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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Landwirtschaft unter Druck „Feind hoher Milchpreise sind hohe Milchpreise“

24.04.2009 ·  Wieder ziehen Landwirte auf die Straße, um für höhere Milchpreise zu demonstrieren. Dass sie so niedrig sind, hat viele Gründe. Der Bauernverband fordert staatliche Hilfen, wie etwa eine niedrigere Biodiesel-Steuer.

Von Thorsten Winter
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Wie sich die Bilder doch gleichen: Wie vor knapp einem Jahr fahren Milchbauern bei Molkereien vor und fordern wieder höhere Preise für ihre Erzeugnisse. Die Vorzeichen des Protests haben sich aber deutlich geändert. Vor Jahresfrist zahlten die Molkereien in Hessen und andernorts noch gut zehn Cent mehr als derzeit – weil sie dem Einzelhandel höhere Abnahmepreise hatten abringen können. Nun fürchten vier von fünf Milchbauern um ihre wirtschaftliche Existenz, wie der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sagt. Denn der Wind am Markt hat sich gedreht.

Weil die Preise gestiegen sind, haben Landwirte mehr Milch zu den verarbeitenden Betrieben wie etwa Schwälbchen oder Hochwald gefahren. Viele Verbraucher haben die höheren Preise für Milch, Joghurt oder Butter nicht ohne Murren geschluckt – sondern am Kühlregal seltener zugegriffen. Auch ist die Nachfrage aus der Industrie eingeknickt und der Export aus Hessen stark zurückgegangen, wie Schwälbchen-Vorstand Günter Berz-List sagt. All dies hat die Preise unter Druck gesetzt.

Terrainverluste beim Export

Frank Jäger vom Hessischen Bauernverband stimmt der Marktanalyse des Molkerei-Chefs aus Bad Schwalbach zu. „Der Feind hoher Preise sind hohe Preise – das zeigen die Daten der Gesellschaft für Konsumforschung ganz deutlich“, sagt der Referent für tierische Veredlung. Im Umkehrschluss müsste nun langsam wieder der Konsum in der Bevölkerung steigen, auf den 40 Prozent der Milchmenge entfällt – ebensoviel wie auf den Export innerhalb Europas. Ob die Erzeuger aber verlorene Kunden in der Industrie alsbald wieder gewinnen können, zieht Jäger in Zweifel. Gebäck- und Eiscremehersteller hätten Milchfett- und Molkepulver als Rohstoffe in großem Maße gegen pflanzliche Produkte ersetzt. „Und wenn die Rezepturen erst geändert sind, ist es sehr schwer, da wieder mit Milchprodukten ’reinzukommen“, so Jäger. Und das wiegt schwer, da die Bauern gemeinhin etwa zehn Prozent der Milch an die Industrie verkauften.

Zu allem Überfluss hat der zwischenzeitlich schwache Dollar den heimischen Erzeugern den internationalen Export stark erschwert. Denn verliert die Handelswährung Dollar zum Euro an Boden, erhalten die deutschen Exporte weniger Euro für den Dollar. Dann stehen sie vor der Wahl, Mindereinnahmen hinzunehmen oder die Preise in Dollar heraufzusetzen. In solchen Fällen haben prinzipiell in Dollar rechnende Erzeuger einen Wettbewerbsvorteil. Da verwundert es nicht, dass Landwirte mit Sitz in den Vereinigten Staaten ihre Ausfuhren in den Nahen Osten laut Jäger zuletzt um „mehrere tausend Prozent gesteigert haben“.

„Wir produzieren nicht zu viel“

Keine Schuld für die gesunkenen Preise gibt Jäger dagegen der von der Europäischen Union zuletzt um 2,5 Prozent erhöhten Milchquote, nach der 28 Millionen Tonnen Milch oder 28 Milliarden Liter hierzulande gemolken werden dürfen. Das sind zwar rund 0,7 Millionen Tonnen mehr als zuvor – allerdings hätten die Bauern bisher ohnehin fünf Millionen Tonnen weniger angeliefert als erlaubt. Gleichzeitig liege der Konsum etwa fünf Prozent unter dem Vorjahresniveau. „Wir produzieren nicht zuviel, sondern haben ein Absatzproblem“, folgert Jäger, dessen Branche einer weiteren Erhöhung der Milchquote um jeweils einen Prozentpunkt bis 2014 entgegensieht. Von 2015 an gibt die EU keine Mengen mehr vor. Derzeit werden in Hessen eine Milliarde Liter Milch im Jahr gemolken – ein Fünftel davon verarbeiten Molkereien mit Sitz in Hessen, im Wesentlichen Schwälbchen, wie der Referent sagt.

Ebenso wie der Schwälbchen-Chef und die Konkurrenz vom Verband der Milchviehhalter warnt der Bauernverband vor einem Milchbauernsterben. Sie fordert kurzfristige „Liquiditätshilfen“ etwa in Form verbilligter Kredite und niedrigerer Steuern auf Biodiesel. Begründung: Hierlande seien 40 Cent Steuern je Liter fällig, in Frankfurt aber nur 0,6 Cent. Der Schwälbchen-Chef fordert derweil von Molkereien, die sich weder Spezialitäten herstellen noch stark im Export sind, „sich mehr einfallen zu lassen, als einen Liter H-Milch oder einen Block Käse herzustellen“. Auf diese Weise könnte sie für Mehrwert sorgen.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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