17.10.2009 · Noch ist die Zukunft der Holbein-Madonna offen, aber für CDU und SPD ist klar: Sie gehört nach Darmstadt. Das Land führt Gespräche.
Von Rainer Hein, DarmstadtDarmstadts Politiker rüsten sich für einen abermaligen Kampf um die Holbein-Madonna. Noch ist das Bildnis von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1526 zwar im Eigentum des Hauses Hessen. Aber ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über aktuelle Verkaufsabsichten des Adelshauses (F.A.Z. vom 12. Oktober) hat SPD und CDU auf den Plan gerufen. Beide Fraktionen legten für die Stadtverordnetenversammlung Ende des Monats Anträge vor, in denen der Magistrat aufgefordert wird, sich für eine Rückkehr der Madonna nach Darmstadt einzusetzen. Dort war dieses Kunstwerk stets größter Besuchermagnet des Schlossmuseums, bis es 2004 auf Basis eines Leihvertrags ins Frankfurter Städel kam. Donatus Prinz von Hessen könnte das Leihverhältnis zur Mitte des nächsten Jahres nun wieder kündigen – und dann das Bild auf den Kunstmarkt bringen.
Dass es sich um mehr als Verkaufsgerüchte handelt, macht eine Stellungnahme der hessischen Landesregierung deutlich, die verklausuliert einräumt, aktuell werde über die Zukunft der „Darmstädter Madonna“ mit dem Hause Hessen gesprochen. Auf Anfrage teilte das Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit: „Die Landesregierung ist sich der kunstgeschichtlichen Bedeutung der 1526 entstandenen ,Madonna des Baseler Bürgermeisters Meyer zum Hasen‘ von Hans Holbein dem Jüngeren genauso bewusst wie des historischen Rangs des Gemäldes. Im Hinblick auf Verkaufsabsichten der Eigentümer für das zurzeit als Leihgabe im Frankfurter Städel aufgestellte Bild sind zahlreiche offene Fragen zu klären. Das Land ist mit den Beteiligten in guten Gesprächen, um zu einer vernünftigen Lösung zu kommen.“
Einigkeit in der Sache über die Parteigrenzen hinweg
Die SPD-Kulturpolitikerin Sandra Russo äußerte in dieser Woche, sie hieße es gut, wenn das Land Hessen „die Chance nutzen würde, die Holbein-Madonna zu erwerben“. Nach Ansicht des SPD-Fraktionsvorsitzenden Hanno Benz wäre ihr Verbleib in Darmstadt dann nicht länger „von den Launen des Hauses Hessen abhängig“. Benz und Russo, aber auch die CDU-Stadtverordneten Ctirad Kotoucek und Ludwig Achenbach als Verfasser des CDU-Antrags sind sich in der Standortfrage absolut einig, das Kunstwerk gehöre nach Darmstadt und sonst nirgendwo hin. Der Verbleib am ehemaligen Sitz der großherzoglichen Familie sei immer ein „Herzensanliegen“ von Prinzessin Margaret gewesen, hob Achenbach hervor, und die Rückkehr von Frankfurt nach Darmstadt sei seinerzeit verbindlich zugesichert worden – spätestens zum Zeitpunkt, an dem der Anbau des Hessischen Landesmuseums fertiggestellt sei. Überlegungen über wechselnde Ausstellungsorte und eine „Zukunft in der Art eines Wanderpokals“ müsse die Stadt eine klare Absage erteilen, so der CDU-Politiker.
In Darmstadt herrschen zwar seit dem Bruch der Ampelkoalition eher politisch unübersichtliche Verhältnisse. Dass sich die Stadtverordneten aber mit großer Mehrheit der Intention beider Anträge anschließen werden, steht außer Frage. Zuletzt hatte die Stadtverordnetenversammlung im Dezember 2008 den Magistrat aufgefordert, für eine Heimkehr zu sorgen, „wie dies beim Abtransport aus dem Schlossmuseum verbindlich zugesichert worden war“. Die Einigkeit in der Sache über alle Parteigrenzen hinweg ist zum erheblichen Teil Darmstadts Kulturgeschichte als ehemaliger Residenz- und Landeshauptstadt geschuldet. Das 1924 eröffnete Schlossmuseum als Heimstätte der Madonna geht noch auf eine Initiative des letzten Großherzogs Ernst Ludwig zurück, dem nach seiner Abdankung das alte Schlossinventar als Privateigentum überlassen worden war. Es bildete die Basis der Museumspräsentation in den ehemaligen großherzoglichen Wohn- und Repräsentationsräumen mit Holbeins Gemälde als Krönung.
Verlust der Holbein-Madonna war schmerzhaft für Darmstadt
Ernst Ludwigs Erbe ging später auf seinen jüngsten Sohn, Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, über, der mit Prinzessin Margaret verheiratet war. Margaret wiederum schloss 1986, da die Ehe kinderlos blieb, einen Schenkungsvertrag über das gesamte Eigentum mit der „Hessischen Hausstiftung“ ab, in der das Familienvermögen und der Kulturbesitz beider Linien – Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel – konzentriert wurde. Diese Stiftung dient dazu, das Vermögen der Erben zusammenzuhalten, zu vermehren und im Zweifelsfall zu veräußern. Zu den Erben zählen neben Moritz Landgraf von Hessen noch seine vier Kinder Donatus, Mafelda, Elena und Philipp, die alle zur Kasseler Linie gehören.
Angesichts dieser Dynastiegeschichte steht die Bedeutung der Holbein-Madonna für Darmstadt außer Frage. Ihr Verlust 2004 war keineswegs nur für Darmstadts Kulturpolitiker schmerzhaft. Nachdem sie ans Städel verliehen wurde, gingen die Besucherzahlen im Schlossmuseum derart rapide zurück, dass die Stadt Ende 2008 sich entschloss, aus dem Trägerverein des Schlossmuseums auszutreten, dem außer ihr noch die Hausstiftung und das Land angehörten. Die drohende Schließung des Museums, die im Sommer dann tatsächlich vollzogen wurde, führte zu einem Massenprotest in Darmstadt und der Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die ein neues Konzept erarbeiten sollte.
Zeitpunkt der Diskussion über die Madonna ist günstig
Darmstadts Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann (SPD) teilte kürzlich mit, die Arbeitsgruppe werde ihre Beratungen in diesem Monat beenden und dann ihre Ergebnisse vorstellen. Vermutlich sind in deren Überlegungen auch die Pläne des Landesmuseums eingeflossen, das wegen der Generalsanierung die nächsten Jahre geschlossen ist. Die umfangreiche Sanierung nimmt das Haus zum Anlass, seine Präsentation und Konzeption ebenfalls zu überarbeiten.
So betrachtet, kommt die Diskussion um die Zukunft der Holbein-Madonna also zu einem günstigen Zeitpunkt. Die Frage ist freilich, ob das Land das Bildnis wirklich erwerben möchte und kann. 2002, als zuletzt von einem Verkauf an die Getty-Stiftung gesprochen wurde, war von einer Summe von mehr als 110 Millionen Euro die Rede. Wäre Darmstadt im Fall der Fälle bereit, zusammen mit dem Land als Käufer aufzutreten und sich für seine „Darmstadt Madonna“ auch finanziell zu engagieren? In den beiden Anträgen von CDU und SPD ist diese delikate Frage noch nicht angesprochen.