17.08.2010 · Gießener Medizinstudenten können mit blutenden oder atmenden Dummys, von Wiederbelebungen und Narkosen für den späteren Ernstfall üben. Wegen seines umfangreichen Angebots gilt das Simulationszentrum als bundesweit einzigartig.
Von Wolfram AhlersPräzise kommen die Antworten auf Fragen nach Vorerkrankungen, zur Medikamenteneinnahme oder zum bevorstehenden Eingriff. Atmung, Puls und Blutdruck sind stabil, wie ein Blick auf den Monitor zeigt. Tatsächlich liegt nicht wirklich ein Patient auf dem Operationstisch, dem die Narkose verabreicht werden soll. Die Puppe, an der ein Team von angehenden Medizinern den chirurgischen Eingriff vorbereitet, kommt dem lebendigen Vorbild aber bemerkenswert nahe. Die für den Anästhesisten wesentlichen Funktionen des Körpers wie Herzschlag, Atemfrequenz oder auch Stellung der Pupillen als Hinweis auf den Bewusstseinszustand lassen sich an ihr realitätsgerecht darstellen.
Es ist eine Art Hightech-Roboter, ausgestattet mit dem Neuesten, was die Forschung für medizinische Trainingsgeräte zu bieten hat. Dieser Dummy gehört zum Inventar des neuen Gießener Simulationszentrums für Anästhesie und Notfallmedizin am Universitätsklinikum, dessen Einrichtung nach mehreren Monaten vollendet ist. Heute wird diese Ausbildungsstätte, eine der ersten ihrer Art in Hessen und eine der wenigen in Deutschland, in Anwesenheit von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) offiziell eröffnet.
Ausbildung der Studenten näher an der Realität
Erinnerten die Trainingsmöglichkeiten angehender Mediziner für Notfalleinsätze früher eher an die Ausbildung in Erste-Hilfe-Kursen, wie sich ein ehemaliger Student erinnert, erhielt die Gießener Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie schon vor einigen Jahren als Teil eines bundesweiten Forschungsprojekts die ersten Simulatoren der neuen Generation. Später kam weiteres Equipment hinzu, das es gestattete, die praktische Ausbildung der Studenten näher an der Realität zu orientieren, wie der Leiter des Gießener Simulationszentrums, Alin Schaumberg, erläutert.
Diese Fortschritte führten dazu, dass weitere Fördermittel für den Ausbau der Einrichtung unter anderem vom Land flossen. Um noch mehr Apparate anschaffen, das medizinische Training erweitern und zusätzliche Kurse anbieten zu können, entschlossen sich Universität und Klinikum, die Ausbildungsstätte an einem eigenen Standort unterzubringen. Platz bekommen hat das Simulationszentrum in einem Büro- und Praxisgebäude unweit des Universitätsklinikums am Stadtrand.
Dort stehen Räume nicht nur für Reanimationstraining, Anästhesistenausbildung oder Übungen zur Atemwegssicherung zur Verfügung, sondern auch für Auswertung und Vortragsveranstaltungen. Rund 850 000 Euro sind nach Angaben des Dekans des Fachbereichs Medizin, Joachim Kreuder, in den Aufbau des Simulationszentrums investiert worden. Ausbildungskapazitäten bestehen für 120 bis 140 Studenten pro Semester.
Betreut werden die angehenden Mediziner von einem Team aus fünf Ärzten. Dazu kommt mehr als ein Dutzend Studenten höherer Semester, die ihre jüngeren Kommilitonen in der Handhabung der Geräte unterweisen oder aber auch Hilfestellung geben, wenn Komplikationen bei Einsätzen simuliert werden.
Wichtiger Baustein für eine moderne Medizinerausbildung
Ausgestattet sind die Räume nicht nur mit Patientenattrappen unterschiedlicher Funktionen für verschiedene Übungen - darunter befindet sich auch die Nachbildung eines Körpers für spezielles Reanimationstraining von verunglückten Kleinkindern -, sondern auch Video- und Audioanlagen, mit deren Hilfe sich verschiedene Einsatzszenarien darstellen lassen. Etwa einen Freizeitsportler, der beim Joggen am Feldrand einen Herzinfarkt erleidet. Oder ein Unfallopfer, das am Unglücksort reanimiert werden muss. In den Kursusräumen sind zudem überall Kameras und Mikrofone installiert, die das Training aufzeichnen, so dass Übende wie Ausbilder Gelegenheit haben, die Einsätze zu analysieren, um später im Ernstfall Fehler zu vermeiden.
Die Praktika gliedern sich in verschiedene Ausbildungsstufen. So gibt es einen Basiskurs, der mit vergleichsweise wenig Technik auskommt und dem Erste-Hilfe-Training etwa für Rettungsassistenten ähnelt. Das Programm für Fortgeschrittene umfasst all das, was auch von Notärzten verlangt wird. Eine weitere Abteilung ist vor allem der praktischen Ausbildung von Anästhesisten in den höheren Semestern vorbehalten.
Von Studenten, die schon Erfahrungen mit der neuen Einrichtung gemacht haben, wird die realitätsbezogene und komplexe Ausbildung im Gießener Simulationszentrum gelobt und als wichtiger Baustein für eine moderne Medizinerausbildung bezeichnet. Die Klinikleitung plant, die offenkundig vorzüglichen Lernmöglichkeiten des Simulationszentrums nicht nur Studenten vorzubehalten. Geplant sind Aus- und Weiterbildungsangebote auch für Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienstpersonal.
Wolfram Ahlers Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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