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Trotz Widerstand : Hünfeld-Dammersbach erhält weitere Windkraftanlagen

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Zwei Windräder stehen bereits im Wald von Hünfeld-Dammersbach - und weitere sollen trotz Protest folgen. Bild: dpa

Naturschützer und einige Bürger stemmen sich gegen den Ausbau der Windenergie. In Hünfeld-Dammersbach wollten sie weitere Anlagen verhindern - vergeblich.

          Der Ausbau der Windkraft wird von der Politik als Ersatz-Technologie für die auslaufende Atomenergie forciert. Immer neue Gebiete werden für die riesigen, weithin sichtbaren Windräder ausgewiesen - auch in Hessen. Für Nord- und Osthessen wurden am Freitag die Vorranggebiete für die weitere potenzielle Windkraft-Nutzung festgelegt. Es sind 169 Vorranggebiete mit einer Gesamtfläche von rund 16 600 Hektar geworden, verteilt auf sechs Landkreise, wie das Regierungspräsidium (RP) Kassel mitteilte.

          Die Regionalversammlung Nordhessen verabschiedete am Freitag in Kassel den über Jahre diskutierten Teilregionalplan Energie. Damit werden zwei Prozent der Fläche im Regierungsbezirk für die Windkraft reserviert. Ob überall dort, wo Gebiete ausgewiesen werden, tatsächlich Windräder errichtet werden, ist damit aber nicht zwangsläufig verbunden. Sie stehen aber zur Verfügung.

          Tiefe Enttäuschung über die Entscheidung

          Bange Blicke nach Kassel richteten am Freitag Bewohner in Nord- und Osthessen. Vielen Bürgern sind die nicht selten 200 Meter hohen Windräder ein Dorn im Auge. Sie schimpfen gegen die optische Verschandelung der Landschaft, Schallemissionen und vieles mehr. Einer, der gegen Windenergie und Ausbaupläne vorgeht, ist Siegfried Bug. Der 60 Jahre alte Mann ist parteiloser Ortvorsteher im kleinen Hünfelder Ortsteil Dammersbach. Er ist auch Vorsitzender der Bürgerinitiative, die sich seit langem gegen die Windkraft wehrt. Für ihn ist ein Ausbau ohne ausreichende Bürgerbeteiligung und ohne Achtung von Mensch, Flora und Fauna der falscher Weg.

          Nahe Dammersbach stehen bereits drei etwa 200 Meter hohe Windräder auf der Rotlöwenkuppe. Laut dem am Freitag beschlossenen Teilregionalplan sind Gebiete Hünfelds als Vorrangfläche ausgewiesen. Es drohen nun bis zu 21 weitere Windkraftanlagen auf der Rotlöwenkuppe und der nahen Roßkuppe, wie Bug erklärt. „Das wäre für Dammersbach eine Katastrophe. Der Ort würde wegen der besonderen Tallage regelrecht erdrückt.“

          Die Entscheidung der Politiker in der Regionalversammlung nahm Bug am Freitagnachmittag „frustriert“ zur Kenntnis: „Wir sind tief enttäuscht und sind davon überzeugt, dass mit weiterer Windkraft Schaden für Menschen und Natur entsteht.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt aber: Das RP hat in seiner Flächenbewertung des 237 Hektar großen Gebiets auf Hindernisse hingewiesen, die Windenergie-Projekte für Investoren unattraktiv machen könnten.

          „Die Nachbarn bekommen das Geld, und wir haben den Schaden“

          Die Menschen in Dammersbach wehren sich gegen die Windenergie, weil die Anlagen aus ihrer Sicht die Landschaft verunstalten, den Blick in die Ferne beeinträchtigen und für Schattenwurf und Lärm in der Talkessellage des Ortes sorgen. Bitter auch: Da die drei bestehenden Anlagen auf dem Gebiet im benachbarten Hofbieber-Traisbach stehen, verdient Dammersbach nicht einmal an den Windrädern. „Die Nachbarn bekommen das Geld, und wir haben den Schaden“, kritisiert Bug.

          Die Stadt Hünfeld fühlt sich von der Windenergie verhältnismäßig stark belastet, wie ein Sprecher sagt. Da an anderen Orten im Landkreis - etwa im Kerngebiet des Biosphärenreservats Rhön - Windkraft nicht vorgesehen ist, müssen an anderen Stellen mehr Vorranggebiete ausgewiesen werden. Weiterer Kritikpunkt: Der Windertrag sei rund um Dammersbach recht gering. Bug: „Leider werden Windräder nicht dort gebaut, wo sie am meisten bringen.“

          Ein wichtiges Argument der Dammersbacher gegen die Windkraft ist der Tierschutz. Im betroffenen Gebiet leben Schwarzstörche und Rotmilane in einer Dichte, wie fast nirgendwo sonst in der hessischen Rhön, wie Bug erläutert. Auch die Vorkommen der geschützten und seltenen Großen Bartfledermaus müssten geschützt werden. Deswegen dürften auf der Roßkuppe und der Rotlöwenkuppe keine weiteren Windräder gebaut werden. „Mehrere Gutachten zeigen, dass es sich bei diesem Gebiet um ein für den Naturschutz hochsensiblen Raum handelt“, versichert der Ortsvorsteher.

          Schutz der Natur müsse Vorrang haben

          Im Kampf gegen die Windkraft hat deswegen die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) gegen das RP Kassel als Genehmigungsbehörde geklagt. Der Rechtsstreit ist beim Verwaltungsgericht Kassel anhängig. Reinhard Kolb von der HGON fordert: „Der Schutz der Natur muss Vorrang vor allen Ausbauplänen haben. Windkraftanlagen dürfen nur an verträgliche Standorte.“

          Eine erste Schlappe vor Gericht erlitten die Kläger bereits. Sie scheiterten im Sommer mit einem Eilantrag, mit dem sie einen Baustopp für die mittlerweile fertiggestellten drei Windräder bewirken wollten. Das Gericht erklärte, die Naturschützer hätten nicht dargelegt, inwieweit es durch die Bauarbeiten zu Störungen von brütenden Rotmilanen und Schwarzstörchen komme. Die Naturschützer und Windkraft-Gegner wollen aber nicht locker lassen. „Wir werden weiter streiten und kämpfen“, kündigt Kolb an. „Die Richter haben die Experten-Meinungen zum Tier- und Naturschutz nicht genug gewürdigt.“

          Klagen sind für den Windparkplaner Abowind aus Wiesbaden Alltag: „Klagen gibt es mittlerweile an sehr vielen Standorten. Es findet sich immer jemand, der wegen des Tier- und Naturschutzes einen Rechtsstreit anzettelt“, sagt Unternehmenssprecher Alexander Koffka. Die Naturschützer entwickelten zunehmend eine „lokale Motivation“. Wenn nahe ihrer Ortschaften gebaut werde, entdeckten die Bürger plötzlich ein Herz für den Tierschutz.

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