Home
http://www.faz.net/-gzm-119c6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Jürgen Banzer „Hauptschulabschluss hat Perspektive“

07.12.2008 ·  Im Falle eines Wahlsieges der CDU bei der anstehenden Landtagswahl soll Jürgen Banzer Kultusminister in Hessen bleiben. Im Interview spricht er über Systemfragen, die verkürzte Gymnasialzeit und den potentiellen Partner FDP.

Von Jacqueline Vogt und Ralf Euler
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Im Falle eines Wahlsieges der CDU bei der anstehenden Landtagswahl soll Jürgen Banzer Kultusminister in Hessen bleiben. Im Interview spricht er über Systemfragen, die verkürzte Gymnasialzeit und den potentiellen Partner FDP.

Ministerpräsident Roland Koch hat angekündigt, dass Sie im Falle eines Wahlsieges der CDU das Amt des Kultusministers weiterführen und das Justizressort abgeben sollen. Empfinden Sie das als Bestrafung?

Nein, gar nicht. Eine besondere Herausforderung ist das schon, aber es ist auch eine so spannende Aufgabe, dass ich mich über diese Entscheidung freue.

Die SPD geht in den Landtagswahlkampf mit der Forderung nach „einer Schule für alle“, die Grünen wollen die „Neue Schule“. Wie heißt Ihr Konzept?

Ich will eine möglichst differenzierte Schule für Schülerinnen und Schüler, so unterschiedlich, wie diese eben sind.

Das ist das Plädoyer für den Erhalt des dreigliedrigen Systems.

Im Ergebnis ja. Aber mir geht es nicht so sehr um das Schulsystem als um die Einsicht, dass Menschen unterschiedliche Kompetenzen haben. Ich glaube nicht, dass ich Menschen mehr gerecht werde, wenn ich eine Struktur schaffe, bei der es weniger Abschlüsse gibt. Selbst die SPD will ja nicht den Hauptschulabschluss abschaffen, sondern nur die Hauptschule.

Sie selbst haben in den vergangenen Monaten die Frage gestellt, ob die Hauptschule als eigenständige Schulform weitergeführt werden müsse.

Man muss zwischen Schulorganisation und Schulabschluss unterscheiden. Ich werde ein Konzept vorlegen, das vorsieht, einen Eingang und zwei Ausgänge zu schaffen, vielleicht mehr als zwei. Das heißt, die Schüler, die nicht klar gymnasial sind, besuchen gemeinsam eine Schulform, etwa eine Kooperation von Haupt- und Realschule, nennen wir sie mal „Qualifizierungsschule“. In einer Kompetenzstufe Klasse fünf und sechs werden die Schülerinnen und Schüler auf erweiterte Weise gefördert, und wir beginnen mit der Differenzierung, um ihnen dann bestmögliche Bildungsabschlüsse zu ermöglichen. An dieser Position halte ich fest.

Dehnen Sie nicht manchmal Ihr Wertesystem? In Frankfurt haben Sie in dieser Woche zwei reinen Hauptschulen die Bildung weiterer Klassen gestattet, obwohl so wenige Kinder angemeldet sind, dass die Richtwerte für Klassengrößen nicht erreicht werden. War das eine Konzession an jene in Ihrer Partei, die strikt gegen die Abschaffung der Hauptschule sind?

Nein. Ich fordere nur das Einhalten der Spielregeln. Es gibt einen Schulentwicklungsplan in Frankfurt, in dem sind Hauptschulen vorgesehen. Wenn es nur noch Gesamtschulen geben soll, müsste die Stadt den Schulentwicklungsplan entsprechend ändern. Mir leuchtet unter den gegebenen Umständen zum Beispiel nicht ein, dass man die Klasse fünf an einer Hauptschule nicht mehr vorsehen soll, aber keine Antwort darauf hat, was mit den Rückläufern aus der Realschule im Jahrgang sieben passiert. Ich sage deshalb nur: Wenn sich zum Beispiel für die fünfte Klasse einer Hauptschule neun Kinder anmelden würden, dann werden wir solche Klassen zulassen. Weil wir sicher sind, dass wir spätestens zwei Jahre danach 15 oder 20 Schüler haben werden. Und die Option darauf will ich nicht auf kaltem Wege abgeschafft wissen.

Einem Schulentwicklungsplan für Frankfurt, in dem keine Hauptschulen mehr enthalten wären, würden Sie aber zustimmen?

Das kommt sehr darauf an, wie der Plan aussieht. Das muss ein Gesamtkonzept sein. Ich glaube nicht, dass das ein Konzept sein wird, in dem keine Hauptschulen mehr stehen, das entspräche nicht der kommunalpolitischen Realität in Frankfurt. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass die Hauptschule in der Lage ist, bestimmte Schüler am besten zu fördern, so gut wie keine andere Schulorganisation. Deshalb halte ich an dieser Schulform mit großem Engagement fest. Das Problem ist die Anschlussfähigkeit. Dass nur etwa zehn Prozent aller Berufsbildungsverhältnisse Hauptschulzugänge zulassen, das kann nicht so bleiben.

Wie wollen Sie daran arbeiten?

Kein Abschluss ohne Anschluss. Das muss das entscheidende Kriterium sein. Ich bin optimistisch, dass wir mit der Wirtschaft eine Lösung finden werden. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, der Agentur für Arbeit und den Schulträgern werden künftig alle Hauptschulen in Hessen die sehr erfolgreichen Schubklassen anbieten. Die Lehrpläne werden wir in Kooperation mit der Wirtschaft stärker an der Arbeits- und Lebenswelt orientieren. Zudem werden wir Pilotprojekte angehen, bei dem nach entsprechender auch praktischer Berufsorientierung schon deutlich vor dem Schulabschluss ein Ausbildungsvertrag geschlossen wird. Auf diese Weise können wir Eltern und Schülern klarmachen, dass der Hauptschulabschluss als Ausbildungsbefähigungsnachweis eine echte Perspektive bietet.

Gesetzt den Fall, Sie bleiben Kultusminister. Wird es weitere Nachbesserungen an der verkürzten Gymnasialzeit, an G8, geben?

Ich habe kein Problem damit, meine bisherigen Maßnahmen auch weiterhin zur Diskussion zu stellen. Ich meine, dass die Diskussion, wie G8 organisiert werden kann, noch nicht beendet ist Wir diskutieren aber inzwischen immerhin sehr viel gelassener über das Thema als noch vor ein paar Monaten. Ich glaube, dass das, was jetzt als Stoff vorgesehen ist, in acht Jahren bewältigt werden kann. Aber ich bin nicht sicher, ob schon alle Möglichkeiten genutzt werden, G8 freier zu organisieren als noch im Frühjahr. Das fängt beim Umfang des Unterrichts an Nachmittagen an und geht bis hin zur Frage, ob wirklich die gestrafften Lehrpläne Unterrichtsgrundlage sind. Wir wollen künftig ja mit dem Abitur einen definierten Kompetenzstandard erreichen und nicht mehr einen bestimmten Wissensstand.

Sehen Sie die Bildungsstandards für alle Schulformen in ganz Deutschland für 2011 feststehen, so wie es die Kultusminister-Konferenz geplant hat?

Nein, das sehe ich nicht. Für die Umstellung von Wissensorientierung auf Kompetenzorientierung werden wir bestimmt noch fünf Jahre brauchen. Dass Veränderungen im Bildungssystem Zeit brauchen, um Wirkung zu zeigen, das haben wir doch schon bei der Schulleistungsstudie Pisa, bei der Mathematik-Studie Timms oder bei der Grundschzulstudie Iglu gesehen. Und wir werden nächste Woche aktuelle Ergebnisse von Timms und Iglu bekommen, die dies mit Sicherheit auch wieder bestätigen. Das müssen wir uns dann ganz genau anschauen.

Die FDP hat in dieser Woche ihr Programm für eine bessere Schule vorgestellt und fordert mehr Eigenverantwortung, mehr Ganztagsschulen, eine hundertfünfprozentige Lehrerversorgung. Wäre das mit Ihnen durchzusetzen?

Ich habe drei Hauptziele für die hessischen Schulen: Mehr Ressourcen, mehr Selbständigkeit und mehr Qualität. Die Selbständigkeit der Schulen halte ich für alternativlos, denn nur so kann ich sicher sein, dass knappe Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden. 105 Prozent Lehrerversorgung – das ist eine schicke Forderung der FDP, die aber in ihrer Undifferenziertheit auch nachdenklich macht. Wenn wir eine Grundschule in Frankfurt haben, der ich mehr Lehrkräfte zur Verfügung stellen will: Sollen es dann dort genauso die 105 Prozent sein wie bei einer Grundschule in Mittelhessen mit einer ganz anderen Schülerschaft?

Was wäre ein besserer Maßstab für die Verteilung der Mittel?

Die Frage ist beispielsweise, wie definiere ich den Lehrerbedarf? So wie jetzt nach Klassen oder nach anderen Vorgaben? Ich glaube, wir sollten künftig den Lehrerbedarf verstärkt nach der Zusammensetzung der Schülerschaft definieren und hinsichtlich darauf, dass wir ein differenziertes Schulangebot auch in Gegenden sicherstellen müssen, in denen es immer weniger Schülerinnen und Schüler gibt.

Sie können sich also vorstellen, die Stellenzuweisung nicht mehr an die Klassen, sondern an die Schülerzahl zu koppeln und eine Art Sozialfaktor einzuführen?

Ja.

Die FDP will seit langem ein verpflichtendes Vorschuljahr für Fünfjährige einführen, die sogenannte Kinderschule. Was halten Sie davon?

Der Übergang vom Kindergarten zur Schule ist eigentlich die wichtigste Baustelle im Bildungsangebot. Da ist das FDP-Modell eine interessante Diskussionsgrundlage, die allerdings sehr viele Fragen bei der praktischen Umsetzung aufwirft.

Wann werden in Hessen Lehrer arbeiten, die vor Beginn ihres Studiums einen Eignungstest gemacht haben?

Ich bin kein Anhänger der Determinierung von Lebensläufen durch Tests. Ich glaube vielmehr, dass wir Strukturen in das Studium hineinbekommen müssen, die Studenten rechtzeitig erkennen lassen, ob sie den lebenslangen Belastungen und Herausforderungen des Lehrerberufs gewachsen sind. Das könnte so aussehen, dass die Studenten beispielsweise im dritten Semester ein halbes Jahr in einer Schule mitarbeiten und den Schulalltag miterleben.

Die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Dorothea Henzler, gibt Ihnen für Ihre bisherige Arbeit als Kultusminister die Note „ausreichend bis mangelhaft“. Ärgert Sie diese Einschätzung einer potentiellen Koalitionspartnerin?

Nein. Ich denke, wir lassen besser die Wählerinnen und Wähler über meine Arbeit entscheiden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1960, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr