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Kloster Altenberg Umzug zum Lebensabend

04.08.2009 ·  Die Diakonissen verlassen ihr Mutterhaus im Kloster Altenberg. Nach Umbau und Renovierung eröffnet dort eine Begegnungsstätte. Auch die Fachhochschule Gießen-Friedberg siedelt sich dort an.

Von Wolfgang Ahlers, Solms
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In der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Klosteranlage Altenberg schließt demnächst ein bedeutendes Kapitel: Nach mehr als 50 Jahren verlassen die Schwestern der Königsberger Diakonie ihr Mutterhaus auf dem Altenberg. Damit verbunden ist auch die Schließung eines Alten- und Pflegeheims, das die als gemeinnützige GmbH geführte Königsberger Diakonie mit Geschäftssitz in Wetzlar dort betreibt.

Dann soll sich für das Jahrhunderte alte Anwesen in der Nähe des Solmser Ortsteils Oberbiel, oberhalb des Lahntals, wieder einmal Vieles ändern. Nach Sanierung und Umbau will die Diakonie dort ein Begegnungszentrum einrichten; einen anderen Teil des Gebäudes übernimmt die Fachhochschule Gießen-Friedberg, die in attraktivem Ambiente Tagungen und Seminare für Studenten und Wirtschaftsvertreter anbieten will.

Regeln der Gemeinschaft

Leicht sei ihnen der Entschluss nicht gefallen, das Domizil ihrer Lebens- und Glaubensgemeinschaft nach Jahrzehnten aufzugeben, sagt Oberin Hannelore Skorzinski. Zumal ihnen die Königsberger Diakonie nach Angaben ihres theologischen Leiters, Pfarrer Jörn Contag, einen Gebäudeflügel als sogenanntes Feierabendheim herrichten wollte. Beim Konvent entschieden sich die Diakonissen jedoch zum Umzug; sie wollen ihren Lebensabend nun in einem der Alten- und Pflegeheime verbringen, das die Königsberger Diakonie in Wetzlar betreibt.

„Es gibt dazu keine Alternative“, sagt die Oberin, denn die Zahl der Bewohnerinnen des Mutterhauses auf dem Altenberg ist im Laufe der Jahre immer weiter gesunken, zugleich stieg der Altersdurchschnitt. Nur noch elf Schwestern leben heute im Mutterhaus, die jüngste ist 69 Jahre alt, die älteste 102. Zu den Regeln der Gemeinschaft zählt zwar die gegenseitige Unterstützung im Krankheitsfall, mehr als die Hälfte der Schwestern sei jedoch pflegebedürftig. Betreuung rund um die Uhr, sagt die 70 Jahre alte Oberin, sei mit dem Ende des dem Mutterhaus angeschlossenen Heims auf dem Altenberg nicht mehr möglich.

Flucht und Vertreibung

Der Umzug nach Wetzlar bedeutet für die Altenberger Schwestern die letzte Station eines bewegten Lebens. Von ihrem Diakonissenverband entsandt, engagierten sie sich an vielen Orten nicht nur in Deutschland für den „Dienst der Nächstenliebe“, arbeiteten in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, in Waisenhäusern und Kindergärten oder in der Ausbildung des Nachwuchses.

Auch die Kriegswirren mit Flucht und Vertreibung vom Stammsitz in Königsberg haben die ältesten Schwestern noch miterlebt. Die Königsberger Diakonie entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Initiative des sozial engagierten Pfarrers Theodor Fliedner in der größten Stadt Ostpreußens, wo zuletzt annähernd 800 Diakonissen tätig waren.

Tatkräftige Helferinnen für einen Neuaufbau

Mit Kriegsende und der sowjetischen Besetzung des nördlichen Ostpreußens flüchteten viele in den Westen. Andere aber blieben noch. Wer nicht in Gefangenschaft geriet, pflegte Verwundete, Alte und Kranke, bis die neuen Machthaber diesem Einsatz mit der Ausweisung 1948 ein Ende bereiteten. In mehr als 40 Mutterhäusern, Kirchengemeinden oder Flüchtlingslagern in mehr als 200 Orten fanden Königsberger Diakonissen nach dem Krieg Aufnahme, wie aus den von Oberin Hannelore Skorzinski verwalteten Unterlagen hervorgeht.

Bestrebungen scheiterten, in Berlin ein neues Mutterhaus einzurichten, weil sich in der geteilten Stadt kein geeignetes Domizil fand. Nach mehreren vergeblichen Anläufen anderenorts wurde die Diakonieleitung am Ende in Mittelhessen fündig. Krankenhaus, Alten- und Kinderheim in Wetzlar warben um die Dienste der Diakonissen. Im nahe gelegenen Altenberg waren die Diakonissen auch als tatkräftige Helferinnen für einen Neuaufbau gefragt. Ein Brand hatte Anfang der fünfziger Jahre große Teile der ehemaligen Stiftsbauten in Schutt und Asche gelegt, wo sich bis dato ein Kindererholungsheim der evangelischen Kirche befand.

Kulturelle und spirituelle Angebote

Auf der Suche nach Partnern für den Wiederaufbau und für eine Nachfolgeeinrichtung einigte sich der Besitzer des Anwesens, das Haus Solms-Braunfels, mit der Königsberger Diakonie auf einen Erbbaurechtsvertrag. Bis 1955 wurden die Ruinen für die Schwestern als Mutterhaus wieder aufgebaut; dort lebten in manchen Jahren weit mehr als hundert Bewohnerinnen. Hervorgegangen aus der Selbsthilfe der Schwestern, kam später ein Alten- und Pflegeheim hinzu, das jedermann offensteht, sowie ein Ausbildungstrakt für Hauswirtschaft. Seit dem Neuanfang nach dem Kriege hat sich die Königsberger Diakonie mit etwa 500 Mitarbeitern mit Häusern in Wetzlar, Solms, Braunfels und Hüttenberg zu einer der größten Sozialeinrichtungen im Lahn-Dill-Kreis entwickelt.

Nach Renovierung und Umbau der früheren Stiftsgebäude, die aus verschiedenen Jahrhunderten stammen, wird sich die Diakonie auf dem Altenberg mit kulturellen und spirituellen Angeboten engagieren. Nach Auskunft von Pfarrer Contag sollen Kirche, Säle und Höfe für Musik- und Theaterdarbietungen hergerichtet werden. Andere Räume stehen für Seminare zu religiösen und ethischen Fragen oder für die Fortbildung von Mitarbeitern der Kirche zur Verfügung.

Bauarbeiten im nächsten Jahr

Geplant ist außerdem, im ehemaligen Torhaus nach früheren Vorbildern eine Herberge für Pilger einzurichten. In der anderen Hälfte der gut 3.000 Quadratmeter umfassenden Gebäude kommt die Fachhochschule Gießen-Friedberg unter, die dort Veranstaltungen für die Ausbildungsgänge des Dualen Studiums abhalten will. Schon seit einigen Jahren nutzt die Fachhochschule mehrere Räume des alten Stifts für den Austausch von Studenten, Dozenten und Unternehmensleitern. Altenberg soll nach Auskunft von Fachhochschul-Vizepräsident Harald Danne ausgebaut werden für die Modellstudienfächer Wirtschaftsethik und Unternehmensführung sowie für die Weiterbildung von Firmenmitarbeiter zu aktuellen Themen der Forschung.

Rund fünfeinhalb Millionen Euro sind an Kosten insgesamt veranschlagt. Sofern die Finanzierung bis dahin gesichert ist – die Fachhochschulleitung verhandelt noch mit der Landesregierung –, sollen die Bauarbeiten im nächsten Jahr beginnen. Schon im Spätsommer verlassen Diakonissen und Heimbewohner den Altenberg.

Vom Frauenkloster zum Hofgut

Das ehemalige Stift Altenberg und insbesondere die gotische Klosterkirche mit ihren kostbaren mittelalterlichen Wandmalereien zählen zu den bedeutendsten Baudenkmälern dieser Art in Hessen. Die Anfänge der Anlage lassen sich bis ins späte 12. Jahrhundert verfolgen. Nach bescheidenen Anfängen wurde das Anwesen der Prämonstratenserinnen im 13. Jahrhundert beträchtlich erweitert. Dazu trug den Chroniken zufolge vor allem die zu dieser Zeit amtierende Meisterin des Klosters, Gertrud, bei. Sie setzte sich für den Ausbau des Klosters ein und widmete sich, wie ihre Mutter, die heilige Elisabeth, besonders der Hilfe für Arme und der Pflege von Kranken. Diese Wohltätigkeiten brachten dem Kloster beachtliche Schenkungen ein, die zur wirtschaftlichen Blüte führten. Unter Meisterin Gertrud entstand als architektonisches Prunkstück des Stifts die stattliche Klosterkirche, die um 1270 geweiht wurde.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Kloster mehrfach geplündert und in Teilen beschädigt. Die Ordensfrauen mussten sich zeitweise anderswo in Sicherheit bringen. Schon vorher hatte das Kloster an Bedeutung verloren. Gleichwohl konnte das Stift seine Selbständigkeit durch kaiserliche Privilegien, die noch aus der Anfangszeit stammten, über Jahrhunderte bewahren. Daran änderte auch die Reformation nichts, die zum Glaubenswechsel in den meisten Städten und Dörfern rund um das Kloster führte. Erst 1803, mit dem Reichsdeputationshauptschluss, kam das Ende des Klosters Altenberg. Das Anwesen mit seinem land- und forstwirtschaftlichen Besitz wurde dem Fürstenhaus zu Solms-Braunfels übereignet, der Sakralbau der evangelischen Kirche zugewiesen. Die Ländereien wurden zum Hofgut Altenberg zusammengefasst, das noch heute besteht. Erster Gutsverwalter war der Vater von Friederike Fliedner, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Theologen Theodor Fliedner, zu den Gründern der Diakonissen-Anstalten zählte.

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