07.08.2008 · Neue Lehrer braucht das Land. Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) will auch Rechtsanwälten, Physikern und Übersetzern den Job im Klassenzimmer schmackhaft machen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht das mit einiger Skepsis.
Von Ralf EulerAuf der Suche nach neuen Lehrern für die hessischen Schulen will die Landesregierung verstärkt auf Bewerber setzen, die über keine klassische pädagogische Ausbildung verfügen. Dies könnten beispielsweise Übersetzer, Personen mit einer im Ausland erworbenen Lehrbefähigung, Rechtsanwälte oder auch Diplom-Mathematiker, Chemiker oder Physiker sein, sagte Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) gestern in Wiesbaden.
Quereinsteiger nicht als Notlösung gedacht
Schon in diesem Jahr hätten sich beim Sonderbeauftragten für die Lehrereinstellung etwa 2200 solcher Interessenten gemeldet, von denen man nach sorgfältiger Einzelfallprüfung und intensiven Gesprächen rund 1400 als für den Schuldienst geeignet befunden habe. Die Bewerbungen seien an die staatlichen Schulämter weitergeleitet worden, 189 hätten einen Angestelltenvertrag erhalten und sich verpflichtet, sich pädagogisch weiterzuqualifizieren. Sollten sich diese Kandidaten als Lehrer bewähren, könnten sie später in ein Beamtenverhältnis übernommen werden.
Nicht zuletzt dank der Berücksichtigung solcher Bewerbergruppen sei es in diesem Jahr gelungen, den Bedarf auch in den „Mangelfächern“ Physik und Chemie an Haupt- und Realschulen und Gymnasien, Religion an Gymnasien sowie Elektrotechnik an den beruflichen Schulen zu decken, äußerte Banzer. Der neue Kurs bei der Einstellung sei alles andere als eine Notlösung, denn auf diese Weise erhielten die Schulen die Chance, dauerhaft qualifizierte Kräfte mit einer besonderen Lebenserfahrung und Berufspraxis für ihre Arbeit zu gewinnen.
700 neue Lehrer-Stellen geschaffen
Letztlich müssten die Schulleiter darüber befinden, ob ein Kandidat dauerhaft für ihre Schule in Frage komme. In Zusammenarbeit mit den Studienseminaren, dem Amt für Lehrerbildung und den Hochschulen sei man im Ministerium schon dabei, individuelle Qualifizierungsangebote und Fortbildungsverpflichtungen zu entwickeln, um solche Bewerber auf eine dauerhafte Tätigkeit im Schuldienst vorzubereiten. „Wir haben die quantitative Herausforderung nicht mit qualitativen Zugeständnissen erkauft.“ Letztlich, so der Minister, werde mit dem Einsatz von nicht speziell ausgebildeten Lehrern sogar ein Beitrag zur „Erdung von Schule“ geleistet, von dem die Schüler durchaus profitieren könnten.
Nach Darstellung von Banzer hat das Land zum Schuljahresbeginn fast 2200 neue Lehrer eingestellt, weitere 600 Stellen seien zum 1. Februar zu besetzen. Verrechnet mit der Zahl der in Ruhestand gehenden Pädagogen, gebe es dann unter dem Strich rund 700 Lehrer mehr als bisher. Maximal 40 Stellen in ganz Hessen seien noch unbesetzt, weil Bewerber nicht zum Dienst erschienen seien oder es den Schulämtern trotz aller Anstrengung nicht gelungen sei, einen geeigneten Kandidaten zu gewinnen.
Junge Pädagogen aus anderen Bundesländern begehrt
Kritik an der angeblichen Abwerbung von Lehrern aus anderen Bundesländern wies der Minister zurück. Es falle ihm schwer, eine solche Argumentation „intellektuell zu erfassen“, denn schließlich müsse der Wettbewerb um die besten Lehrer doch im Interesse aller für die Bildungspolitik Verantwortlichen liegen. Nach Angaben seines Ministeriums kamen zum neuen Schuljahr 234 Lehrer aus anderen Bundesländern nach Hessen, vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, die meisten davon nach dem Referendariat.
Nach den heftigen schulpolitischen Diskussionen vor dem Sommer sei das Schuljahr ruhig angelaufen, befand der Minister. Er werde sich bemühen, die „Linie des Diskurses und des Dialogs“ fortzuführen. Entschlossen angehen wolle er unter anderem die verbesserte Förderung schwächerer Schüler und den Einstieg in kleinere Klassengrößen, zudem seien Vorschläge zur Zukunft der Haupt- und Realschulen sowie für mehr Selbständigkeit von Schulen zu erwarten.
Opposition und GEW mahnen weitere Verbesserungen an
Die Liberalen warnten Banzer davor, zu sehr auf Quereinsteiger in den Lehrerberuf zu setzen. Dies könne nur eine Notlösung sein, befand die schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Dorothea Henzler, sonst würden das Lehramtsstudium abgewertet und der zweijährige „schlecht bezahlte“ Vorbereitungsdienst zunehmend unattraktiv. SPD und Grüne wiesen darauf hin, dass Banzer bisher lediglich Korrekturen an der verkürzten Gymnasialschulzeit G8 vorgenommen habe. Viele der sonstigen Verbesserungen zum neuen Schuljahr seien trotz und nicht wegen des Kultusministers in Kraft getreten, sagte der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Mathias Wagner. So wäre beispielsweise die Rückkehr von 22 kooperativen Gesamtschulen zur G9-Regelung ohne ein von den Grünen vorgelegtes Gesetz nicht möglich gewesen.
Die Linkspartei mahnte eine Reform des gesamten Schulsystems an. Die CDU stehe für eine Politik der Elitenförderung, bei der die Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund oder aus ärmeren Familien aus dem Blickfeld gerieten. „Das heißt Abbau von Bildungshürden für wenige und Aufbau derselben für die Mehrheit“, äußerte die Abgeordnete Barbara Cárdenas. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies darauf hin, dass es weiterhin überfüllte Klassen und nicht genügend Lehrkräfte gebe. Wenn Berufsfremde mit Werbekampagnen an die Schulen gelockt würden, so der GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel, müsse sichergestellt sein, dass diese zunächst ein strukturiertes pädagogisches Qualifizierungsprogramm durchliefen. „Niemand käme schließlich auf die Idee, ohne die entsprechende Ausbildung Flugbegleiter zu Piloten oder Krankenpfleger zu Ärzten zu machen.“
"Lehrermangel" - Katalogsprache und Kaisers Neue Kleider
Marko Hrbat (Hrbat)
- 07.08.2008, 22:40 Uhr
Quereinsteiger hat es immer schon gegeben!
Eckhard Schmidt (eckhard43)
- 08.08.2008, 00:43 Uhr