Wie oft hat Diether Degreif das schon gehört: „Mein Großvater soll Nazi gewesen sein.“ Viele Anrufer sagten das, und man merke, wie schwer ihnen der Satz über die Lippen komme. Aber ein berechtigtes Interesse muss schon glaubhaft machen, wer sich im hessischen Hauptstaatsarchiv Gewissheit über die Rolle einzelner Persönlichkeiten im Dritten Reich verschaffen will.
In der Nachkriegszeit waren es vor allem Behörden, die etwa zur Bearbeitung von Rentenansprüchen oder vor der Genehmigung von Reisen nach Israel um Akteneinsicht baten. Aber inzwischen überwiegt das Interesse von Privatleuten bei weitem. Und es nimmt nicht ab, obwohl die zeitliche Distanz zu der Ära des Grauens immer größer wird.
2,4 Millionen Bögen ausgewertet
Zehn bis 15 Anfragen nimmt Degreif in der Woche entgegen. Der Zweiundsechzigjährige ist nur einer von drei Archivdirektoren in dem großen, gediegenen Klinkerbau auf dem Mosbacher Berg in Wiesbaden. Aber seine Akten dürften die spannendsten sein. In 20 894 Kartons lagern rund 3,4 Millionen Unterlagen, die detailliert Auskunft geben über die Rolle der Hessen in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Amerikaner ließen in ihrer Besatzungszone, zu der außer Hessen noch Bayern und Bremen zählten, jeden deutschen Staatsangehörigen im Alter von mindestens 18 Jahren einen Meldebogen mit 131 Fragen ausfüllen. Mehr als 50 davon betrafen die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen. Auch unvollständige Antworten waren mit Strafe bedroht.
In Hessen werteten 50 dezentrale Spruchkammern rund 2,4 Millionen Bögen aus, um die Personen in fünf Kategorien einzuteilen: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete. Weil den Kammern die Mitgliederkarteien der NSDAP und der SS zur Verfügung standen, konnten sie die Angaben jedenfalls zum Teil verifizieren.
In etwa 90 Prozent der Fälle wurde eine Entnazifizierungsbescheinigung ausgestellt. Wer hingegen schuldig gesprochen wurde, bekam ein Beschäftigungsverbot auferlegt, das mit einer Geldstrafe oder gar Arbeitslager verbunden wurde.
Allerdings musste nur ein sehr geringer Teil der Verurteilten die „Sühnemaßnahmen“ tatsächlich erdulden. Denn Amnestien, Hinhaltetaktiken, juristische Winkelzüge und der heraufziehende Kalte Krieg gegen den neuen gemeinsamen Gegner im Osten verhinderten oft genug die konsequente Vollstreckung.
Die Meldebögen, Anklageschriften, Stellungnahmen, Vernehmungsprotokolle und Urteile der Spruchkammern nehmen in den grau-grünen Rollregalen des Archivs exakt 2606 Meter ein. Degreifs rund 400 Quadratmeter großes Magazin dokumentiert, wie Millionen von Hessen auf ihre ganz eigene, individuelle Weise durch den Krieg gingen. Es ist so etwas wie das politische Gewissen des Landes.
Umfangreiche Akte des Ruhrbarons
Dort katalogisiert zu sein muss keine Schande bedeuten. „Ich versichere an Eides statt, das er sich im August 1944 geweigert hat, den durch den Landrat übermittelten Befehl der Gestapo, wonach alle SPD- und KPD-Stadtverordneten verhaftet werden sollten, auszuführen“, heißt es beispielsweise in einem der zahllosen „Persilscheine“, die der Entlastung dienen sollten. Wenn sie von Bürgermeistern, Pfarrern und Apothekern unterzeichnet wurden, haben sie die mit Deutschen besetzten Spruchkammern oft nicht unbeeindruckt gelassen, wie Degreif erklärt. Die Amerikaner aber hätten sich oft darüber beklagt, dass es sich um Gefälligkeitsgutachten gehandelt habe. In den Anklageschriften werden hingegen Verbrechen wie die Beteiligung an Erschießungen oder an dem Abbrennen von Synagogen minutiös geschildert.
Die Akte des Ruhrbarons Fritz Thyssen ist besonders umfangreich. Der Industrielle, der sich während der NS-Zeit von einem Anhänger Hitlers zu einem seiner Gegner entwickelte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Besatzungsmacht verhaftet. 1948 stufte die Spruchkammer in Königstein ihn als „minderbelastet“ ein. Sie ordnete an, einen Teil seines Vermögens einzuziehen. Der Ruhrbaron starb 1951.
Seine Akte kann im Prinzip jedermann einsehen, der sich ernsthaft dafür interessiert. Denn sie erfüllt die Vorschrift, nach der die Persönlichkeit, um die es geht, seit mindestens zehn Jahren nicht mehr lebt. Außer Angehörigen, die sich für ihre Vorfahren interessieren, nutzen auch Wissenschaftler und Buchautoren die Möglichkeit, die Spruchkammerakten im Lesesaal des Archivs zu studieren.
Landeskriminalisten forschen seit vielen Jahren im Archiv
Der Frankfurter Publizist Ernst Klee sichtete dort die Quellen, die zur Grundlage für seine Arbeiten über die medizinischen Verbrechen der Nationalsozialisten wurden. Ein Doktorand der Universität Mainz schrieb seine Dissertation über die Entnazifizierung der hessischen Jäger - und bekam anschließend eine Anstellung. Gute Bekannte sind seit vielen Jahren auch zwei Beamte des Landeskriminalamtes: Sie sind nach wie vor damit beschäftigt, Verbrechen aufzuklären, die im Dritten Reich begangen wurden. Mord verjährt nicht.
Das hessische Hauptstaatsarchiv stellt den Interessenten die Akten der Spruchkammern kostenfrei zur Verfügung. Degreif wirft oft einen Blick hinein, schließlich ist er als Historiker schon vor Jahrzehnten der Faszination erlegen, die von solchen Quellen ausgeht. Der gebürtige Mainzer hat an der Johannes-Gutenberg-Universität eine Doktorarbeit über „Operative Planungen des k.u.k. Generalstabes für einen Krieg in der Zeit vor 1914“ geschrieben. Anschließend absolvierte er eine zweijährige Ausbildung an der Archivschule in Marburg.
Lange Zeit könne er sich aber mit dem Inhalt der einzelnen Akten nicht beschäftigen, sagt Degreif seufzend. Das hielte ihn von der eigentlichen Arbeit ab. „Es ist die größte Gefahr für einen Archivar, dass er anfängt zu lesen.“

