08.03.2010 · An der privaten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim sind weitere Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern bekanntgeworden. Die frühere hessische Kultusministerin Wolff weist in der F.A.Z. Vorwürfe zurück, seinerzeit ungenügend reagiert zu haben.
An der privaten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim sind weitere Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern bekanntgeworden. Am Wochenende hätten sich vier weitere ehemalige Schüler gemeldet, sagte die Direktorin des Internats, Margarita Kaufmann, am Montag in Heppenheim. Darunter sei auch eine Frau. „Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte“, sagte Kaufmann. „Wir haben jetzt 24 Fälle, 23 Männer und eine Frau.“
Die Schulleiterin entschuldigte sich auf einer Pressekonferenz in der Schule bei den Opfern: „Das Leid können wir nicht mehr gutmachen. Aber wir können sagen: Wir sehen und wissen, dass es Leid war.“ Der Verdacht richtet sich bisher gegen drei frühere Lehrer, darunter den bekannten Reformpädagogen Gerold B., der die Odenwaldschule von 1972 bis 1985 leitete. Um die damaligen Vorgänge aufzuklären, schrieb die Schulleiterin an die rund 900 Altschüler der betroffenen Jahrgänge aus der Amtszeit ihres tatverdächtigen Vorgängers. An der 1910 gegründeten deutschen Reformschule gilt das Prinzip, gemeinschaftlich zu lernen und zu leben. Die Klassenlehrer der etwa 16 Schüler verschiedener Altersstufen umfassenden „Familien“ fungieren als „Familienoberhäupter“.
Schule der „Mittäterschaft“ bezichtigt
Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt war bereits im August 1999 - und damit einige Monate nach dem Amtsantritt der ehemaligen hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) - eine Strafanzeige gegen den damaligen Internatsleiter eingegangen. Zuvor hatten sich die Schüler im Juni 1998 an die Schule selbst gewandt und sie der „Mittäterschaft“ bezichtigt. Weder der eingeschaltete Trägerverein der Schule noch Gespräche mit dem damaligen Schulleiter hätten indes zur weiteren Aufklärung beigetragen, berichteten Beteiligte damals. B. selbst widersprach bei schulinternen Gesprächen nicht den Vorwürfen und legte als Konsequenz seine Funktionen im Trägerverein nieder. Als Autor bildungspolitischer und reformpädagogischer Schriften sowie als Vortragsredner war B. jedoch bis vor wenigen Jahren in der Öffentlichkeit präsent.
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gab es wegen der Verjährung der Vorfälle damals nicht. Nach einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ erwägen ehemalige Schüler eine Verwaltungsklage gegen das Land Hessen, um Versäumnisse der Politik aufzudecken. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat am Montag gegen Lehrer an der Odenwaldschule ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Nach den Berichten der vergangenen Tage sei nicht auszuschließen, dass es in dem Elite-Internat zu Übergriffen gekommen sei, die nicht verjährt seien, sagte Ger Neuber, ein Sprecher der Behörde. Das bundesweit bekannte Elite-Internat rief alle ehemaligen Schüler aus den Jahren 1970 bis 1985 auf, sich an eine Telefon-Hotline zu wenden.
Frühere Kultusministerin Wolff: „Wir haben damals sofort gehandelt“
Die ehemalige hessische Kultusministerin Karin Wolff sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.), sie habe sich nichts vorzuwerfen. „Wir haben damals sofort gehandelt“. Das staatliche hessische Schulamt Bergstraße/Odenwald hat Ende November 1999 auf Anweisung der damaligen Kultusministerin die Lizenz der privaten Odenwaldschule in Heppenheim überprüft, nachdem dort erstmals Fälle von sexuellem Missbrauch von Schülern durch den früheren Schulleiter Gerold B. bekannt geworden waren. „Ich habe die Prüfung seinerzeit dem Schulamt übertragen“, sagte Frau Wolff im Gespräch mit der F.A.Z. Ihrer Erinnerung nach sei der Schule in freier Trägerschaft die Lizenz nicht entzogen worden, weil die von Altschülern angezeigten Taten nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft verjährt gewesen seien. Zudem habe die Schule „es selbst in die Hand genommen“, die Vorgänge aus der Zeit von 1970 bis 1985 aufzuarbeiten.
Das hessische Kultusministerium hat unterdessen eine Sonderarbeitsgruppe angekündigt, die mögliche Versäumnisse der Schulaufsicht beim Missbrauchsskandal in Heppenheim untersuchen soll. „Wenn es damals tatsächlich Versäumnisse der Schulaufsicht gegeben haben sollte, werden wir genau zu klären haben, wie es dazu kommen konnte“, erklärte die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) am Montag in Wiesbaden. Die Sonderarbeitsgruppe unter Leitung von Staatssekretär Heinz-Wilhelm Brockmann (CDU) werde anhand von Akten und Befragungen ehemaliger Mitarbeiter versuchen, die damaligen Vorgänge zu rekonstruieren.
„Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Aufklärung, müssen dabei aber auch sehr gründlich vorgehen. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass eine genaue Überprüfung des Sachverhalts voraussichtlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird“, erklärte die Ministerin. Sie sei aber zuversichtlich, spätestens in der nächsten Sitzung des Landtags-Schulausschusses am 18. März Ergebnisse vorlegen zu können.
Persönliches Gespräch mit der Schulleiterin
Henzler kündigte noch für Montag ein persönliches Gespräch mit der Leiterin der Odenwaldschule an, um sich aus erster Hand über den aktuellen Sachstand zu informieren. Unabhängig davon werde das Schulamt die Missbrauchsfälle einer juristischen Prüfung unterziehen. „Es ist unsere Pflicht zu prüfen, ob tatsächlich alle nun bekannt gewordenen Fälle verjährt sind. Sollte dies nicht der Fall sein, werden wir umgehend die Staatsanwaltschaft einschalten“, betonte Henzler.
In einem Internet-Blog diskutieren derzeit ehemalige Odenwald-Schüler heftig über das Internat und vor allem dessen ehemaligen Leiter. Um die Vorfälle aus den Siebziger und Achtziger Jahren mit Blick auf das hundertjährige Bestehen in diesem Jahr aufzuarbeiten, hatte die Schule eine moderierte Gesprächsrunde gegründet. Schulleiterin Kaufmann hat aber auf der Internet-Seite der Schule bereits eingestanden, dass das Ausmaß des Missbrauchs größer sei als bisher bekannt. Die vom Pädagogen Paul Geheeb (1879-1961) gegründete Schule, in der das Lernen in der Gemeinschaft im Vordergrund steht, sei „durch die Berichte der Opfer und das Ausmaß der Verbrechen massiv erschüttert und irritiert“.
Schüler hatten „gewisse Ahnungen“
Die Aufklärung wird nach Einschätzung der früheren Schülerin Amelie Fried systematisch vom Vorstand des Trägervereins behindert. Kaufmann habe sich von Beginn stark für die Aufklärung eingesetzt, sagte die TV-Moderatorin und Bestellerautorin dem Radiosender hr1. Sie und ihre Mitschüler hätten damals „gewisse Ahnungen“ gehabt, zumal der beschuldigte Schulleiter ganz offensichtlich seine Günstlinge gehabt habe.
Das ganze Ausmaß sei aber nicht bekannt gewesen. „Als Kind fragt man da nicht nach“, sagte Fried. Grundsätzlich seien Internatsschulen anfällig für solche Ereignisse, da die Generationen eng zusammenlebten. Sie stehe zu der Odenwaldschule mit ihren großen pädagogischen Verdiensten, erklärte Fried. Diese furchtbare Krise bedeute auch eine Chance für die Institution. Sie müsse die Aufklärung so anpacken, dass die Aufarbeitung den Opfern gerecht werde. Auch Wolff warnte davor, Internate wie die Odenwaldschule nun zu verdammen. „Es ist eine legitime Form von Schule und man sollte Internatsschulen jetzt nicht unter Generalverdacht stellen und diejenigen, die dort unterrichten.“
Unterdessen ist eine Debatte über eine längere Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger entbrannt. Für eine entsprechende Verschärfung der Strafgesetze plädierten am Montag Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Justizministerin Beate Merk (beide CSU) wie zuvor schon Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). (Siehe auch: Koalition streitet über Umgang mit Missbrauchsfällen)