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Höfe in Not Bauern wollen günstige Kredite und Schulmilch

27.04.2009 ·  Nach der rasanten Talfahrt der Milchpreise fordert der hessische Bauernverband ein „Notprogramm“. Andernfalls stünden bis zu 1000 Betriebe vor dem Aus, warnt Präsident Schneider. Er macht sich zudem für Schulmilch und ein Exportmarketing stark.

Von Thorsten Winter, Buseck
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Ein kerniger Spruch kommt Friedhelm Schneider gerne über die Lippen. „Ich bin ein krankhafter Optimist“, sagt der Landwirt aus dem Main-Kinzig-Kreis. In diesen Tagen wirkt sein Bekenntnis besonders demonstrativ. Denn Zuversicht strahlen in diesen Tagen nicht sehr viele seiner Berufskollegen aus. Der Grund offenbart sich an den Kühlregalen: Milch, Joghurt, Butter und Quark kosten ein Dritter weniger als vor Jahresfrist. „Wir haben innerhalb eines Jahres die historisch höchsten und niedrigsten Milchpreise erlebt“, sagt Rudolf Schmidt, Referatsleiter Milch beim Deutschen Bauernverband, und bestätigt so die Beobachtung von Günter Berz-List, der die Schwälbchen-Molkerei in Bad Schwalbach führt.

Inflationsbereinigt ist Milch derzeit billiger als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wie es heißt. So stehen viele Milchbauern mit dem Rücken zur Wand, wie Schneider als Präsident des hessischen Bauernverbands sagt. Jeder Cent, den Milch billiger werde, koste die Branche angesichts der Jahresproduktion von einer Milliarde Litern hierzulande zehn Millionen Euro, rechnet er vor. Und fordert ein „Notprogramm Milch“, das er bei einer Tagung von Bauern in Buseck bei Gießen vorstellte.

Kontra Analogkäse

Schneider hat mehrere Stoßrichtungen im Blick. So fordert er, Milchimitate wie aus pflanzlichen Fetten hergestellten „Analogkäse“ nicht mehr zu verwenden. Dass sich etwa Pizzabäcker daran halten, solle die Lebensmittelüberwachung gewährleisten. „Wenn kein Käse drin ist, darf auch nicht Käse draufstehen“, meint Schneider und fügt an: „Analogkäse taugt nichts – zumindest aus unserer Sicht.“ Schließlich gebe es am Markt genügend echten Käse.

Dieses Milchprodukt ist, wie Schneider weiß, in der jüngeren Vergangenheit vielfach von „Analogkäse“ aus den Rezepturen verdrängt worden, weil es Abnehmern zu teuer geworden war nach dem Anstieg der Milchpreise vor gut einem Jahr. Für die Erzeuger war diese Milchpreishausse erst einmal gut, wie der Präsident sagt: „Höfe konnten Schulden abbauen und investieren.“ Dafür trifft es sie jetzt umso härter: Die Lebensmittelindustrie, die gemeinhin rund ein Zehntel der hierzulande gemolkenen Milch verarbeitet, hat zuletzt 16 Prozent weniger Milchprodukte gekauft als noch vor Jahresfrist. Die Rezepturen wieder zu ändern und auf tierische statt pflanzliche Fette zurückzugreifen, ist selbst nach Einschätzung des Berbands nicht rasch zu erreichen.

Dessen ungeachtet dringt Schneider, der nach eigenem Bekunden täglich einen halben Liter Milch trinkt, auf ein Schulmilchprogramm. So könnten Kinder auf den Geschmack kommen, wie er meint. Der Volksgesundheit diente es auch: „Dass Milch gut gegen Osteoporose und gut für die Zähne ist, brauche ich nicht zu sagen.“ Gleichzeitig flössen überschüssige Mengen vom Milchmarkt ab, den der Bauernchef auch durch einen erhöhten Export entlasten will.

Lob für die Rentenbank

Die Ausfuhren haben zuletzt unter mehreren ungünstigen Einflüssen gelitten: Nach dem Skandal um vergiftetes Milchpulver hielten sich Chinesen mit dem Milchkonsum zurück, die zwischenzeitlich als Folge einer Dürreperiode vom Markt verschwundenen Mengen aus Neuseeland und Australien sind wieder da, und der gegenüber der Handelswährung Dollar starke Euro hat die Wettbewerbsfähigkeit der Europäer geschwächt. Immerhin fassen wieder mehr Chinesen neues Vertrauen in Milchpulver, so Schneider.

Gebeutelten Milchbauern helfe dies derzeit aber wenig, zumal Schwälbchen-Chef Berz-List mit Blick auf laufende Preisverhandlungen zwischen Großmolkereien und Discountern sagt: „Das sieht nicht gut aus.“ „Nicht gut“ heißt: Milch könnte noch billiger werden. Angesichts dessen benötigten Betriebe zinsverbilligte Liquditätshilfen, um Dünger und Futter zu bezahlen. Banken sollten Milchbauern durch kurzfristige Umschuldungen oder gestreckte Kredittilgungen entlasten, so Schneider, der die Landwirtschaftliche Rentenbank für kurzfristige Kredite lobte.

„Marktlage ändert sich 2010“

Dass aber auch die Milchbauern selbst gefordert sind, ließ er bei seiner Antwort auf die Frage durchblicken, wie der Verband den weiteren Anstieg der Milchqoute sehe, also der von der Europäischen Union erlaubten Produktionsmenge: „Es kann nicht Sinn der Sache sein, mehr Menge auf den Markt zu werfen, wenn es ein Problem mit dem Absatz gibt.“

Mit Blick auf die Verkäufe macht Milchreferent Schmidt den Berufskollegen aber Mut. Er geht von einer „grundsätzlichen Änderung der Marktlage“ im nächsten Jahr aus. Langfristig seien die Ausichten für Bauern wegen der weiter zunehmenden Weltbevölkerung ohnehin gut. Wie sagt doch Optimist Schneider: „Die Zukunft liegt in der Landwirtschaft.“

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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