13.10.2009 · Die Aussichten für Schulabgänger in Hessen haben sich trotz der Wirtschaftskrise deutlich verbessert. Derzeit stehen 637 unversorgten Bewerbern noch 1310 freie Lehrstellen gegenüber. Der DGB spricht indes von Schönrechnerei.
Von Jochen RemmertDie Zahl der von der hessischen Wirtschaft bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsplätze ist rückläufig. Nach der von der Arbeitsverwaltung veröffentlichten Ausbildungsmarktbilanz lag die Zahl der von Oktober 2008 bis Ende September gemeldeten 32233 Lehrstellen um fast 3000 oder 8,4 Prozent unter der im voran gegangenen Ausbildungsjahr 2007/2008.
Dass die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur dennoch von einer entspannten Lage auf dem Ausbildungsmarkt spricht, liegt daran, dass die Zahl der in der Statistik erfassten Bewerber auf eine solche Stelle im Vorjahresvergleich noch stärker geschrumpft ist als das Angebot. 35952 junge Frauen und Männern auf Lehrstellensuche bedeuten ein Minus von 13,4 Prozent oder 5581 Bewerbern.
Wolfgang Forell, Leiter der Regionaldirektion, rechnete vor, dass jeder einzelne der noch verbliebenen unversorgten jungen Leute zumindest statistisch in der komfortablen Situation sei, zwischen zwei offenen Stellen wählen zu können. Tatsächlich weist die Bilanz der Regionaldirektion 637 Bewerber und 1310 noch offene Ausbildungsplätze aus.
DGB sieht Schönrechnerei
Forell sieht in diesen Zahlen eine sich stabilisierende Tendenz. Die Vermutung, dies könnten Auswirkungen des demographischen Wandels sein, weist er allerdings ausdrücklich zurück. Mit dessen Folgen sei in Hessen erst um 2015 zu rechnen. Der aktuelle Rückgang bei den Bewerbern liegt seiner Ansicht nach vielmehr in der bei den jungen Frauen und Männern zunehmenden Neigung begründet, sich etwa Fach- und Fachhochschulen weiter zu qualifizieren, um später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Auf Nachfrage gab Forell gleichwohl zu, dass es abgesehen von den 637 unversorgten Bewerbern alleine in Hessen noch rund 3000 junge Leute gibt, die eine sogenannte Einstiegsqualifizierung erhalten oder in anderen anderen Fördermaßnahmen untergebracht sind. Hinzu kommen diejenigen, die außerbetrieblich eine Ausbildung in Einrichtungen gemeinnütziger Träger erhalten.
Stefan Körzell, DGB-Vorsitzender in Hessen und Thüringen, teilt angesichts dessen die positive Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit nicht: „Die Schönrechnerei muss ein Ende haben“, sagt er. Viele der jungen Leute besuchten nicht deshalb weiterhin die Schule, weil sie sich weiter qualifizieren wollten, sondern weil sie keine Chance mehr sähen, in einem der von ihnen angestrebten Berufen doch noch einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Unternehmerverbände rügen DGB
Mit dieser nachvollziehbaren Entscheidung der jungen Leute würde dann das Land „zum Ausfallbürgen“, weil es eben doch nicht genügend Ausbildungsplätze mit Perspektive in den Unternehmen gebe. Es werde lediglich verschleiert, dass die Unternehmen ihre Zusagen aus dem Pakt für Ausbildung doch nicht eingehalten hätten.
Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) hält der Kritik des DGB entgegen, dass er nach wie vor eine Teilnahme an den Verhandlungen zum hessischen Pakt für Ausbildung ablehne. Diese Vereinbarung zwischen Politik und Wirtschaft habe sich als sinnvoll erwiesen. VhU-Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender teilt denn auch die Einschätzung des DGB nicht, sondern spricht von einer erfreulichen Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt. Nach Ansicht Fasbenders gibt es ausreichend Ausbildungsplätze. Es gehe nun darum, die Ausbildungsqualität zu steigern. Das Schulsystem müsse verbessert werden, um es auch jungen Leuten mit Defiziten zu ermöglichen, trotzdem eine gute Qualifikation zu erwerben.