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Qualifizierte Mitarbeiter halten Metallbranche rüstet für Zeit nach der Kurzarbeit

16.11.2009 ·  Die Kurzarbeit hat negative Folgen der Krise auf den hessischen Arbeitsmarkt zwar nicht verhindern, aber sehr stark mildern können, gerade in der Metallindustrie. Doch die Kurzarbeit hilft nur auf Zeit.

Von Jochen Remmert, Frankfurt
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Die Antragsfrist für die zur Krisenbewältigung verlängerte Kurzarbeitregelung läuft Ende des Jahres aus. Gerade Unternehmen der durch die Wirtschafts- und Finanzkrise besonders hart getroffenen Automobilbranche nutzen das Instrument gerne und wollen das auch weiter tun. Das gilt für große Zulieferer wie die auch in Frankfurt vertretene Continental AG genauso wie für den Spezialisten für Autokommunikations-Geräte Peiker Acustic aus Friedrichsdorf und die Freudenberger & Co KG, die unter anderem in Reichelsheim produziert und beispielsweise Dichtungstechnik sowie Teile des Interieurs für Autos zuliefert.

„Dank der Kurzarbeit haben wir einen Großteil unserer Mitarbeiter halten können“, sagt eine Peiker-Sprecherin. Und doch ist die Zahl der Mitarbeiter im Jahresvergleich von 467 auf heute noch 410 gesunken, durch Fluktuation, Nichtverlängerung von Verträgen, Aufhebungsvereinbarungen, aber auch durch Kündigungen. Angesichts eines zeitweisen Geschäftsrückgangs um 38 Prozent ein vergleichsweise moderater Abbau, wie die Sprecherin weiter sagt, vor allem dank der Kurzarbeit.

Lohnkosten drastisch senken

Ähnlich die Einschätzungen bei Continental und Freudenberger. Bei Letzteren entscheiden die Konzernteile und Standorte – je nach Marktlage unabhängig voneinander – über Dauer, Aussetzen oder Aufhebung der Kurzarbeit, wie eine Sprecherin erläutert. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung gerade in der Automobilindustrie ist aber zurzeit schwierig vorherzusagen. Deshalb halten sich die Unternehmensleitungen zurzeit mit konkreten Aussagen zurück – sie steuern auf Sicht.

Wenn alles so bleibt, wie es im Moment geregelt ist, haben Unternehmen nur mehr bis zum Jahresende Zeit, überhaupt Kurzarbeit anzumelden. Tun sie das, haben sie sich damit für maximal 24 Monate die Möglichkeit gesichert, ihre Lohnkosten drastisch zu senken, indem sie die Anmeldung zur Kurzarbeit tatsächlich in Anspruch nehmen und die Bundesagentur für Arbeit den Arbeitnehmern bis zu 67 Prozent des fehlenden Teils vom Nettolohn erstattet.


300.00 Arbeitsplätze nur temporär sicher

Da nicht wenige Unternehmen Kurzarbeit schon angemeldet und in Anspruch genommen hatten, als die Krise im vergangenen Jahr begonnen hatte, bleibt diesen nur noch eine Frist von rund einem Jahr, ihre Kosten mit Hilfe der Kurzarbeit so weit zu senken, dass sie sich nicht gezwungen sehen, zu entlassen und damit qualifizierte Mitarbeiter zu verlieren.

Aus Sicht von Armin Schild, Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, ist allerdings längst noch nicht ausgemacht, dass diese dem ersten Anschein nach großzügig klingenden Fristen ausreichen, um die Krise ohne einen dramatischen Stellenabbau – gerade in der automobilnahen Metallindustrie – zu überstehen. Bundesweit gelten dort inzwischen rund 300.000 Arbeitsplätze lediglich als temporär gesichert – eben mit Hilfe der Kurzarbeit. Ungeachtet dessen sind im Verlauf der vergangenen zwölf Monate schon rund 190.000 Stellen abgebaut worden, wie Schild sagt. In der Regel seien dabei aber keine Kündigungen ausgesprochen worden.

Qualifizierte Mitarbeiter sollen gehalten werden

In seinem Zuständigkeitsbereich, der die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und das Saarland umfasst, haben rund 60 Prozent aller Unternehmen schon eine Betriebsvereinbarung über Kurzarbeit. In der Metallbranche selbst liegt der Anteil sogar bei 75 bis 80 Prozent. Dass inzwischen der freie Fall gestoppt und der Boden erreicht ist, will auch Gewerkschafter Schild nicht bestreiten. Von einem Ende der Krise zu sprechen, hält er aber „schlicht für Quatsch“. 2013 oder 2014 könnte die Krise vielleicht vollständig überwunden sein, früher wohl kaum, sagt er.

Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung Hessenmetall, wundert sich selbst, wie viele Unternehmen die Kurzarbeit nutzen und wie nachhaltig. Das zeige vor allem, wie ernst es den Unternehmen damit sei, ihre qualifizierten Mitarbeiter, wenn irgendwie möglich, zu halten, ist er sich sicher.

Remanenzkosten bleiben

Doch bei Hessenmetall steht auch außer Frage, dass das Gros der Mitgliedsunternehmen weder die vollen 24 Monate Kurzarbeit nutzen wird, geschweige denn sie darüber hinaus verlängern würde, wenn die rechtlichen Möglichkeiten dafür geschaffen würden.

Das funktioniert, wie Fasbender sagt, vor allem deshalb nicht, weil die Kurzarbeit die Unternehmen nie vollends von den Aufwendungen für die Mitarbeiter befreit. Löhne und Gehälter fallen zwar weg, die sogenannten Remanenzkosten bleiben aber, beispielsweise die Bezahlung während des Urlaubs oder an arbeitsfreien Feiertagen. Tarifliche Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld müssen ebenfalls weiter getragen werden. Während der mit Hilfe der Agentur für Arbeit abgedeckten Zeiten, in denen die Beschäftigten eben nicht im Unternehmen arbeiten, fallen zwischen 24 und 48 Prozent der regulären Arbeitskosten weiter beim Unternehmen an, wie das bei der Bundesagentur für Arbeit angesiedelte Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vorrechnet.

Ein Wettbewerbsvorteil - wenn die Aufträge kommen

Hessenmetall und IG Metall stimmen in der Einschätzung überein, dass das Gros der Branche 2010 noch längst nicht wieder das Auslastungsniveau erreichen wird, das vor Beginn der Krise, Anfang 2008, herrschte. Nach Einschätzung der IG Metall sind zwar nach wie vor nicht alle Unternehmen von der Krise betroffen, im Durchschnitt liege die Auslastung der Branche aber inzwischen 20 bis 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

Bei der Frage, was aus dieser unstrittigen Bestandsaufnahme für die Tarifrunde 2010 folgt, endet die Übereinstimmung zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaft. Für Fasbender steht fest: Ein Arbeitgeber kann nur so lange auf die Kurzarbeit zurückgreifen, solange er davon ausgeht, dass sich die momentan höheren Arbeitskosten mittelfristig trotzdem rechnen, weil er bei anziehender Konjunktur sofort genug spezialisiertes Personal hat, um neue Aufträge rasch bearbeiten zu können, vielleicht rascher als Konkurrenten. Ein Wettbewerbsvorteil also.

Personal wird wahrscheinlich abgebaut

„Es kann aber auch sein, dass Unternehmen zu dem Schluss kommen, dass sie sich das eben nicht leisten können, ihr Personal, trotz fehlender Aufträge, mit Hilfe der Kurzarbeit zu halten“, sagt der Arbeitgebervertreter. Er geht auch davon aus, dass einige in der Metallbranche im Laufe des nächsten Jahres eben zu diesem Ergebnis kommen und Personal abbauen werden.

Dabei haben die Tarifpartner in der Metallbranche beispielsweise mit dem Tarifvertrag Beschäftigungssicherung ein weiteres Instrument geschaffen, um Personalabbau zu vermeiden. Fasbender kann sich dabei durchaus vorstellen, die Kurzarbeit und dieses tarifpolitische Werkzeug zu kombinieren.

„Desaströse Folgen“

Die regulär 35 Wochenstunden in der Metallindustrie könnten bei Auftragsmangel so beispielsweise um 10 Stunden Hilfe der Kurzarbeit verkürzt werden und noch einmal um weitere fünf Stunden über den Tarifvertrag Beschäftigungssicherung mit Hilfe einer Betriebsvereinbarung. Bei Letzterem spart der Arbeitgeber das ganze Entgelt für die gestrichenen Arbeitsstunden, auch alle Bestandteile wie Zulagen, Zuschläge, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das geht klar zu Lasten der Arbeitnehmer. Sie gewinnen dafür in gewissem Maß eine Sicherung ihres Arbeitsplatzes, weil für die Laufzeit der Vereinbarung die Möglichkeit betriebsbedingter Kündigungen weitgehend eingeschränkt sind. Doch auch eingedenk dieses Bündels von Möglichkeiten steht für Fasbender fest: „Sie können Arbeitsplätze nicht um jeden Preis sichern.“

IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild hält dagegen, dass ein Arbeitsplatzabbau, der sich am aktuellen Stand der Auftragslage orientiere, in jeder Hinsicht bedenklich wäre: „Die Folgen für die Menschen, für die Sozialkassen, die Konjunktur und die Stimmung im Land wären desaströs.“

Für Schild sei eine „faire Arbeitszeitverteilung“ das Gebot der Stunde beziehungsweise für die Tarifrunde 2010. Darunter versteht er: „Niemand wird entlassen, und die Konsequenzen aus dieser Verabredung tragen wir gemeinsam, jeder nach seinen Möglichkeiten: Arbeitnehmer, Staat und Unternehmen.“ Schild weiß wohl, dass das auch angesichts der Überkapazitäten in der Autoindustrie eine Beschäftigungssicherung über Bedarf bedeutet, die viel Geld kostet. Das gelte auch für Arbeitslose, hält er dem entgegen. Angesichts der Bedeutung für die Binnenkonjunktur und die soziale Stabilität des Landes seien erhaltene Arbeitsplätze unter dem Strich aber immer billiger als abgebaute, ist er sich sicher.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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