Als am Ende eines langen Nachmittags schließlich die Rede auf die besonders hübsch gestalteten Etiketten der Weinflaschen kam, wirkte Margarita Kaufmann gelöst. Sie scherzte mit dem Schüler, der die Flaschen brachte, und lachte herzlich im Gespräch mit denen, die sie erhielten: den Teilnehmern des Podiums, das soeben nicht weniger als die Vergangenheit und die Zukunft der Odenwaldschule (Oso) verhandelt hatte. Kaufmann, Direktorin des Internats, hatte in den vergangenen sechs Wochen wenig Grund zur Freude gehabt. Doch mit dem Ausgang der Diskussion mit dem Titel „Die Odenwaldschule stellt sich“ konnte sie zufrieden sein: Es gab keine Tumulte, dafür viel Applaus für Kaufmann und den Konsens, die Schule, die heute 100 Jahre alt wird, könne, wenn sie die Missbrauchsfälle aufgearbeitet habe, einen neuen Anfang wagen.
Doch eitel Sonnenschein herrschte deswegen noch lange nicht. Das war vor allem den vier ehemaligen Schülern zu verdanken, die auf dem Podium in der kleinen, von Presse und Publikum völlig überfüllten Theaterhalle der Schule Platz genommen hatten. Die Autorin und Moderatorin Amelie Fried, die von 1969 bis 1975 in dem südhessischen Internat gelebt hatte, sprach von einer „Bringschuld der Schule“. Sie müsse den Missbrauch modellhaft aufarbeiten, um anschließend ein neues Profil finden zu können. Wie das funktionieren könnte, war eine der großen Fragen, über die die Runde diskutierte. Doch vor allem ein Thema wurde immer wieder aufgenommen: Warum all das Geschehene, das „jahrzehntelang nicht aussprechbar war“, wie Kaufmann sagte, so unausgesprochen blieb. Oder nicht gehört wurde.
Ein Schüler berichtet von „permanenten Grenzverletzungen“
Hierzu steuerte der ehemalige Oso-Schüler Quintus von Tiedemann Erschütterndes bei. Er hatte die Jahre 1973 bis 1976 an der Schule verbracht, einen Teil davon in der berüchtigten „Held-Familie“, der Wohngemeinschaft von Schülern mit dem Musiklehrer Wolfgang Held. Diese befand sich im selben Haus wie die Familie des damaligen Schuldirektors Gerold Becker. Beide Pädagogen vergingen sich an ihren Schutzbefohlenen. Als „permanente Grenzverletzungen“ bezeichnete Tiedemann im Gespräch die Dinge, mit denen die Annäherung der Lehrer anfing, beispielsweise Wecken durch Berührungen an Bauch und Oberschenkeln. Schließlich sei er mit Held und anderen Schülern an den Gardasee gefahren, durfte den Lehrer „Wolfgang“ nennen und im Auto vorn sitzen. In das Zelt des 13 Jahre alten Schülers sei schließlich der Lehrer, nur mit einem „kleinen Schlüpfer“ bekleidet, gekrochen und „meinte, mit mir schmusen zu müssen“. Tiedemann berichtet, wie er den Arm des Lehrer wegschlug und flüchtete. Doch als er seiner Familie von dem Erlebten habe berichten wollen, habe der Großvater gesagt: „Sei nicht so spießig.“ Und die Mutter habe es nicht geglaubt.
Solches Verhalten versuchte der Podiumsgast Johannes von Dohnanyi, der von 1967 bis 1971 die Oso besuchte, mit den Traumata der damaligen Elterngeneration zu erklären: „Psychisch Kriegsversehrte“ nannte der Journalist jene, die mit dem gesellschaftlichen Klima in den sechziger und siebziger Jahren nicht klarkamen, auch mit körperlicher Nähe nicht. Der vierte Ehemalige im Bunde, der Theatermacher Thomas Bockelmann, wies zudem auf die Hoffnung vieler Eltern hin, „dass nicht sein kann, was nicht sein darf“. Auch hätten sie viel Geld dafür gezahlt, dass ihnen die Verantwortung für die Kinder abgenommen worden sei. „Die haben uns ja hergebracht, damit sie uns loswerden.“ Bockelmann, einer der engagiertesten Teilnehmer der Runde, brachte das Gespräch auf die Lehrer: Wie konnten die, die nicht selbst Kinder missbrauchten, nichts gewusst haben?
Werbung für Neuanfang an der Schule
Schließlich sangen die Schüler, wie Bockelmann berichtete, zur Melodie des Liedes „Die Vogelhochzeit“ den Vers „Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker“. Über Becker, den Schulleiter, sagte ein ehemaliger Oso-Lehrer aus dem Publikum, sei das Gerücht gegangen, er habe „homophile Neigungen“: „Mehr ist in Gesprächen unter Kollegen nicht gewesen.“ Auf Nachfrage von Fried räumte er ein Erschrecken darüber ein, dass mehr für ihn „nicht erkennbar wurde“. Auf dem Podium waren keine Lehrer vertreten, die sich dazu hätten äußern können. Dafür gab neben Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation „Innocence in Danger“ die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller Auskunft über ihre Arbeit: Sie wertet die Missbrauchserinnerungen ehemaliger Schüler aus. Die Schule spricht von 40 Opfern im Zeitraum von 1966 bis 1991. Gegen elf Lehrer ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Trotz der scharfen Kritik am Missbrauch, die alle Anwesenden äußerten, warben sie auch für einen Neuanfang. „Die Odenwaldschule ist der Tatort – sie ist nicht die Täterin“, sagte Direktorin Kaufmann, die auch einräumte, von den hohen Erwartungen an sie überfordert zu sein, und um Hilfe bat. Dies könnte eine externe Kontrollinstanz leisten, wofür sich auch der Sprecher der Schülervertretung aussprach: Die Schule steht bereits in Kontakt mit „Wildwasser“, einem Verein gegen sexuellen Missbrauch. Eine Anlaufstelle außerhalb der Schule soll es den Jugendlichen erleichtern, sich im Falle eines Missbrauchs jemandem anzuvertrauen. Burgsmüller riet außerdem dazu, jeden Oso-Lehrer einen Verhaltenskodex zu „Nähe und Distanz“ unterschreiben zu lassen: „Eine solche Selbstverpflichtung schreckt Pädophile ab.“ Wer diese nicht einhalte, dem müsse gekündigt werden.

