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Nordhessen Wo Dornröschen wachgeküsst worden sein soll

04.12.2008 ·  Der nördlichste Zipfel Hessens war immer schon attraktiv für Pilger und gutbetuchte Lustreisende. Jetzt möchte Hofgeismars Bürgermeister dort ein Hunderte Millionen teures Ferienprojekt verwirklichen.

Von Claus Peter Müller
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Der oberste Zipfel Hessens, der nördlich von Kassel beginnt, hat seinen ganz eigenen Charme. Der kleine Band „Beberbeck - zwischen Sababurg und Gesundbrunnen“, den Silke Renner herausgegeben hat und der im Euregioverlag erschienen ist, macht Lust, sich auf eine Zeitreise durch diese kleine, im Vergessen versunkene Region zu begeben.

Während Kassel als fränkischer Königshof als Bastion gegen die Sachsen errichtet wurde, die Stadt und das gesamte Kasseler Becken heute dicht besiedelt sind und eine beachtliche Wirtschaftskraft erreicht haben, erscheint die hessische Landschaft nördlich der Benrather Linie, welche Deutschland sprachlich und kulturell in seinen Norden und Süden scheidet, wie menschenleer. Das norddeutsche Deelenhaus prägt das Bild der Dörfer, und seine Bewohner sagen „dat“ und „wat“. Ihr Idiom ist dem der unmittelbar benachbarten Westfalen und Niedersachsen sehr nahe. Im Gegensatz zu den als selbstbewusst, sinnesfroh und überwiegend optimistisch geltenden Westfalen sind die Hessen aber nicht katholisch, sondern protestantisch und eher in sich gekehrt. Man ist streng gegen sich selbst und erwartet die Zukunft stets mit Skepsis.

Gottsbüren wurde Pilgerziel

Bad Karlshafen zum Beispiel ist eine Barockstadt wie aus dem Bilderbuch, aber die Auslagen in den Geschäften und die Gasträume der Restaurants lassen selbst den wohlmeinenden Besucher fürchten, dass sich die Stadt selbst aufgegeben hat. Wie schmuck zeigen sich dagegen Weser abwärts gelegen das kleine Beverungen, die Kreisstadt Höxter und erst recht die stolze Bischofsstadt Paderborn in der westfälischen Nachbarschaft.

Der Nordzipfel Hessens, der im eigenen Lande fremd wirkt, weil er norddeutsch ist, und der den norddeutschen Nachbarn fremd ist, weil er hessisch ist, ist ein Beispiel für Erfolge und Misserfolge der Infrastrukturpolitik. Während die Ansiedlung der Hugenotten in Karlshafen und in den Dörfern um Hofgeismar vor gut 300 Jahren nicht den erhofften wirtschaftlichen Erfolg brachte, und der Kanalbau von der Binnenhafenstadt Karlshafen in Richtung Kassel bald schon ins Stocken kam, war die Region aber immer schon für Reisende, Pilger und Lustreisende attraktiv. Nach den heutigen Begriffen ging es um die organisierte Freizeit wie in einem teuren Ferienclub, um das Dabeisein unter den Reichen der Gesellschaft und schließlich um Wellness.

Im 14. Jahrhundert verhalf das „Wunder von Gottsbüren“ dem kleinen gleichnamigen Ort im Reinhardswald zu großer Bekanntheit und beachtlichem Wohlstand. Rückblickend schreiben Heimathistoriker der Äbtissin des nahen Klosters Lippoldsberg eine „geniale Geschäftsidee“ zu. Um 1330 soll bei Gottsbüren ein Leichnam gefunden worden sein, bei dem es sich um die sterblichen Reste Jesu Christi gehandelt haben soll. Nach einer anderen Darstellung wurde eine Hostie gefunden. Wie auch immer: Gottsbüren wurde jedenfalls für etwa 100 Jahre zum Pilgerziel. Noch heute zeugt die große Wallfahrtskirche in dem kleinen Ort von dessen einstiger Bedeutung für die Pilger im mittelalterlichen Abendland.

Mär von den Riesenschwestern und Dornröschen

Um den Pilgerstrom zu schützen, ließ Balduin von Luxemburg - der als Erzbischof von Trier auch Verwalter des Bistums Mainz war, zu dem die Gegend um Hofgeismar damals gehörte - von 1334 an die Zappenburg, die heutige Sababurg, errichten. Der Geschichte der Burg widmet sich Ulrike Hanschke in dem Buch „Beberbeck“.

Als die Wallfahrt zum Erliegen kam, versank auch die Burg, die sich unterdessen im Besitz der hessischen Landgrafen befand, in Bedeutungslosigkeit. Von der Mitte des 15. Jahrhunderts an setzte sich aber das Jagdregal als landesherrliches Vorrecht durch, begannen die hessischen Landgrafen sich von neuem für die Burg zu interessieren. Sie richteten dort eine Wildpferdezucht ein, indes der Wald mit seinem reichen Tierbestand zur Jagd lockte. Die Sababurg wurde ausgebaut. Es ist auch von einem Neubau die Rede.

Über Jahrhunderte war die Sababurg Jagdschloss und ein Ort höfischer Feste, zu dem die Bewohner und Gäste in großer Zahl regelmäßig anreisten. In unmittelbarer Nachbarschaft entstand von 1570 an ein Tierpark, dessen Geschichte Petra Werner aufgearbeitet hat. Die Tatsache, dass es eine der ersten zoologischen Anlagen in Europa war, zeugt von dem Mut und Selbstvertrauen der damaligen Bauherren. Rückblickend, da die Sababurg und ihr Tierpark zumindest in Fachkreisen als weltberühmt gelten, würde man den Landesherren wohl kaum Größenwahn unterstellen.

Neben den Namen Zappenburg trat jener der Sabbaburg, und eine Sage begann, sich um das Schloss zu ranken. Das Schloss soll von „einer Edlen geistlichen frawe Sabba“ erbaut worden sein, deren Gebeine von übernatürlicher Größe in der Burg gefunden worden sein sollen. Schließlich war gar von den drei Riesenschwestern Saba, Trendela und Brama die Rede. Nachdem die Grimms ihre Hausmärchen geschrieben hatten, kam die Sababurg in den Ruf, dass dort Dornröschen wachgeküsst worden sei.

Villen, Ferienhäuser und eine Seenlandschaft könnten entstehen

Wenige Kilometer westlich der Sababurg liegt das Gut Beberbeck in einer Senke. Kurfürst Wilhelm II von Hessen-Kassel hat den Hof in den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch seinen Oberhofbaumeister Johann Conrad Bromeis erweitern und zum Gestüt ausbauen lassen. Das Gestüt war für die Pferdezucht in Kurhessen von entscheidender Bedeutung, wie Silke Renner schreibt. Es wurde später von den Preußen zu einem ihrer fünf Hauptgestüte ernannt. Es lohnt die phantastische Anlage zu erkunden, sie zu durchschreiten, immer wieder die Perspektive zu wechseln, aber auch den Weg auf eine der Anhöhen zu gehen, um die Anlage in ihrer Tal-Lage zu erfassen. Die klassizistischen Gebäude sind so geschickt gestaffelt, das je eine Baureihe die andere überragt.

Faszinierend und beispielgebend ist schließlich die Geschichte des Gesundbrunnens in Hofgeismar, die Gerd Fenner als ein „Fürstenprojekt des 18. Jahrhunderts“ beschreibt. Den Anfang nahm dieses Infrastrukturprojekt schon im 17. Jahrhundert, als im Tal der Lempe östlich der damaligen Stadt Hofgeismar eine Quelle entdeckt worden war, dessen Wasser heilende Wirkung wider „Krankheiten des Haupts, für die Melancholey, hinfallende Sucht, Catharren, Zahnschmerzen, Seitenstechen, wider die Colic, Würmer, Scharbock, Podagra, Stein, Nierenwehe, Gliedersucht, Lähmung, Blind-, Taub- und Stummheit, auch andere unbekannte Krankheiten“ zugeschrieben worden war. Ein „Zustrom“ auch aus den „entfernteren Gegenden Nord- und Westdeutschlands“ habe eingesetzt. Selbst während des dreißigjährigen Krieges sollen die Menschen zur Kur angereist sein.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts genügten die Bedingungen im Gesundbrunnen nicht mehr den wachsenden Ansprüchen der Badegäste, denn die Touristen wohnten in der Stadt und mussten zum Brunnen weit vor dem Tore. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts ließ Landgraf Karl den Brunnen neu fassen und sogar den Fluss Lempe verlegen. Es entstanden ein Park, eine schlossähnliche Badeanlage und ein Brunnenhaus. „Zunehmend trat nun die Funktion als sommerlicher Treffpunkt von Angehörigen der höfischen und höheren Gesellschaft in den Vordergrund, wobei das heilmedizinische Anliegen mehr als Vorwand diente“, schreibt Fenner. Der Autor berichtet von „Galanteriebuden“, denn Spiel und Tanz seien ein wesentliches Moment des Badelebens gewesen, in dem die Zerstreuungen, die Divertissements, eine große Rolle spielten.

Von „Boutiquen voller Gegenstände des Luxus und des Gebrauchs“ wird berichtet, von Illuminationen und Feuerwerk im Park, von Konzerten und Bällen, Bequemlichkeit und Vergnügen, von französischem Schauspiel, Schießständen, Billiard- und Glücksspiel. Schließlich wird im 19. Jahrhundert sogar ein Bahnhof eingerichtet. Er liegt nahe am Gesundbrunnen und relativ weit entfernt von der Stadt Hofgeismar. Die Bahn sollte also nicht die mittelalterlich geprägte Stadt an das moderne Verkehrsnetz anbinden, sondern der Wellness-Tourismus gab den Ausschlag für die damals hochwertigste technische Erschließung der Region.

Heute hegt Hofgeismars Oberbürgermeister Heinrich Sattler (CDU) einen Traum. Rund um Beberbeck, zwischen dem Gesundbrunnen, der heute im Stadtgebiet von Hofgeismar liegt und die evangelische Akademie beherbergt, und der Sababurg, sollen für mehr als 400 Millionen Euro Hotels, Villen, Ferienhäuser und Appartements, eine Seenlandschaft und Sportstätten entstehen. Binnen zwei Jahren Bauzeit könne die Infrastruktur für 6000 Betten errichtet werden. Im Vier-Stunden-Umkreis um Hofgeismar leben mehr als 80 Millionen Menschen, unter denen es nach Ansicht der Fachleute genügend potentielle Urlaubsgäste gibt.

Es gibt einen Film über Sattler unter dem Titel „Henners Traum“. Journalisten, die den Film sahen, kamen zu dem Schluss, ein ehrgeiziger Kommunalpolitiker verfalle dem Größenwahn und verliere den Blick für die Wirklichkeit. In Kassel war der Film ausverkauft. Man traut sich eben wenig zu. Auch unter den Autoren des Buches „Beberbeck“ ist Skepsis gegen das Vorhaben des Bürgermeisters spürbar. Indes haben eben diese Autoren eine treffliche Analyse der erfolgreichen Infrastrukturprojekte im Nordzipfel Hessens geliefert, an die Sattler nahtlos anknüpft. Freilich sind Urlaub und Zerstreuung in diesen demokratischen Zeiten kein Privileg mehr der höfischen Gesellschaft, sondern Selbstverständlichkeit für Millionen. Entsprechend haben sich die Maßstäbe verschoben, gleichwohl das Ziel der Menschen dasselbe geblieben ist: Sie suchen Divertissements in den jeweiligen Galanteriebuden ihrer Epoche.

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Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.

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