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Kunstbiennale "Vogelfrei" : Jäger und Sammler im alten Park

Wald-und-Wiesen-Kunst: Regina Frank auf ihrer Solarbank in der Ausstellung „Vogelfrei- Jäger und Sammler” Bild: Cornelia Sick

Die Kunstbiennale „Vogelfrei“ findet in diesem Jahr im Jagdschloss Kranichstein statt. 20 Künstler präsentieren mehr als 30 Kunstwerke.

          Claudia Kappenberg und Dorothea Seror üben ihr Waidmannshandwerk gleich am Eingang des Schlossparks aus. Wie viele „Schlachttiere“ sie auf der grünen Wiese aufgereiht haben, wissen die beiden zwar selbst nicht genau. Aber es sind die unterschiedlichsten Arten darunter, kleine Walfische ebenso wie Enten und Elefanten. Sie alle erwartet das gleiche Schicksal, manche hat es am Donnerstag schon beim Aufbau des „White Market“ erwischt: Aufgespießt hingen mehrere Tierköpfe auf der eisernen, spitzen Parkumzäunung.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Kappenberg und Seror sind zwei von insgesamt 20 Künstlern aus sechs Ländern, die an der Kunstbiennale „Vogelfrei“ im Park und Museum von Jagdschloss Kranichstein teilnehmen. Dass die beiden als Sammlerinnen auftreten, kommt nicht von ungefähr. Erstens steht die Wiederverwertung von Alltagsgegenständen ständig im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Zweitens lautet das Motto der diesjährigen Vogelfrei-Ausstellung „Jäger und Sammler“. Passend zur Historie des Jagdschlosses beschäftigt sich ihr Kranichsteiner Kunstprojekt daher mit Tieren – und zwar mit Stofftieren. Zahllose ausrangierte Plüschtiere haben die beiden Frauen nach einem Aufruf von Darmstädter Bürgern zugeschickt bekommen.

          17 Außeninstallationen im Park

          Allen diesen einstigen Kuschelbären und Knuddelhasen wird es in den nächsten Wochen im „White Market“ so ergehen, wie es einst den Hirschen, Hasen und Wildschweinen unter den Darmstädter Landgrafen erging. Nur dass sie nicht zu Wildbret verarbeitet oder als Trophäen gesammelt, sondern die abgetrennten Köpfe in einer Wurfbude aufgestellt und am Ende die Plüschbälge zu amorphen Kunstgebilden umgestaltet werden.

          Die Kunstbiennale Vogelfrei veranstaltet der Verein Zentrum für Kunst und Natur seit 1995 alle zwei Jahre. Angefangen hat Kuratorin Ute Ritschel in Privatgärten. Aber auch das Darmstädter Schloss und das Wissenschafts- und Kongresszentrum haben schon als „Galerie“ gedient, in der die Künstler Objekte mit direktem Bezug zum ausgewählten Ort zeigen konnten. Im Kranichsteiner Renaissanceschloss, das im 17. Jahrhundert unter den Darmstädter Landgrafen zum Zentrum höfischer Jagdkultur wurde und das sich heute mit seinen umfangreichen Sammlungen von Trophäen und Gemälden im Eigentum der Stiftung Hessischer Jägerhof befindet, sind nun erstmals bis zum 2. Oktober 17 Außeninstallationen im weitläufigen Park und 14 Kunstwerke im Museum zu sehen, die auf unterschiedlichste Weise sich mit der Jagd- und Sammelleidenschaft auseinandersetzen.

          Kritischer Umgang mit der Jagd- und Sammelleidenschaft

          Für Ono Faller vom Jagdschloss besteht genau darin der Reiz: „So etwas hatten wir noch nie. Bislang haben wir immer für Ausstellungen im Park die passenden Künstler gesucht. Diesmal ist es so, dass die Künstler die für das Jagdschloss passenden Kunstwerke schaffen.“ Auch für Ritschel stellt „Vogelfrei 9“ eine Besonderheit dar, da es bislang noch nie möglich gewesen sei, über drei Monate auszustellen: „In den Privatgärten waren es früher fast immer nur zwei Wochen.“ Für das Zentrum für Kunst und Natur, dem Verein für Internationale Waldkunst und das Jagdschloss-Museum als Organisatoren stelle das eine große Herausforderung dar angesichts des umfangreichen Begleitprogramms: Führungen an allen Samstagen und Sonntagen, elf Künstlergespräche und fünf Vorträge (weitere Informationen unter www.vogelfrei.info).

          Der Umgang mit der Jagd- und Sammelleidenschaft ist bei Vogelfrei 9 kritisch, verspielt und überaus vielfältig. Der Biologie Lutz Nevermann thematisiert die verheerenden Folgen der industriellen Fischerei für die Zivilisation, indem er Christusfiguren und Madonnenhände als Symbole abendländischer Kultur eisgekühlt in Styroporkästen als „Meeresfrüchte“ in einer „Fischtheke“ anbietet. Regina Frank hat eine „Solarbank“ in Gestalt einer Mohnblüte gestaltet, die erkennbar Sonnenlicht „sammelt“ und in Lichtspiralen und Lichtpunkte leitet. Elisabeth Frassine zeigt das höhere Ordnungsprinzip einer häuslichen Sammlerin: Unterschiedlichste Materialien von Stoffresten bis Getreidesorten stopfte sie in Glasbehälter, die sie zu einer Spirale formte, deren innere Systematik das Farbspektrum der Dinge darstellt. Von Waldtraut Frese finden sich im Park verstreut Verkehrsschilder mit Hirschmotiven, von Anjali Göbel unter dem Titel „Sautod“ geflochtene Schießscharten, Doro Hülder wiederum will Besucher zur Reflektion über die Brutalität früherer Hetzjagd durch reflektierende Warnwesten anregen, die sie Bäumen rund um einen „Schneisenstern“ in grellen Farben verpasst hat. Auch im Schlossinneren halten die Künstler Zwiesprache mit der Geschichte des Ortes: So nehmen im Hirschsaal an Gabriele Juvans „Tischgesellschaft“ die auf Acryltafeln gedruckten Silhouetten archaischer Jäger und Sammler teil.

          Ritschel selbst wird sich in den nächsten drei Monaten wohl ebenfalls aufs Sammeln verlegen – auf das Sammeln von Eintrittsgeldern. Da mehr als 50 Prozent des Budgets von Vogelfrei dadurch erwirtschaftet werden müssen, hofft sie, dass viele Gäste den „Dauerbutton“ für zehn Euro (der mehrmalige Besuche gestattet) oder sogar den „Förderbutton“ (inklusive Katalog) für 20 Euro erwerben.

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