen dabei stärker als bisher auf die Förderung der Ausbildungsreife und die Berufsorientierung. In Jahrgangsstufe sieben finde eine „Evaluierung der Schülerkompetenz“ statt, sagte Henzler, anschließend gabele sich die Schule in einen praxisorientierten und einen mittleren Bildungsgang auf. Im praxisorientierten Bildungsgang ist eine enge Zusammenarbeit mit beruflichen Schulen vorgesehen.
Am Ende der Jahrgangsstufe 9 absolvieren die Schüler die Abschlussprüfungen des Bildungsgangs Hauptschule, anschließend besteht die Möglichkeit, die Jahrgangsstufe zehn zu besuchen. Der mittlere Bildungsgang sieht ebenfalls eine Kooperation mit beruflichen Schulen vor, zudem sind außer der zweiten Fremdsprache Schwerpunktfächer geplant. Im Abschlusszeugnis nach der zehnten Klasse wird die Eignung zum Übergang auf eine Fachoberschule oder eine gymnasiale Oberstufe vermerkt.
Schüler noch individueller fördern
Das Konzept sei die Antwort auf die demographische Entwicklung und die Tatsache, dass immer weniger Eltern ihre Kinder für die Hauptschule anmeldeten – im laufenden Schuljahr seien es gerade einmal drei Prozent gewesen. Schon jetzt gibt es in Hessen nur noch fünf eigenständige Hauptschulen, aber 58 miteinander verbundene Haupt- und Realschulen. Ziel der Neuordnung sei es, die Schüler noch individueller und intensiver entsprechend ihrer Neigungen, Begabungen und Talente zu fördern, sagte Henzler.
Die Opposition kritisierte die Reform als unzureichend. „Das Türschild wird ausgewechselt, dahinter existieren Haupt- und Realschule im Grund unverändert weiter“, sagte der SPD-Abgeordnete Gerhard Merz. In der Jahrgangsstufe acht komme es auch künftig zu der „hochproblematischen“ Trennung in die herkömmlichen Bildungsgänge, und dies ohne Einflussmöglichkeit der Eltern. „Damit wird keine Antwort auf die tiefe Krise der Hauptschulen und vor allem keine auf die Schwierigkeiten der Hauptschülerinnen und Hauptschüler gegeben.“
Die Grünen: Der nötige Aufbruch bleibt aus
Der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Mathias Wagner, zeigte sich „maßlos enttäuscht“. Das gemeinsame Lernen von Haupt- und Realschülern in den Klassen fünf bis sieben sei nicht genug, der nötige Aufbruch in der hessischen Bildungspolitik bleibe aus. „Eine wirkliche Reform müsste ein pädagogisches Konzept beinhalten, das den Bildungsabschluss für Schülerinnen und Schüler durch längeres gemeinsames Lernen möglichst lange offenlässt.“
Die Linkspartei sprach sich dafür aus, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen, Schüler bis zur zehnten Klasse gemeinsam zu unterrichten und auf diese Weise für „echte Chancengleichheit“ zu sorgen. Die Lehrergewerkschaft GEW kritisierte, dass nun Realschüler das Problem der Hauptschule lösen sollten.
Lob vom Hessischen Philologenverband
Die Regierungsfraktionen CDU und FDP bewerteten das Konzept hingegen als „große Chance“ für die Haupt- und Realschulen. Beiden Schulformen werde eine neue Perspektive eröffnet, sagte der FDP-Abgeordnete Mario Döweling. „Haupt- und Realschüler erhalten Zukunftsperspektive durch starke Praxis- und Berufsorientierung“, äußerte der CDU-Bildungspolitiker Hans-Jürgen Irmer. Am gegliederten Schulsystem werde festgehalten, weil dies die Verschiedenheit menschlicher Begabungen am besten zur Entfaltung bringe. Lob kam auch vom Hessischen Philologenverband, der die stärkere berufspraktische Orientierung in der Mittelstufenschule und das Festhalten am Hauptschulabschluss hervorhob.