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Veröffentlicht: 10.03.2017, 16:44 Uhr

Hessischer Verkehrsminister „Das Schülerticket wird ein Renner“

Viel Überzeugungsarbeit hat es Minister Al-Wazir gekostet, seine Idee eines hessischen Schülertickets dem RMV, Bürgermeistern und Landräten nahezubringen. Jetzt ist er fast am Ziel.

von
© Frank Röth Schülerbeförderer: Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) setzt auf das landesweite Schülerticket.

Was ist am neuen Schülerticket besser als an der bisherigen Clevercard für Schüler und Azubis?

Hans Riebsamen Folgen:

Es ist zuallererst einmal günstiger. Zumindest für die meisten. Zurzeit gibt es in einigen Kreisen Schülerkarten, die mehr als 500 Euro im Jahr kosten. Wenn wir jetzt ihnen allen ein Ticket für 365 Euro anbieten, also für einen Euro am Tag, sparen sie damit richtig Geld. Das gilt vor allem für Familien mit mehreren Kindern.

Gibt es weitere Vorteile?

Fast alle zahlen weniger, und alle bekommen auch noch mehr. Kreis- und Stadtgrenzen spielen künftig keine Rolle mehr, mit dem Schülerticket kann man in ganz Hessen fahren. Kurz gefasst: ein Ticket, ein Land, ein Euro am Tag.

In den meisten Städten wird das Schülerjahresticket billiger, nur in Bad Homburg, Offenbach und Hanau kostet es künftig mehr. Was sagen Sie den Käufern in diesen drei Städten?

Das stimmt nicht ganz. In der Stadt Offenbach wird’s billiger. Da kostet die Clevercard bisher 450 Euro. Ich weiß das so genau, weil mein Sohn eine hat. Etwas teurer wird’s im Kreis Offenbach.

Dort wird man nicht erfreut sein.

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Na ja, man darf nicht vergessen, dass wir das Angebot deutlich ausweiten. Wenn man sich allein anschaut, was eine Anschlusskarte von Rödermark oder Dietzenbach nach Frankfurt kostet, dann haben Sie den etwas höheren Ticketpreis schnell wieder raus. Da reichen schon wenige Schulausflüge. Ähnliches gilt für Bad Homburg oder Hanau. Die Wege vieler Schüler und Azubis führen bereits heute oft über die Stadt- und Kreisgrenzen hinaus. Mit dem neuen Ticket zahlen sie dafür keinen Cent extra.

Ist es für Schüler, vor allem für jüngere Schüler wichtig, über die Stadtgrenze hinaus in ganz Hessen mit Bussen und Bahnen fahren zu können?

Grundschüler, die zu ihrer Schule laufen können, haben keine Jahreskarte und brauchen auch keine. Es muss ja auch niemand das neue Schülerticket kaufen. Jene, denen der Schulträger bisher die Fahrt zur Schule bezahlt, bekommen ihr Ticket weiterhin ersetzt. Auch daran ändert sich nichts. Für viele andere aber wird das Fahren in den allermeisten Fällen günstiger und attraktiver. Denn wer das Ticket mal in der Tasche hat, wird es auch nutzen.

Zum Beispiel?

Vorteile haben etwa die Auszubildenden. Bei ihnen liegen Wohnort, Ausbildungsort und die Berufsschule häufig weit auseinander, oft in verschiedenen Städten oder Kreisen. Die mussten bislang dann deutlich teurere Karten kaufen. Oder die Oberstufenschüler: Sie bekommen vom Schulträger kein Fahrgeld erstattet. Weil Oberstufenschüler erfahrungsgemäß sehr viel unterwegs sind, rechne ich mit einer deutlichen Steigerung beim Verkauf von Jahrestickets. Ich bin mir sicher, dass das Schülerticket ein Renner wird. FRAGE:

Schlägt das Schülerticket das Auto?

Wenn wir als Land jetzt Bus- und Bahnfahrten günstiger und damit attraktiver machen, glaube ich schon, dass der Nahverkehr langfristig mehr genutzt wird. Das gilt auch für jüngere Schüler, die damit früher lernen, sich selbständig zu bewegen. Sie sind weniger aufs Elterntaxi angewiesen. Das stellt übrigens auch einen Beitrag zur Verkehrssicherheit dar. Wenn durch das Schülerticket ein paar Autos weniger vor dem Schultor parkten und die Gehwege verstellten, hätten alle etwas davon. Bleiben die Schüler dann dauerhaft bei Bussen und Bahnen, würde mich das freuen.

Sollen der ÖPNV das Auto ersetzen?

Ich mache mir da nichts vor: Gerade auf dem Land können viele auf ein eigenes Auto nicht ganz verzichten. Klar. Aber wir machen den ÖPNV mit dem Schülerticket jetzt deutlich günstiger und damit auch konkurrenzfähiger. Und was die Städte betrifft: Wenn wir jetzt ein Ticket für einen Euro am Tag anbieten, dann glaube ich schon, dass sich der eine oder andere die Frage stellt, ob er sich mit 18 wirklich als Allererstes ein eigenes Auto wünscht – so wie es früher oft der Fall war.

Nach RMV und Verkehrsverbund Rhein-Neckar muss jetzt noch der Nordhessische Verkehrsverbund zustimmen. Gibt es da Probleme?

Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der NVV am nächsten Donnerstag auch zustimmt und mein Traum von einem landesweiten Schülerticket damit Wirklichkeit wird.

Das Land will 20 Millionen Euro einsetzen, um dem RMV und den örtlichen Verkehrsträgern die Einnahmeausfälle durch das Schülerticket zu ersetzen. Ist das Geld sicher?

Für den Haushalt 2017 hat der Landtag 11,5 Millionen Euro genehmigt. Weil das Ticket mit dem neuen Schuljahr im August beginnt, brauchen wir nicht die volle Summe von 20 Millionen. In den 11,5 Millionen ist auch das Geld drin, das wir den Verbünden für eine Werbekampagne überweisen, damit wir das neue Angebot bekannt machen können.

Was ist in den folgenden Jahren?

Für den dreijährigen Probebetrieb hat der Landtag pro Jahr 20 Millionen bereitgestellt. Je mehr Kunden wir zusätzlich gewinnen, desto geringer sind die Einnahmeausfälle bei den Verkehrsunternehmen, die wir ausgleichen müssen.

Und wenn das Geld nicht reicht?

Ich will es mal so sagen: Wir haben das Ticket entwickelt. Ich bin davon auf ganzer Linie überzeugt. Wir haben klargemacht, dass wir die Kommunen nicht im Regen stehen lassen werden. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sich diese vereinzelten Bedenken am Ende in Wohlgefallen auflösen werden. In einigen Jahren werden die Skeptiker von heute sagen, dass sie schon immer für das Schülerticket waren.

Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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