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Hilfe per Computer Online-Therapie gegen Depressionen

 ·  Viele der rund 300.000 Hessen, die unter Depressionen leiden, gehen nicht zum Arzt. Für sie könnte die Behandlung im Internet ein Ausweg sein. Erste Ergebnisse sind ermutigend.

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Auf der Startseite des Internetprogramms erscheint die Zeichnung eines freundlich dreinschauenden und winkenden Computers. „Ich bin Deprexis“, steht daneben. „Bei mir bekommen Sie praktische Tipps und Anregungen, wie Sie Depressionen bewältigen und das Leben wieder spüren können.“ Nach einer kurzen Einführung beginnen die Fragen: „Fühlen Sie sich vielleicht schlecht, weil eine Beziehung in die Brüche gegangen ist, Sie Stress am Arbeitsplatz haben, oder bedrücken Sie finanzielle Sorgen?“

Für Menschen, die aus diesen oder anderen Gründen depressiv sind, den Gang zum Arzt aber scheuen oder eine lange Wartezeit bis zum ersten Termin bei einem Psychotherapeuten überbrücken wollen, hat das Hamburger Unternehmen Therapeutical Web-Systems ein Online-Therapie-Programm entwickelt.

Umgang mit Kindheitserlebnissen

Seit kurzem können Interessierte unter der Adresse www.deprexis.de eine zwanzig- bis dreißigminütige Probesitzung absolvieren und sich anschließend als Nutzer registrieren. Der Preis für den dreimonatigen Zugang: 180 Euro. „Dieses Programm wird von vielen Ärzten und Psychotherapeuten als richtungsweisend angesehen“, sagt Harald Herholz von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Im vergangenen Jahr wurden allein in Hessen 55,9 Millionen Euro für Antidepressiva ausgegeben. Eine Psychotherapie, auch mittels eines Computerprogramms wie Deprexis, könne in vielen Fällen ebenso wirksam sein wie Medikamente und dabei billiger und ohne gefährliche Nebenwirkungen, meint Herholz.

Das aus zwölf Modulen bestehende Programm bedient sich vorrangig verschiedener Ansätze der Verhaltenstherapie. So werden Patienten in der Testsitzung beispielsweise aufgefordert, sich ihr Verhalten auf einer Kostümparty vorzustellen: die Auswahl der Kleidung, die Reaktion auf die Aufforderung, Karaoke zu singen, und die Gedanken auf dem Heimweg. Das Modul endet mit einer Entspannungsübung und der Anleitung, sich von negativen Gedanken dadurch zu distanzieren, indem man sie vor seinem geistigen Auge auf eine Kinoleinwand projiziert. Wichtige Elemente der weiteren Therapie sind das Strukturieren von Tagesabläufen mit angenehmen Tätigkeiten und die Veränderung der eigenen Wahrnehmung. Dazu kommen Übungen zur Problemlösung, zum Umgang mit Kindheitserlebnissen, zur Traumdeutung und der Interaktion mit anderen.

Online-Therapie hat geholfen

Mario Weiss, Arzt und Geschäftsführer der Therapeutical Web-Systems AG, ist der Meinung, dass gerade diese offene Gestaltung des Programms jedem Patienten etwas bietet, das ihm hilft. „Bei dem Programm ist es nicht unbedingt erforderlich, alle Module zu absolvieren“, sagt Weiss. „Aber viele werden unter den Elementen eines oder zwei finden, die ihnen besondere Durchbruchserlebnisse, sogenannte ,sudden gains‘, bringen. Das ist ein ganz anderer Ansatz als eine lange Psychotherapie mit vielen Gesprächen.“ Außerdem unterscheidet das Programm sich von ähnlichen, die schon in Australien und den Vereinigten Staaten entwickelt wurden, dadurch, dass die Nutzer in einem simulierten Gespräch von Bildschirm zu Bildschirm geleitet werden. Die Software spricht die Patienten direkt an und geht flexibel auf die Angaben ein, abhängig davon, welche Alternative sie am Ende jeder Seite anklicken.

Die Wirksamkeit von Deprexis wurde bisher an einer aus dem Internet rekrutierten Gruppe von 400 Personen in einer wissenschaftlichen Studie getestet. Insgesamt hätten inzwischen etwa 1.000 Menschen das Programm genutzt, heißt es bei Therapeutical Web-Systems. Laut der Studie, die unter anderem in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychotherapie des Klinikums Hamburg-Eppendorf erstellt wurde, gaben mehr als 80 Prozent der Teilnehmer an, die Online-Therapie habe ihnen geholfen. Ein Viertel habe nachher als von der Depression genesen gegolten. Niemand habe angegeben, dass es ihm schlechter als vorher gehe.

Eignung von Deprexis

„Um wirklich belastbar zu sein, müsste die Studie noch an besser diagnostizierten Patienten wiederholt werden“, beurteilt diese Ergebnisse Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Denn die Probanden mussten sich keinem Arzt vorstellen; ihre Verfassung wurde nur mittels Fragebögen erhoben. Wenn eine weitere Studie mit verbesserten Methoden jedoch ebenfalls die Wirksamkeit belegen sollte, könne er sich durchaus vorstellen, dass Deprexis als erste Internet-Therapie Chancen habe, in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen zu werden. „Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend“, sagt Lieb. „Auch fachlich ist das Programm gut gemacht. Für die Kassen könnte sich das rechnen.“

Denn zwei Sitzungen bei einem Psychotherapeuten kosten etwa so viel wie die Teilnahme am gesamten Deprexis-Programm – und Medikamente unter Umständen ein Vielfaches. Nach Ansicht des Klinikdirektors eignet sich Deprexis vor allem für Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen. Bei schweren Depressionen sollten Betroffene aber immer einen Facharzt aufsuchen und sich mit Medikamenten behandeln lassen, eventuell kombiniert mit einer Psychotherapie.

„Niemand muss Scham empfinden“

Doch dieser Schritt ist nicht selbstverständlich. In Hessen, so schätzt Versorgungsfachmann Herholz, litten etwa 300.000 Menschen an einer Depression. Nur ein Drittel von ihnen werde aber als depressiv erkannt und entsprechend behandelt. Auch wer bei sich selbst eine Depression vermute, sich aber keinem Arzt anvertrauen wolle, könne von Deprexis profitieren, sagt Herholz. „Weil das Programm anonym ist, muss dabei niemand Scham empfinden und kann dem Computer gegenüber ganz ehrlich sein.“

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Von Matthias Alexander

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