21.11.2010 · Kristina Schröder hat die Gunst der Basis und der Kanzlerin. Aber in der hessischen CDU löst ihr Aufstieg in die Bundespolitik und zur Familienministerin nicht nur Freude aus. Hier erntete Schröder bei ihrem Amtsantritt kaum Jubel.
Von Ewald Hetrodt, WiesbadenDass sie das mal erleben würden, hätten die Senioren der Evangelischen Altenhilfe in Wiesbaden wohl nicht gedacht: Auf der Bank in ihrem Garten saßen im Sommer 2009 die Familienministerin Ursula von der Leyen und die Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler (beide CDU). Dabei war nicht zu überhören, dass die 32 Jahre alte Köhler nicht nur Politik im Sinn hatte. Die Gesellschaft habe nur dann eine gute Zukunft, wenn die Jüngeren bereit seien, Kinder in die Welt zu setzen, dozierte von der Leyen gerade. Als sie dann in der ihr eigenen Art über ihre Nachbarin hinwegstrahlte, reagierte die spontan: „Das wollen wir doch auch.“
Mit Kinderwünschen muss sich die zierliche Blonde jetzt erst einmal regierungsamtlich auseinandersetzen. Seit einem Jahr ist sie Bundesfamilienministerin, seit neun Monaten heißt sie nicht mehr Köhler. Denn sie hat den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium Ole Schröder geheiratet. Dass sie sich spätestens seit dem Ende der Flitterwochen einem außergewöhnlichen Härtetest ausgesetzt sieht, liegt nicht an ihrem Ressort, sondern an der personellen Konstellation. Denn da ist zunächst Ursula von der Leyen, ihre Vorgängerin im Familienministerium. Die Mutter von sieben Kindern wechselte zwar ins Arbeitsressort, will aber partout von ihren alten Themen nicht lassen. Noch in der vergangenen Woche erwähnte die Arbeitsministerin in ihrer Vorstellungsrede auf dem Karlsruher CDU-Parteitag ihr eigenes Ressort kaum. Dafür philosophierte sie umso ausführlicher über „unsere Kinder“.
Als Vertreterin Hessens im Bundeskabinett beerbt Schröder außerdem den früheren Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Ihr Aufstieg ist untrennbar verbunden mit dem durch die Kundus-Affäre bedingten Rücktritt des in der CDU beliebten Winzersohns aus dem Rheingau - in der Partei in Hessen löste die Personalie Schröder kaum Jubel aus.
Die Kanzlerin stellte sich in seltener Klarheit auf Schröders Seite
Roland Koch erinnerte in drastischer Form an diese Hypothek, als er sich Mitte Juni von der CDU in Hessen verabschiedete. Er lobte die Professionalität, mit der die neue Bundesministerin ihre Aufgaben erfülle, fügte aber hinzu, dass er es lieber gesehen hätte, wenn sein Freund Jung noch Minister wäre. Schröder blickte starr vor sich hin. Ein schärferer Vorstoß in dieselbe Richtung lag zu diesem Zeitpunkt schon einen Monat zurück: Indem Koch Mitte Mai den Krippenausbau in Frage gestellt hatte, hatte er auf ein Vorhaben der Bundesregierung gezielt, für dessen planmäßige Verwirklichung die aus seinem Landesverband stammende Familienministerin verantwortlich ist.
Dass die von Koch selbst jahrzehntelang beschworene Solidarität der hessischen CDU in diesem Fall nicht zum Tragen kam, könnte mit einem eigentlich vertraulichen Hintergrundgespräch mit Kristina Schröder zusammenhängen, das eine Woche zuvor in einer Wiesbadener Journalistenrunde stattgefunden hatte: Auf die Frage nach den Umständen ihrer Berufung hatte die heutige Familienministerin in diesem Gespräch geantwortet, dass der hessische CDU-Vorsitzende Koch nicht die Gelegenheit gehabt habe, eigene Personalvorschläge zu machen. Nun ist es zwar unstrittig, dass die Kanzlerin Koch erst anrief, als sie ihre Wahl für Schröder schon getroffen hatte. Aber dass auch noch die breite Öffentlichkeit von der Nebenrolle des Ministerpräsidenten erfuhr, lag an einem Redakteur einer Lokalzeitung, der das entgegen der Verabredung zur Vertraulichkeit am nächsten Tag in seinem Blatt publizierte. Das konnte Koch nicht gefallen; angekreidet wurde es Schröder.
Kochs fahrlässiges Hantieren mit den Krippenplätzen schadete indes am Ende nicht der Familienministerin, sondern ihm. Denn die Kanzlerin stellte sich in seltener Klarheit auf Schröders Seite, nachdem die ihrem Landesvorsitzenden tagelang entschieden und öffentlich widersprochen hatte. Auch das war ein ungewöhnlicher Vorgang in der Ära Koch. Schröder lobt dessen politische Intellektualität bis heute über die Maßen. So kann reden, wer gewonnen hat.
Geblieben ist ihr immenser Fleiß
Auch die hessische CDU ist nicht auf Krawall aus. „Wir sind stolz, diese Bundesministerin in unseren Reihen zu haben“, verkündet Generalsekretär Peter Beuth. Er preist Schröders Professionalität, ihren Einsatz und ihre Vernetzung in der Landespartei. Das persönliche Verhältnis zwischen dem heutigen Parteichef und hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und Kristina Schröder ist allerdings beileibe nicht von einer so hohen Wertschätzung geprägt. Neben Jung hat Bouffier die Landesministerinnen Lucia Puttrich und Eva Kühne-Hörmann als stellvertretende CDU-Vorsitzende vorgeschlagen und nicht Schröder. Der ist vor allem ihr Wiesbadener Wahlkreis wichtig. Wie fest sie dort verankert ist, belegt der aufrichtige Stolz, mit dem politische Füchse wie der CDU-Kreisvorsitzende Horst Klee und der CDU-Fraktionsvorsitzende im Rathaus, Bernhard Lorenz, gelegentlich daran erinnern, dass sie im Jahr 2002 die damals 25 Jahre alte Vorsitzende der Jungen Union zum ersten Mal als Bundestagskandidatin durchgesetzt hätten.
Die zurückliegenden acht Jahre haben Kristina Schröder anscheinend gutgetan. Der gelegentliche Eindruck einer gewissen Hyperaktivität ist einer erstaunlichen Gelassenheit gewichen. Die gehörige Portion Verantwortung, die dem so ehrgeizigen wie rastlosen Energiebündel aufgebürdet wurde, verleiht offenbar Bodenhaftung. Geblieben ist ihr immenser Fleiß. Während die über die Landesliste in den Bundestag eingezogene frühere Entwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) pflichtgemäß ihre letzten Runden durch den Wahlkreis dreht und der FDP-Abgeordnete Wolfgang Gerhardt sich gelegentlich im feinen Kurviertel blicken lässt, durchpflügt Schröder die Stadt, als stünde die nächste Bundestagswahl vor der Tür.
Dabei warten in Berlin die Bundeskanzlerin und der Ehemann. Sie ist in Hamburg geboren, er stammt aus Pinneberg. Der nüchterne Menschenschlag liegt der
Wiesbadenerin. Sie ist stolz, dass Merkel sich bei der Frage, wie das
Elterngeld zu kürzen sei, ihr fachliches Votum voll zu eigen gemacht habe. Im
Übrigen gefalle es der Kanzlerin, dass sie vor Journalisten nicht ihr
Privatleben ausbreite, vermutet Schröder lächelnd. An der Organisation ihrer Zweisamkeit sind viele beteiligt. Die Sekretariate der beiden Schröders in den beiden Ministerien gleichen ihre Daten ständig ab. „Gemeinsame Wochenenden werden in beiden Häusern manchmal schon ein halbes Jahr im Voraus blockiert“, erzählt die Ministerin. Beispielsweise steht schon seit langem fest, dass das Ehepaar Schröder am 5. Februar zum „Ball des Sports“ in die Wiesbadener Rhein-Main-Hallen kommt.
Einkaufslisten entstehen am Computer
Ihren privaten Alltag jenseits des Regierungsviertels organisiert die Frau, die auch kochen kann, nach eigenen Worten generalstabsmäßig. Einkaufslisten entstehen am Computer und werden online übermittelt. Den gerade abgeschlossenen Umzug in den Berliner Stadtteil Charlottenburg hätte das junge Paar aber nicht bewältigt, wenn nicht Schröders Eltern, Maklerin und Oberamtsanwalt, aus Wiesbaden angereist wären, um die Handwerker einzuweisen.
Die Tochter hält es für einen großen Vorteil, denselben Beruf auszuüben wie der Ehepartner. „Wir wissen immer ganz genau, was der andere gerade macht und wie er sich dabei fühlt.“ Wie lange die beiden ihr Leben noch in der Politik verbringen, lässt Schröder offen. Für ihr Amt gilt nur: „Dreißig Jahre lang kann man das nicht machen.“ Und danach? Die promovierte Politikwissenschaftlerin, die an der Wiesbadener Dilthey-Schule ein Abitur mit der Gesamtnote 1,1 hingelegt hat, denkt ausnahmsweise einmal laut nach: „Meine Leidenschaft sind die empirischen Sozialwissenschaften“, sagt sie. Und klingt beinahe wie eine Physikerin.
Mal wieder typisch RMZ
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 21.11.2010, 18:16 Uhr
und sie ist Ministerin, weil...
Gisela Unbesorgt (giseun)
- 21.11.2010, 18:53 Uhr
zwei passende Zitat von Tschernomyrdin
Walter Gerhartz (GWalter)
- 22.11.2010, 14:31 Uhr