02.02.2010 · Der Energieverbrauch in Hessen soll bis 2020 um ein Fünftel sinken. Das sieht ein von Umweltministerin Lautenschläger vorgestelltes Konzept vor. Um ihr Ziel zu erreichen, will die Ministerin verstärkt für die Sanierung von Häusern und Heizungen werben.
Der Energieverbrauch in Hessen soll in den nächsten zehn Jahren um fast 20 Prozent sinken. Dieses Ziel hat Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) bei der Vorstellung des Energiekonzepts der Landesregierung vorgegeben. Zudem sollten erneuerbare Energien im Jahr 2020 mindestens ein Fünftel des hessischen Energiebedarfs (ohne Verkehr) decken; derzeit liege der Anteil bei knapp sechs Prozent.
Um ihr „sehr ehrgeiziges“ Sparziel zu erreichen, will die Ministerin verstärkt für die Sanierung von Gebäuden und Heizungsanlagen werben, Energieberater schulen und „Energieeffizienz-Checks“ für Unternehmen entwickeln. Zudem plädierte sie für steuerliche Anreize für eine bessere Wärmedämmung und kündigte einen beispielgebenden Modellversuch zum Energiesparen in einem ganzen Stadtteil oder einer kleineren Kommune an. Derzeit werden in Hessen etwa 133 Terawattstunden oder 133 Milliarden Kilowattstunden im Jahr für Strom und Wärme benötigt, Ende des Jahrzehnts sollen es nur noch 105 Terawattstunden sein; ein Kernkraftwerk produziert laut Ministerium jährlich etwa sieben Terawattstunden.
Biomasse soll mehr genutzt werden
Bei den regenerativen Energien setzt Lautenschläger vor allem auf den verstärkten Einsatz von Biomasse. Auch die Nutzung von Windenergie werde vorangetrieben, doch wolle sie eine „Verspargelung“ weiter Teile des Landes mit Windrädern verhindern und strebe daher eher den Zukauf von Strom aus Off-Shore-Anlagen im Meer an. Unternehmen, die in Wind- und Solarparks – auch außerhalb Hessens – investierten, könnten künftig Bürgschaften erhalten. Für andere Arten der Förderung erneuerbarer Energien und des Energiesparens stelle das Ministerium allein 2010 knapp 30 Millionen Euro zur Verfügung.
Um auf einen 20-Prozent-Anteil erneuerbarer Energien zu kommen, müssen 21 Terawattstunden jährlich aus Sonne, Wind, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie gewonnen werden. Derzeit liege der Anteil bei sieben Terawattstunden, was in etwa der Jahresproduktion eines konventionellen Großkraftwerks entspreche. Das größte Potential hat nach Einschätzung der Umweltministerin in Hessen die Biomasse (künftig 9,5 Terawattstunden, derzeit 5,5); sie soll im Jahr 2020 rund die Hälfte der Versorgung mit regenerativen Energien abdecken. Kleinere Anteile sind für Strom und Wärme aus Sonnenenergie (künftig drei Terawattstunden, heute 0,25), Wasserkraft (0,5 Terawattstunden, heute 0,4) und die bisher noch wenig genutzte Geothermie (in zehn Jahren: 1,0 Terawattstunden) vorgesehen.
„Chance für Versorger“
Die Windenergie (künftig sieben Terawattstunden, derzeit 0,8) soll nach dem Willen Lautenschlägers die verbleibende Lücke schließen, doch müssten nicht alle dafür benötigten zusätzlichen Anlagen in Hessen gebaut werden. Den Energieversorgern solle vielmehr die Chance eröffnet werden, mit Unterstützung des Landes außerhalb Hessens und Deutschlands Anlagen für Wind- und Solarenergie zu errichten, diese ins Netz einzuspeisen und dem Land Hessen zuzurechnen. Die Möglichkeiten, zusätzliche Windräder aufzustellen, würden bewusst nicht ausgereizt, sagte die Ministerin. „Wir wollen die Menschen nicht überfordern, und wir wollen auch keine komplette Verspargelung der Landschaft.“ Sie hoffe vielmehr, in Übereinstimmung mit den Regionen weitere Standorte für Windräder zu finden. Schon jetzt gebe es in Nord- und Mittelhessen bestandskräftige Regionalpläne, in denen zusätzliche Flächen für die Nutzung von Windenergie ausgewiesen seien.
Lautenschläger wies darauf hin, dass allein 40 Prozent der Energie für Raumheizung und Warmwasserbereitung benötigt würden. Wenn die Zahl der jährlich sanierten Gebäude verdreifacht werden könnte (derzeit 0,75 Prozent des Hausbestands), würde nicht nur der Verbrauch sinken, sondern es würden auch private Investitionen mit einem Wert von 1,7 Milliarden Euro jährlich getätigt und bis zu 25.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert. Voraussetzung, um die Zielvorgabe bei den erneuerbaren Energien zu für die Verbraucher akzeptablen Bedingungen zu erreichen, sei die weitere Nutzung von Kohle, Gas und Kernenergie, sagte die Ministerin und sprach von einem Dreiklang aus Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Preisgünstigkeit. „Die Herausforderungen sind groß, aber die Chancen erheblich größer.“Das Klima, die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt würden von den Plänen der Landesregierung profitieren.
Handwerk: Ausgewogener Weg
Das Energiekonzept ist von 17 Experten aus Wissenschaft, Energie- und Wohnungswirtschaft sowie Vertretern des Ministeriums unter Vorsitz der Ministerin und von Martin Viessmann, Geschäftsführer der nordhessischen Viessmann Werke für Heiztechnik, erstellt worden. Das Gremium hatte die Aufgabe, Möglichkeiten und Hemmnisse für die einzelnen Energiearten sowie mögliche Anreize zur verstärkten Nutzung aufzuzeigen. Nach Angaben der Ministerin flossen die Ergebnisse von 80 Gutachten in die Arbeit ein. Sie hoffe, mit dem Bericht „die ideologisch verzerrte Debatte“ über die künftige Energieversorgung zu versachlichen und zu befrieden, sagte Lautenschläger. Im Konzept selbst heißt es zudem, die Autoren hätten „nicht den Anspruch, einen kostenoptimierten Ausbaupfad für die erneuerbaren Energien aufzuzeigen“. Vielmehr sei es um die Darstellung des erschließbaren Potentials bis 2020 gegangen.
Lob für die Pläne der Ministerin kam von der CDU, vom Regierungspartner FDP und dem Hessischen Handwerkstag. Lautenschläger kalkuliere im Gegensatz zur Opposition mit realistischen Ausbauraten für alternative Energien, sagte der energiepolitische Sprecher der Union im Landtag, Peter Stephan. Dass der Förderung der Biomasse im waldreichsten Bundesland Vorrang eingeräumt werde, sei nur folgerichtig. Bei aller Euphorie dürfe aber auch die Nahrungsmittelproduktion nicht aus den Augen verloren werden, und es seien auch Rest- und Abfallstoffe als Bio-Energiemasse zu verwerten. Erfreulich sei, dass einem „unkontrollierten Wildwuchs“ von Windkraftanlagen ein Riegel vorgeschoben werde. Für die FDP begrüßten die Abgeordneten René Rock und Frank Sürmann, dass in dem Konzept weiter auf einen Mix mit herkömmlichen Energien gesetzt werde. „Das vorgestellte Energiekonzept findet einen ausgewogenen Weg zwischen Forderung und Förderung“, sagte Handwerkspräsident Bernd Ehinger.
SPD winkt ab
Die Opposition im Landtag sprach hingegen von einer dürftigen, uninspirierten und wenig ehrgeizigen Vorlage. Das Konzept sei „enttäuschend auf der ganzen Linie“, urteilte der umweltpolitische Sprecher der SPD, Manfred Görig. Besonders bedauerlich sei es, dass die Ministerin darauf verzichte, planungsrechtliche Hindernisse für den Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere für mehr Windkraftanlagen, zu beseitigen. Die Grünen sprachen von einer mehr als dürftigen Datensammlung. „Reine Absichtserklärungen reichen nicht aus, dem Klimawandel entgegenzutreten“, äußerte die Abgeordnete Ursula Hammann.
Aus Sicht der Linkspartei mangelt es der CDU/FDP-Regierung an politischem Willen, um eine wirkliche Wende in der Energiepolitik zu erreichen. Dafür, so die Linken-Fraktionsvorsitzende Janine Wissler, bedürfe es etwa einer Dezentralisierung und Rekommunalisierung der Energieversorgung. Nach Auffassung des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) könnte der Anteil der erneuerbaren Energien binnen zehn Jahren deutlich mehr als 20 Prozent erreichen, wenn die Landesregierung die Potentiale der Windenergie konsequent ausschöpfen würde.