25.11.2009 · Bald werden Autos miteinander sprechen. „Achtung, Vollbremsung“, meldet ein Wagen den Nachfolgenden. Dank „Diamant“ können die Fahrer schnell reagieren.
Von Hans Riebsamen, RüsselsheimAn der Autobahn 648 nach Frankfurt warnt eine Frauenstimme: „Achtung! Pannenfahrzeug“. Tatsächlich steht neben der Fahrbahn ein Opel Corsa mit eingeschaltetem Blinklicht. Das System funktioniert also tatsächlich. Der simulierte Pannenwagen hat dem vorbeifahrenden Testfahrzeug schon aus großer Entfernung per Funk die Botschaft übermittelt: „Pass auf! Ich bin liegengeblieben.“ Später, auf der A 5 bei Frankfurt-Niederrad, meldet der Monitor dem Fahrer: „Höchstgeschwindigkeit 120“, danach auf der A 3 bei Kelsterbach: „Seitenstreifen freigegeben“.
„Diamant“, der neueste Trumpf im Programm „Staufreies Hessen 2015“, macht’s möglich. Der ausgeschriebene Name ist fast so kompliziert wie das intelligente System, das er bezeichnet: „Dynamische Information und Anwendungen zur Mobilitätssicherung mit Adaptiven Netzwerken und Telematikinfrastruktur“. Wolfgang Schuster, Chef der Dambach-Werke, hat eine verständliche Übersetzung gefunden: „Mehr sofort verfügbare Informationen machen das Autofahren sicherer und staufreier.“
Roland Koch am Steuer
Dank „Diamant“ können die Autos miteinander kommunizieren. Macht ein Fahrer eine Vollbremsung, schickt sein Wagen den Nachfolgenden in Zehntelsekundenschnelle eine Warnung auf deren Display. Auf diese Weise kann man Auffahrunfälle verhindern. Irgendwann in absehbarer Zeit. Denn noch steckt „Diamant“ in der Testphase. Weil man auf einer normalen Autobahn aus Sicherheitsgründen nicht einfach zu Demonstrationszwecken eine Vollbremsung hinlegen kann, demonstrieren Ingenieure die Warnfähigkeiten von „Diamant“ auf einem Parkplatz des Werksgeländes von Opel in Rüsselsheim. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) saß persönlich hinter dem Steuer eines Diamant-Wagens und hat sich davon überzeugt, dass die Erfinder nicht zu viel versprochen haben.
Dass dieses neuartige Assistenzsystem für Autofahrer vor dem Adam-Opel-Haus vorgestellt wurde, ist kein Zufall. Denn Opel ist einer der vier Partner, die dieses technologische Kunststück ersonnen haben. Die anderen sind die Continental AG, die Dambach-Werke und das hessische Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen.
Alles nur Simulation
Die Straßenbauer des Landes haben schon eine Referenzstrecke eingerichtet, sie führt von der Verkehrszentrale Hessen in Rödelheim über die A 5 zum Frankfurter Kreuz, von dort auf der A3 bis zum Mönchhof-Dreieck und weiter über die A 67 bis nach Rüsselsheim. Entlang dieser Route hat das Landesamt mehr als ein Dutzend „Road-Side-Units“ installiert. Die Diamant-Wagen kommunizieren auch mit diesen Sende- und Empfangsgeräten entlang der Straße. Sie signalisieren unserem Testauto auf der A 3: „Fünf Minuten bis zum Mönchhof-Dreieck.“ Dritter Dialogpartner im Diamant-System ist die Verkehrszentrale Hessen. Sie erhält laufend von den Autos und den „Road-Side-Units“ Informationen, verarbeitet diese in ihren Rechnern und zieht Schlüsse oder verfasst Empfehlungen, die sie an die Autos weiterleitet oder in den Verkehrsfunk einspeist.
Noch ist alles nur Simulation. Doch es dürfte gar nicht mehr lange dauern, bis viele oder am Ende gar fast alle Autos mit einem intelligenten System wie „Diamant“ ausgerüstet sein werden. „Geben Sie uns noch ein Jahr Zeit für Tests, dann wird Diamant vermutlich bald in Serie gehen“, sagte Hans Demant, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Adam Opel GmbH.
Eigene Ohren
Dann wird hoffentlich Schluss sein mit Geisterfahrern und Massenkarambolagen. Denn „Diamant“ meldet bei Regen und Wind, bei Hagel und Nebel: „Achtung! Sie fahren falsch auf die Autobahn auf“ oder „Vorsicht! Sie nähern sich einem Stau.“ Das neue System, das Autos kommunizieren lässt und mit den „Road-Side-Units“ eigene Ohren besitzt, dürfte das Autofahren sicherer machen. „Es wird sehr viele Menschenleben retten“, sagt Ministerpräsident Koch voraus.