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Im Gespräch: Thorsten Schäfer-Gümbel „Ich bin kein Platzhalter für Andrea Ypsilanti“

09.11.2008 ·  Thorsten Schäfer-Gümbel will in 70 Tagen unter Beweis stellen, dass er sich mit Ministerpräsident Koch messen kann. Im Interview spricht er über die Arbeitsteilung mit Andrea Ypsilanti und seine geringe Bekanntheit, die er nicht unbedingt als Nachteil sieht.

Von Peter Lückemeier und Helmut Schwan
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Thorsten Schäfer-Gümbel will in 70 Tagen unter Beweis stellen, dass er sich mit Ministerpräsident Koch messen kann. Im Interview spricht er über die Arbeitsteilung mit Andrea Ypsilanti und seine geringe Bekanntheit, die er nicht unbedingt als Nachteil sieht.

Wann hat Andrea Ypsilanti Ihnen mitgeteilt, dass sie Sie zum Spitzenkandidaten für die Neuwahl des Landtags vorschlagen wird?

Wir haben am Freitagabend telefoniert.

Wie war Ihre spontane Reaktion?

Sehr überrascht.

Bauchschmerzen?

Wenn man eine solche Aufgabe angetragen bekommt, dann mischen sich Stolz und Demut. Natürlich sind auch Bauchschmerzen dabei, ob man dem gewachsen ist.

Da hatte sich auch nichts angedeutet?

Nein, weil wir alle dachten, Andrea Ypsilanti macht weiter.

Oder der nordhessische SPD-Vorsitzende Manfred Schaub übernimmt?

Das war offensichtlich eine Variante, die in der Diskussion war. Aber es war auch die Frage, wie wir uns strategisch aufstellen. Und die Frage ist eben so entschieden worden, dass wir in den Generationenwechsel gehen.

Sie sind weitgehend unbekannt. Wären Sie beleidigt, wenn Sie als Hinterbänkler bezeichnet würden?

Sie würden mich nie fragen, ob ich Teamspieler bin? Genau darum geht es aber in der Fraktion. Klare Strukturen, klare Aufgaben, sonst funktioniert es nicht. Die Übersetzung für Hinterbänkler ist im richtigen Leben Teamspieler, insofern bin ich nicht beleidigt. Wenn aber die Beschreibung abwertend gemeint ist, dann ist sie falsch, weil alle wissen, dass meine Rolle in der Fraktion alles andere als die eines Hinterbänklers ist, auch wenn ich keine Funktion bekleide. Ich bin sicherlich einer der Kommunikatoren. Und ich halte mir zugute, viele wichtige politische Projekte initiiert oder begleitet zu haben.

Zum Beispiel?

Da ist die Regionalreform, das Thema Gute Arbeit, das heißt Vorschläge für die Regulierung der Leiharbeit und die Einführung des Mindestlohns. Das ist im Wesentlichen über mich in der Fraktion organisiert und vorbereitet worden. Bis hin zur Internationalen Bauausstellung. Das sind zwar keine Themen, mit denen man sich in der Tagesschau wiederfindet, die aber wichtig sind für unser Land. Ähnliches gilt für Anstöße im Bereich der Technologiepolitik, wo schon länger einer meiner Schwerpunkte liegt.

Könnten Sie sich damit abfinden, als linker Pragmatiker bezeichnet zu werden?

Damit kann ich sehr gut leben.

Wie muss man sich die Arbeitsteilung im Wahlkampf vorstellen: Ypsilanti formuliert die Ziele, und Sie vertreten sie nach außen?

Meine Zusammenarbeit mit Andrea Ypsilanti ist sehr gut. Sie wollen aber eigentlich wissen, ob ich nur ein Platzhalter bin? Die Antwort lautet nein. Ich bin Spitzenkandidat und bin damit für die Taktzahl verantwortlich. Es haben sich viele über die Nominierung gewundert, und noch mehr werden sich über meine Eigenständigkeit wundern.

Was heißt das?

Ich habe schon am Samstag ein „Zukunftsteam“ angekündigt, ein Schattenkabinett. Die Stellung als Spitzenkandidat gilt auch für die programmatische Weiterentwicklung. Der Finanzplatz Frankfurt in der Krise des Finanzmarktes wird beispielsweise ein Thema sein, das wir bisher noch gar nicht auf der Agenda haben konnten. Natürlich habe ich auch noch weitaus mehr Vorstellungen. Aber ich bin gerade einmal 36 Stunden in dieser Position und muss nun das, wofür andere ein Jahr zur Verfügung hatten, in sieben Tagen lösen.

Sie stehen als Spitzenkandidat in einer Reihe mit großen Sozialdemokraten wie Zinn, Börner oder auch Eichel. Wie gehen Sie damit um?

Wie gesagt: eine Mischung aus Stolz und Demut. Ich habe großen Respekt davor, dass mir diese Aufgabe angetragen wurde. Aber ich sehe auch, wie schwer die Bürde ist, die damit verbunden ist.

Nach einer ganz bösen Lesart der Personalentscheidung heißt es: Ypsilanti ist für diesen Wahlkampf verbrannt, sie schlägt daher Schäfer-Gümbel vor, der verliert und Ypsilanti kann danach wieder als Hoffnungsträgerin der hessischen SPD dastehen. Wie sehen Sie das?

Da kann ich nur sagen: Wir haben gestern von einem Generationenwechsel gesprochen. Und der ist ganz sicher nicht auf 70 Tage angelegt.

Nehmen wir mal an, Sie würden die Wahl nicht gewinnen und es würde auch zu keiner Koalition unter Führung der SPD kommen. Wo sehen Sie sich dann? Als Fraktionsvorsitzender oder als Parteivorsitzender

Ich sehe mich ganz sicher in einer zentralen Rolle in der hessischen SPD. Aber die Frage stellt sich im Moment nicht. Wir haben unglaublich wenig Zeit für eine unglaublich große Aufgabe. Daher werde ich mich mit allen Nebensächlichkeiten nicht beschäftigen, sondern mich auf das große Ziel konzentrieren.

Sie haben drei Kinder. Wie alt sind die?

10 und 6 Jahre und 16 Monate.

Was sagt die Zehnjährige dazu?

Die ist sehr aufgeregt, zumal sie auch schon politisch interessiert ist. Sie hat mich schon im Sommer gefragt, wie lange ich noch machen wolle, weil sie daran denke, meine Nachfolge anzutreten. Aber natürlich werden meine Kinder in diesem Wahlkampf keine Rolle spielen.

Für Außenstehende erscheint es als Himmelfahrtskommando, nach dem Desaster von zwei gescheiterten Wahlen Ypsilantis zur Ministerpräsidentin Spitzenkandidat der hessischen SPD zu werden. Warum machen Sie es trotzdem? Lieben Sie das Risiko?

Ich bin ein Typ, der große Herausforderungen nicht scheut und genügend Selbstbewusstsein hat, in schwierigen Situationen Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, das ist derzeit die richtige Mischung.

In Ihrem Wahlkreis, Gießen II, ist Innenminister Bouffier Kandidat der CDU. Trauen Sie sich zu, diesmal den Wahlkreis direkt zu gewinnen?

Das wird schwer. Wir haben am 27. Januar ein gutes Ergebnis erzielt. Der Favorit bleibt in Gießen Bouffier, auch, weil seine Familie dort seit Jahrzehnten das politische Geschäft auf der konservativen Seite bestimmt.

Sie sehen aber nach Ihren Aussagen durchaus Chancen, die CDU landesweit zu übertrumpfen. Worauf gründet Ihr Optimismus?

Die Hoffnung ist, dass wir bald wieder in der Lage sind, über Themen zu reden und nicht nur über Wortbruch. Weil unsere Themen nicht nur populär, sondern auch richtig sind. Das hatte sich ja am 27. Januar gezeigt. Außerdem: Ich bin unbekannt. Ganz viele sind daran interessiert: Wer ist das, was will der? Und da kann ein kurzer Wahlkampf sogar günstiger sein als ein langer.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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